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Spanien nach dem WM-Sieg : Madre mía!

Madrilenische Jubelszene: Feiern ohne Minderwertigkeitskomplexe Bild: AP

Diese Mannschaft repräsentiert ein Land, von dem alle Spanier träumen - kreativ, solidarisch, unbeugsam und selbst in Krisenzeiten dem eigenen Stil treu. Manche hoffen jetzt auf einen Patriotismus ohne Minderwertigkeitskomplexe.

          Zu den Eigenarten dieser turbulenten Zeit gehört, dass gute Nachrichten schnell zu genießen sind, nämlich bevor der Fuß in den nächsten Sumpf tappt. Und umgekehrt. Die spanische Fußball-Nationalmannschaft also hat in Johannesburg den Weltmeistertitel geholt. Doch die Royal Bank of Scotland vermutet, das Land werde demnächst den Rettungsschirm der Europäischen Zentralbank benötigen. Man darf das nicht so laut sagen, sonst werden die Märkte unruhig, daher sofort wieder ein Kübel Trost: Auch wenn Spanien länger in der Rezession verharrt als seine europäischen Nachbarn, soll der Gewinn der Fußballweltmeisterschaft in Südafrika einen solchen Konsumanreiz darstellen – Brauereien wissen das gut –, dass das spanische Bruttoinlandsprodukt allein durch den Spaß-und-Freude-Faktor um 0,25 Prozent wachsen könnte.

          Paul Ingendaay

          Europa-Korrespondent des Feuilletons in Berlin.

          Bei der Frage, was der Sieg gegen Holland denn über die spanische Gesellschaft sage, kocht jede Deutungsgemeinschaft ihr eigenes Süppchen. Das monarchistische Traditionsblatt „ABC“ kleidete Titel- und Rückseite am Finaltag in die spanische Fahne und schrieb in großen Lettern nur „España, España!“ darauf, weil es sich einen erneuerten, einen „integrativen“ Patriotismus und fürderhin ungehemmtes Schwenken der Flagge wünscht – „ohne Minderwertigkeitskomplexe“, wie man hier gern sagt. Als Deutscher darf man sich an den Klinsmann-Effekt bei der Weltmeisterschaft vor vier Jahren erinnert fühlen, nur dass es in Deutschland nicht vier verschiedene offizielle Sprachen und auch keine nennenswerten bayerischen oder thüringischen Souveränitätsbestrebungen gibt.

          Die Handelsrouten des europäischen Fußballs

          Alles in Ordnung, sagte Ministerpräsident José Luis Rodríguez Zapatero und malte in „El País“ das Bild eines neuen Spanien; kein Wunder, er ist Fan des FC Barcelona, dessen Spieler alle acht spanischen Tore geschossen haben, so dass man fast von einem WM-Titel für Katalonien sprechen dürfte. Diese Mannschaft, so der Regierungschef, repräsentiere das Spanien, das alle wollten: kreativ, solidarisch, unbeugsam und selbst in Krisenzeiten dem eigenen Stil treu. In Bezug auf die Finanzkrise, die sich weniger leicht reparieren lässt als das 0:1 im Auftaktspiel gegen die Schweiz, möchte man sich die Stiltreue allerdings nicht unbedingt wünschen.

          Integrativer Patriotismus: Die heutigen Titelseiten der spanischen Zeitungen

          Oppositionschef Mariano Rajoy (PP) betonte in seinem Gastbeitrag für dieselbe Zeitung denn auch Hartnäckigkeit, Gruppengeist und die gelungene „Kontrolle dieses unkontrollierbaren Balls“. Eine interessante Traditionslinie tut sich da auf. Von dem Holländer Johan Cruyff hat der FC Barcelona seinen fußballerischen Stil gelernt, den jetzt die spanische Nationalelf spielt, von welcher sich wiederum die junge deutsche Mannschaft etwas abgeschaut hat, während die Spanier ihrerseits die „deutschen Tugenden“ praktizieren, nur ohne Guido Buchwald. Die Handelsrouten des europäischen Fußballs wären eine historische Studie wert.

          Es gibt keinen geschichtlichen Vorläufer dieses Triumphs

          Es war Javier Marías, der abermals auf das fundamental Neue der spanischen Erfahrung hinwies: Es gab bis zum WM-Turniersieg keinen geschichtlichen Vorläufer dieses Triumphs. Deswegen schwankte Spanien bis zum Sonntagabend zwischen erhofftem Triumph und möglicher Depression. Vorbei. Die Geschichte ist geschrieben. Und man fühlt sich einfach besser als Fußballweltmeister, selbst wenn man es vor Jahrzehnten war und nur noch die Großväter davon erzählen können. Hat Uruguay trotz seiner bescheidenen internationalen Bedeutung nicht gespielt wie eine Mannschaft, die den Titel immer noch in sich trägt? Nicht in den Genen, wie so oft leichtfertig geschrieben wird, sondern in der kollektiven Erinnerung?

          Das eigentliche spanische Modell sind die Spieler selbst, ihre Gesten, ihre Bescheidenheit im Triumph und nicht zuletzt die bewegende Hommage an zwei junge Spieler, die in den letzten Jahren an Herzversagen gestorben sind. Für den heißesten Augenblick wiederum sorgte Kapitän Iker Casillas, der von seiner Freundin, der Telecinco-Moderatorin Sara Carbonero, live interviewt wurde und ihr nach kurzem Stammeln einen Kuss auf den Mund gab. „Madre mía!“ war die Antwort.

          In Spanien zählt immer auch das Heimatdorf

          Es gibt in dieser Mannschaft keinen Leitwolf, sondern flache Hierarchien und zwei Vereinsblöcke, die außerhalb des Kampfs um den Ligatitel freundschaftlich miteinander umgehen: Abwehr, Mittelfeld, Angriff sind mit Vertretern des FC Barcelona bestückt, den Torwart und einige Defensivkräfte stellt Real Madrid. In Spanien zählt aber auch das Heimatdorf, und deshalb mischen sich beim Weltmeister Katalonien, Madrid, La Mancha, Andalusien, Asturien, die Kanarischen Inseln und einige Landesteile mehr. Arbeit, Kollektiv, Stil und Respekt sind die meistbenutzten Begriffe dieses Teams, das von einem bescheidenen, taktvollen Mann namens Vicente del Bosque geführt wird.

          Vor sechs Jahren warf Real Madrid ihn hinaus, weil er mit seinem Schnauzbart und den runden Hüften nicht dem von Florentino Pérez erträumten Modernitätslook entsprach. Heute ist del Bosque das Synonym für den erfolgreichsten Fußball der Welt.

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