https://www.faz.net/-gaq-7qzyi

2:1 gegen Mexiko : Sneijder und Huntelaar retten Holland

Ein Schalker kommt, sieht und trifft: Klaas-Jan Huntelaar Bild: dpa

Dramatik in der Hitze von Fortaleza: Die Niederlande stehen gegen Mexiko vor dem WM-Aus. Erst drischt Sneijder den Ball kurz vor Ende zum Ausgleich ins Netz. Dann holt Robben einen Elfmeter heraus – und Huntelaar verwandelt zum 2:1.

          Welch ein Drama für Mexiko, welch ein Comeback für Holland. Drei Minuten waren die Mexikaner noch vom Viertelfinale der WM entfernt, das sie fünfmal hintereinander seit 1994 verpasst hatten – dann gaben sie den Sieg gegen die am Ende furios anstürmenden Niederländer noch aus der Hand. Giovani dos Santos hatte die Mexikaner kurz nach der Pause in Führung gebracht (48. Minute), Wesley Sneijder kurz vor Ende der regulären Spielzeit den Ausgleich erzielt (88.).

          Christian Eichler

          Sportkorrespondent in München.

          In der Nachspielzeit, als alle bereits mit der Verlängerung rechneten, verwandelte der eingewechselte Schalker Klaas-Jan Huntelaar einen Elfmeter (nach Foul an Arjen Robben) zum 2:1-Sieg für die am Anfang gehemmten, am Ende entfesselt jubelnden Holländer. „Das ist wieder unglaublich. Das war aber verdammt schwer. Wir müssen nun weitermachen wie bisher. Wir sind gut, ich glaube an uns“, sagte Robin van Persie, der mit den Niederländern im Viertelfinale nun auf Costa Rica trifft.

          Wahrhaft ein fliegender Holländer: Klaas Jan Huntelaar trifft Bilderstrecke

          Es war das Duell zweier Teams, die die taktischen Top-Leistungen der Vorrunde gegen die Top-Favoriten des Turniers gezeigt hatten: die Holländer mit dem 5:1 gegen Titelverteidiger Spanien, die Mexikaner mit einem 0:0 gegen Gastgeber Brasilien. Der niederländische Trainer Louis van Gaal zeigte vor dem Achtelfinale großen Respekt vor der mit nur einem Gegentor defensivstärksten Mannschaft der Vorrunde. Er stufte sie stärker ein als Chile, gegen das Holland 2:0 gewonnen hatte: „Sie spielen fast identisch, aber ich finde Mexiko besser.“

          Die Mexikaner bestätigten seine Erwartungen, sie kamen viel besser ins Spiel als die Niederländer. Die erste große Torchance vergab Hector Herrera aus 14 Metern knapp (16. Minute). Drei Minuten später war er nach einem Fehler von Torwart Jasper Cillessen knapp davon entfernt, den Ball ins leere Tor zu köpfen, doch Ron Vlaar schlug die Kugel mit hohem Bein Zentimeter vor seiner Stirn weg. Einen Weitschuss von Carlos Salcido wehrte Cillessen mit Mühe zur Ecke ab (25.).

          Was war mit Robben und Robin van Persie los, den Himmels-Stürmern der Vorrunde? Robben machte sich zunächst nur mit einer Schwalbe bemerkbar. Und van Persie erreichte den ersten gelungenen Steilpass von Oranje zwar noch mit der Fußspitze, doch geriet er dabei zu weit nach außen (27.). In der folgenden Trinkpause machte van Gaal den bis dahin fast unsichtbaren Spielmacher Wesley Sneijder, den er um einen Kopf überragt, noch kleiner – er redete fordernd auf ihn ein. Das hatte Wirkung, aber erst eine Stunde später.

          Die Holländer schienen beeindruckt von den Mexikanern – und von der feuchten Hitze in Fortaleza, die Robben ebenso wie van Gaal vor Anpfiff als Vorteil für die damit vertrauteren Mexikaner bezeichnet hatte. Das Spiel im Estadio Castelao hatte auf einem fast komplett der prallen Sonne ausgesetzten Spielfeld begonnen, erst allmählich kroch der Schatten über den Rasen und gab zumindest einigen Spielern etwas Kühlung.

          Trainer Miguel Herrera, „El piojo“ genannt, die Laus, und mit seinem überschäumenden Temperament einer der Publikumslieblinge der WM, behielt, wie um van Gaal in seiner Befürchtung mexikanischer Hitze-Resistenz zu bestätigen, trotz drückender Hitze seinen dunklen Anzug mit Krawatte an. „Sehen Sie mich vor Holland zittern?“, hatte er vor der Partie gefragt und von seinen Spielern äußersten Einsatz gefordert. „Ich will sehen, dass sich die Jungs umbringen. Sie haben Geschichte zu schreiben.“ Herrera hatte sogar vom Gewinn des WM-Titels gesprochen.

          Auch die Holländer hatten das, in Person von Sneijder, der mit dem Team 2010 im Finale an Spanien gescheitert war und nun fragte: „Warum sollen wir diesmal nicht gewinnen?“ Die Antwort kam nur drei Minuten nach der Pause. Der kleine, wendige dos Santos nahm einen halbherzig abgewehrten Ball per Brust an, ließ sich von zwei Verteidigern nicht stören und traf aus zwanzig Metern per Aufsetzer zum 1:0. Nun mussten die Holländer kommen. Sie fanden den höheren Gang, den sie brauchten.

          Nach einer Ecke kam Stefan de Vrij völlig frei aus drei Metern zum Direktschuss. Doch Torwart Guillermo Ochoa zeigte eine jener unglaublichen Paraden, mit denen er Neymar beim 0:0 gegen Brasilien zur Verzweiflung gebracht hatte. Mit einer Blitzreaktion lenkte er den Ball an den Pfosten. Und hatte kurz darauf zweimal Glück, als Sneijder erst mit einem abgefälschten Schuss knapp das Tor verfehlte (60.) und dann eine Hereingabe Robbens am Fünfmeterraum hauchdünn verpasste (62.).

          Van Gaal machte zusätzlichen Druck, indem er den überraschend aufgebotenen Augsburger Abwehrmann Paul Verhaegh gegen den Offensivmann Memphis Depay austauschte und dann auch Huntelaar für den schwachen van Persie. Oranje drückte und drückte. Robben stürmte rechts durch, Ochoa hielt (73.). Dann landete ein abprallender Eckball im Rückraum bei Sneijder, der volley traf. Und Robben kam mit einem Dribbling bis an die Grundlinie, wurde gefoult. Huntelaar traf, und Holland träumt vom Titel. Wer solche Spiele noch gewinnt, darf das.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Proteste gegen China : Hongkong ist eine Gefahr für die Weltwirtschaft

          Chinas innenpolitischer Konflikt bedroht die ohnehin schon trübe Weltkonjunktur. Auch Pekings Vorgehen gegen die Fluggesellschaft Cathay sollte deutschen Unternehmen eine Warnung sein – denn auch Daimler und Lufthansa gerieten schon mal ins Fadenkreuz.

          TV-Kritik: Anne Will : Wiederbelebung der Neiddebatte

          Die SPD hatte bisher das einzigartige Talent, die Probleme ihrer Konkurrenz zu den eigenen zu machen. Bei der Debatte um den Solidaritätszuschlag scheint das anders zu sein, wie bei Anne Will zu beobachten war.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.