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Schweden vor WM-Auftakt : Stimmig wie eine Möbelbauanleitung

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Wird wohl nicht mehr als Spieler für die schwedische Nationalmannschaft bei einer WM eingreifen: Zlatan Ibrahimovic. Bild: Reuters

Mit dem Spiel Schweden gegen Südkorea starten auch die beiden anderen deutschen Gruppengegner in die WM. Die Skandinavier setzen dabei lieber auf Mannschaftstugenden als auf Zlatan Ibrahimovic.

          Groß, größer, Ibrahimovic: So sah sich Zlatan Superstar während seiner fünfzehn Jahre in der schwedischen Fußball-Nationalmannschaft, und für genauso unübertrefflich hielt sich der 1,95 Meter lange Mittelstürmer in den europäischen Spitzenklubs, für die er Tor auf Tor schoss: ob das Ajax Amsterdam, Juventus Turin, Inter Mailand, der FC Barcelona, der AC Mailand, Paris Saint-Germain oder Manchester United war. Dummerweise hat der 36 Jahre alte und inzwischen für L.A. Galaxy kickende Angreifer de Luxe 2016 nach der kollektiv und persönlich missratenen Europameisterschaft in Frankreich (Gruppenletzter mit nur einem Punkt und keinem Ibrahimovic-Tor) seinen Rücktritt aus dem Nationalteam erklärt.

          Fussball-WM 2018

          Eine Entscheidung, die der danach berufene schwedische Verbandstrainer Janne Andersson auf Anhieb akzeptiert hat. Spätere Avancen des Mannes, der die schwedische Mannschaft mehr als ein Jahrzehnt lang dominiert hat, überhörte der von Extravaganzen freie Fußballlehrer, der das genaue Gegenteil des aus Malmö stammenden Fußballartisten mit dem Hang zur Egomanie verkörpert.

          Nun sind sie beide in Russland. Teamplayer Andersson und Showman Ibrahimovic, der hier für ein Kreditkartenunternehmen wirbt. Andersson und seine Auswahl wollen schon an diesem Montag (14 Uhr im F.A.Z.-Liveticker zur Fußball-WM und in der ARD) bei ihrer WM-Ouvertüre gegen Südkorea in Nischni Nowgorod beweisen, dass sie ohne ihren Altmeister zielstrebig und treffsicher zugleich sein können. Ibrahimovic wird als Zuschauer, das hat er in einem Gespräch mit der Website der Fifa vorhergesagt, so „aufgeregt“ sein, dass er „am liebsten selbst aufs Feld stürmen und Schweden zum Sieg verhelfen“ würde.

          Ibrahimovic hat bei keiner WM getroffen

          Schließlich sei „eine WM ohne Zlatan keine WM“, wie der Schwede mit bosnisch-kroatischen Familienwurzeln vor ein paar Wochen gesagt hat. Wirklich? Ibrahimovic hat als Spieler Schwedens nur zwei Weltturniere erlebt und dabei keine tiefen Spuren hinterlassen: 2002, als er zwanzig war und auf zwei kürzere Einsätze als Einwechselspieler kam; und 2006 in Deutschland, als er dreimal spielte, aber auch keinen Treffer erzielte. In beiden Turnieren schied Schweden im Achtelfinale aus und qualifizierte sich danach trotz des omnipräsenten Ibrahimovic nicht für die WM 2010 und 2014. Manchmal kann eben auch Ibrakadabra nicht zaubern.

          Erst ohne ihren langjährigen Kapitän schafften die Schweden im vergangenen Jahr ein Fußballkunststück. Sie setzten sich in einer schweren Qualifikationsgruppe mit Frankreich und den Niederlanden als Gruppenzweite durch und ließen danach Italien in den Play-offs dank eines 1:0-Sieges in Stockholm und eines 0:0 in Mailand ins Leere laufen. Damit war nach zwölf Jahren Pause das WM-Comeback der Skandinavier perfekt. Die Freude über die Rückkehr zur größten Fußballparty der Welt währte aber nur kurz. Zuletzt trafen die Schweden das Tor nicht mehr. 0:1 gegen Rumänien Ende März, 0:0 gegen Dänemark und Peru in den Länderspielen kurz vor der WM: Kein Wunder, dass in diesen Tagen so mancher alte Schwede und jugendliche Fan der „Blagult“, wie das Nationalteam ob seiner blau-gelben Trikots genannt wird, gern an die glorreichen Spiele mit Zlatan, dem Unwiderstehlichen, zurückdenkt. Der Angreifer hat ein Erbe von 62 Toren – so viele Treffer erzielte kein anderer Schwede für die Nationalmannschaft – in 116 Spielen hinterlassen.

          Soll für Tore bei der WM sorgen: Schwedens Angreifer Marcus Berg.

          Wer also soll nun bei der WM in Russland den Ball ins Ziel befördern? Die Hoffnungen ruhen auf Marcus Berg, der immerhin acht Tore in den Qualifikationsspielen erzielte. Eine beachtliche Quote für den einst beim Hamburger SV für untauglich gehaltenen Nordländer, der mittlerweile in den Vereinigten Arabischen Emiraten für den Klub Al Ain unterwegs ist. Bergs Sturmpartner in der Nationalmannschaft ist Ola Toivonen, der beim Ligue-1-Verein FC Toulouse in der zurückliegenden Saison kein einziges Tor schoss und auch kein einziges Spiel über neunzig Minuten bestritt.

          Andersson ist zunächst einmal froh, sich auf seine Defensive verlassen zu können, die unter seiner Anleitung oft genug zu null gespielt hat und den italienischen Angreifern in den beiden Play-off-Spielen souverän widerstand – unter der Regie des in Russland bei FK Krasnodar spielenden Innenverteidigers Andreas Granqvist. Er löste den Dauergewinner Ibrahimovic nach zehnjähriger Regentschaft als Schwedens „Fußballer des Jahres“ ab und verkörpert die Tugenden eines Mannschaftsspielers idealtypisch. Schweden besticht durch Tugenden wie Zusammenhalt, Fleiß, Disziplin und, an guten Tagen, Effektivität, um bei Kontern aus wenigen Gelegenheiten Kapital zu schlagen. Anderssons Gemeinschaft setzt die einzelnen Teile ihres Werks, wenn’s gutgeht, stimmig wie nach einer Fertigmöbelkonstruktionsanleitung zusammen.

          Dabei helfen auch drei in Deutschland tätige Profis mit: Ludwig Augustinsson vom SV Werder Bremen als linker Verteidiger, Albin Ekdal vom Hamburger SV als Mittelfeldorganisator und Emil Forsberg von RB Leipzig als offensiver Mittelfeldspieler und Freigeist auf der linken Seite. Andersson nennt den 26 Jahre alten Wegbereiter der schwedischen Attacken einen „Violinisten“ unter vielen „Holzfällern“. Der Trainer schätzt den Künstler und seine Handwerker gleichermaßen. Schließlich seien Holzfäller „hart arbeitende Menschen mit starkem Charakter“. Typen, auf die sich Janne Andersson in seinem kräftig zupackenden Team verlassen kann.

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