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Spanien nach dem WM-Aus : Abgang einer Fußball-Weltmacht

  • -Aktualisiert am

Bald zu Hause: Andres Iniesta, Iker Casillas und Fernando Torres Bild: AP

Am Tag nach dem Schock beginnt für Spanien das Aufarbeiten. Das 0:2 gegen die chilenische Mannschaft bedeutet mehr als nur eine verpasste Titelverteidigung.

          Auf seine gewohnt unaufgeregte und aufrechte Art reagierte Vicente del Bosque auf das spektakuläre Aus seiner Mannschaft – der dominierenden Elf der vergangenen Jahre im Weltfußball. „Ich suche nach keiner Entschuldigung. Meine Spieler haben alles versucht. Aber wir waren von Beginn an zu ängstlich. Es ist ein trauriger Tag für uns. Wir müssen überlegen, was das Beste für den spanischen Fußball ist. Es ist Zeit, über die Zukunft nachzudenken. Das gilt auch für mich“, sagte der Trainer des noch amtierenden Weltmeisters, der seinen Titel in Brasilien nun nicht mehr verteidigen kann.

          Michael Ashelm

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Del Bosque deutete damit persönliche Konsequenzen als Nationaltrainer an. Der harte Einschnitt nach nur zwei Spielen bei diesem Turnier konnte ihn nur schwer enttäuschen. Aber bei seinem Abgang vom Presse-Podium im Maracana-Stadion lächelte der große und souveräne Coach noch einmal, als hätte er doch gewusst, dass das Ende eines solch großartigen Zyklus‘ in naher Zukunft einfach kommen musste.

          Spaniens Torwart bittet um Verzeihung

          Die 0:2-Niederlage in der Gruppe B gegen die kämpferischen Chilenen bringt das iberische Fußball-Reich ins Wanken. „Ich möchte mich bei unseren Fußballfans entschuldigen. Wir sind sehr unglücklich“, lautete der Kommentar des spanischen Torhüters Iker Casillas.  Am Tag, an dem der spanische König seine Krone abgab, ist die Fußballherrschaft der spanischen Nationalelf zu Ende gegangen. Das letzte Gruppenspiel gegen Australien ist bedeutungslos geworden.

          Das Video in der ZDF-Mediathek

          Nun geht es für Chile und die Niederlande am Montag in Sao Paulo um den Gruppensieg. Beide Mannschaften sind jetzt schon im WM-Achtelfinale – ein Turbostart ins Turnier. „Das ist phantastisch, der schönste Augenblick in der chilenischen Fußballgeschichte“, sagte Mittelfeldstar Arturo Vidal, der einst für Bayer Leverkusen aktiv war und jetzt bei Juventus Turin spielt. Mit dem frühzeitigen Ausscheiden des amtierenden Welt- und insgesamt dreimaligen Europameisters gelingt es nach Italien (1934 und 1938) und Brasilien (1958 und 1962) weiterhin keiner anderen Nation, den WM-Titel erfolgreich zu verteidigen.

          Chilenen in Bestform

          Die Treffer für die mutigen und kampfeslustigen Südamerikaner erzielten Eduardo Vargas (20. Minute) und Charles Aranguiz (43.). Chile fiel vor allem durch einen hohen Grad an Organisation und taktischer Intelligenz auf. Das Weltklasse-Mittelfeld der Spanier wurde neutralisiert und fiel damit als Zulieferer für gefährliche Torchancen regelrecht aus. „Das Wichtigste für uns ist, dass wir als Team spielen. Deshalb sind wir so gefährlich und haben solche guten Resultate. Ich bin stolz auf meine Spieler“, sagte der aus Argentinien stammende Trainer der Chilenen, Jorge Sampaoli. „Ich werde dieses Spiel niemals in meinem Leben vergessen.“

          Der eine oder andere seiner Spieler sieht nach dem Favoritensturz sogar noch viel größere Chancen in diesem Turnier. Das W-Wort wurde schon in den Mund genommen. „Ich wurde von klein auf so erzogen, dass ich Weltmeister werden will“, sagte Alexis Sanchez vom FC Barcelona.

          Bleischwere Beine

          Angetrieben von ihren enthusiastischen Fans im Maracana-Stadion blockten die Chilenen den Ballbesitz-Kontroll-Fußball der Spanier. Sie sind ein unangenehmer Gegner, hart im Nehmen, gut in ihrem System mit Dreierabwehrkette und fünf Mittelfeldspielern aufgestellt, extrem kompetitiv. Der krasse Gegensatz zu den matten und satten Spaniern. Richtig gefährliche Torchancen hatte der entthronte Weltmeister vier: durch Xabi Alonso (16.), Sergio Busquets (53.), den eingewechselten Santi Cazorla (81.) und Andres Iniesta (84.). Aber entweder parierte der chilenische Schlussmann Claudio Bravo oder den unsicheren Spaniern fehlte vor dem Tor die Coolness. Die Beine wogen offenbar irgendwann so schwer wie Blei.

          Wenn dagegen die kampfbereiten Chilenen den Ball abfingen und auf den Weg nach vorne brachten, dann wurde es für ihren Gegner stets gefährlich. Der erste Treffer in der 20. Minute entsprang einer schnellen Kombination, die Vargas eiskalt gegen Casillas abschloss. Der spanische Torwart ließ dann in der 43. Minute einen Freistoß von Sanchez nach vorne abklatschen, was Aranguiz im Strafraumgewühl zum 2:0 nutzte. Die Chilenen, die in der Vorbereitung einige starke Gegner getestet (darunter Brasilien und Deutschland) und damit ihre Ambitionen für die WM schon früh offenbart hatten, legten damit die Grundlage für ihren bedeutsamen Triumph.

          Chilenische Fans randalieren

          Ihre in rot gekleideten Fans, die sie im Maracana-Stadion nach vorne peitschten, sind wie verrückt nach ihrer wohl besten Nationalmannschaft aller Zeiten. Mit einigen von ihnen hat nun allerdings der Internationale Fußball-Verband ein Problem bekommen. Die Fifa muss sich an diesem Donnerstag mit den Vorfällen im Maracana-Stadion beschäftigen: Eine Horde Anhänger ohne Tickets hatte vor Spielbeginn das Pressezentrum gestürmt und dabei Glastüren, Stellwände, Tische und Fernseher zerstört. 85 Eindringlinge wurden festgenommen. Die Fifa will dazu noch Stellung beziehen.

          Das wird die Sicherheitsdiskussion um die WM neu entfachen, waren Ordner und Polizei doch nicht in der Lage, einige aggressive Fans an den verschiedenen Absperrungen vor dem Maracana-Stadion abzuwehren. Was passiert erst, wenn solche Aktionen wesentlich gezielter und massiver stattfinden?

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