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Fußball-WM 2014 : Uruguay schickt auch Italien heim

Einer wird treffen. Godon setzt sich gegen Freund und Feind durch Bild: REUTERS

Italiens Marchisio sieht Rot. Uruguays Suárez beißt ungestraft wieder zu. Kurz vor Ende trifft Godin mit dem Rücken. Uruguay ist weiter, Italien der nächste große WM-Verlierer aus dem alten Europa. Trainer Prandelli tritt zurück.

          Wird es nun wieder faule Tomaten regnen bei der Heimkehr nach Rom? Damit waren die Italiener 1966 empfangen worden, weil sie zum zweiten Mal nacheinander in der Vorrunde einer WM gescheitert waren. Nun ist ihnen das abermals passiert. Der Weltmeister von 2006, der 2010 in Südafrika sieglos ausgeschieden war, fährt auch 2014 schon nach der Vorrunde wieder heim.

          Christian Eichler

          Sportkorrespondent in München.

          Das 0:0, das zum Weiterkommen gegen Uruguay gereicht hätte, hielt am Dienstag in Natal nur bis zur 81. Minute. Dann köpfte Diego Godin nach einem Eckball das 1:0-Siegtor, und so schickten die Uruguayer nach den Engländern auch die Italiener heim, die nach der Roten Karte für Claudio Marchisio (59. Minute) über eine halbe Stunde in Unterzahl spielen mussten.

          Mann für die wichtigen Tore: Diego Godin Bilderstrecke

          Beide Teams hatten England besiegt, aber beide auch gegen den krassen Außenseiter Costa Rica verloren. So wurde das Duell der beiden Alt-Weltmeister, der einzigen Nationen, die schon vor dem ersten deutschen Finalsieg in Bern 1954 Weltmeister waren, zu einem Entscheidungsspiel, das der italienische Regisseur Andrea Pirlo „mit einem Halbfinale oder Finale“ verglich. Kapitän Gianluigi Buffon, neben Pirlo der einzige verbliebene Weltmeister von 2006 im Team, forderte: „Wir brauchen ein heißes Herz und einen kühlen Kopf.“

          Und dazu ein Unentschieden – eine italienische Spezialität. Wie zu erwarten, setzte Cesare Prandellis Team zunächst auf vorsichtige Spielkontrolle, um die Uruguayer, die einen Sieg benötigten, aus der Reserve zu locken. Die aber taten ihnen – und den Zuschauern – nicht den Gefallen, was auch mit der deutlichen Unterlegenheit der spielerisch wenig inspirierten Südamerikaner im Mittelfeld lag, die zunächst allein auf ihre Kampfstärke und auf die Effizienz ihrer beiden Torjäger Luis Suárez und Edison Cavani hofften.

          Auch ohne den verletzten Daniele de Rossi kontrollierten die Italiener lange Zeit mit Verratti, Marchisio und Pirlo das Spielzentrum. Torchancen blieben angesichts der Konstellation aus lauernden Uruguayern und mit dem 0:0 zufriedenen Italienern Zufallsprodukte. Ein flatterhafter Dreißig-Meter-Freistoß von Pirlo brachte Torwart Fernando Muslera ein klein wenig in Schwierigkeiten (12. Minute). Und eine schwierig zu nehmende halbhoch scharfe Hereingabe, die Stürmer Ciro Immobile volley nahm, flog hoch auf die Tribüne (26.).

          Der Torschützenkönig der Serie A, der nach der WM von AC Turin nach Dortmund wechselt, war ins Team gerückt, nachdem Prandelli das gegen England erfolgreiche, gegen Costa Rica erfolglose 4-1-4-1-System gegen ein 5-3-2 getauscht und damit Platz für einen zweiten Stürmer neben dem wirkungslosen und zur Pause ausgewechselten Mario Balotelli geschaffen hatte.

          In der von Fouls, Schauspieleinlagen und Behandlungspausen dominierten ersten Halbzeit konnte sich Torjäger Suarez, vier Wochen nach einer Meniskus-Operation triumphal mit zwei Toren gegen England ins Team zurückgekehrt, nur einmal gefährlich präsentieren, als er nach einem Doppelpass mit Nicolas Lodeiro aus spitzem Winkel an Buffon scheiterte, der auch den Nachschussversuch Lodeiros abfing.

          Ansonsten zeigte sich die eher offensive Hilflosigkeit der Uruguayer darin, dass sie zweimal versuchten, Buffon mit Schüssen aus der eigenen Hälfte zu überwinden – was nicht nur wegen der Ziellosigkeit der Extrem-Weitschüsse ein hoffnungsloses Unterfangen war, denn der Italiener neigt nicht dazu, sich weit von seinem Tor zu entfernen.

          Nach der Pause setzte Cavani auf eine andere Methode und versuchte, durch übertriebene Kapitulation gegen die Schwerkraft einen Elfmeter zu schinden. Noch produktiver war es, sich zur Abwechslung mal aufs Fußballspielen zu verlassen: Nach schönem Doppelpass mit Suarez verzog Cristian Rodriguez frei aus halblinker Position (58.).

          Eine Minute später verschob sich die Statik des Spiels entscheidend durch die Rote Karte gegen Marchisio, der im Mittelfeld etwas zu ruppig mit offener Sohle in einen Zweikampf gegangen war. Buffon rettete mit großartiger Einhand-Parade gegen einen Außenrist-Schuss von Suárez (66.). Elf Minuten vor Ende schien der Uruguayer, in der Vergangenheit zweimal wegen Beiß-Attacken gesperrt, ins alte Beißschema zurückzufallen, jedenfalls deutete Verteidiger Giorgio Chiellini das nach einem ruppigen Zweikampf an, der ungeahndet blieb.

          Die Uruguayer brachten nun immer wieder hohe Bälle in den Strafraum, die die Italiener stets wegbeförderten – bis der entscheidende Eckball den langen Verteidiger Godin fand. Wie schon beim entscheidenden Tor für den Gewinn der spanischen Meisterschaft mit Atlético Madrid in Barcelona rettete er sein Team per Kopf. Und machte die Italiener zu den nächsten großen WM-Verlierern aus dem alten Europa.

          Kurz nach dem Spiel erklärte Trainer Prandelli seinen Rücktritt. Er hatte nach dem WM-Aus 2010 von Weltmeistercoach Marcello Lippi übernommen und die „Squadra Azzurra“ bei der EM 2012 ins Endspiel gegen Spanien (0:4) geführt. „Ich übernehme die Verantwortung. Etwas hat sich verändert, seit ich meinen Vertrag verlängert habe. Ich weiß nicht warum. Es hat nicht funktioniert. Mein Rücktritt ist unwiderruflich“, sagte Prandelli. Neben ihm kündigte auch Italiens Verbandspräsident Giancarlo Abete seinen Rückzug an. Die Entscheidung sei bereits vor der WM gefallen. „Wenn wir zurück sind, werde ich eine Verbandssitzung einberufen. Ich hoffe, dass Cesare seine Entscheidung zurücknimmt“, sagte Abete.

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