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Russland bei der WM : Die Stunde der Wahrheit

Einer der russischer Hoffnungsträger bei der WM: Denis Tscheryschew. Bild: dpa

Mit einem Sieg gegen Ägypten könnte Russland dem Achtelfinale bei der Weltmeisterschaft im eigenen Land ganz nahe kommen. Die Kritik am Team ist leiser geworden, doch noch immer sind Zweifel spürbar.

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          Die Kritik ist leiser geworden, aber die Zweifel sind immer noch spürbar: Vor dem Eröffnungsspiel der Fußball-WM waren in Russland nur wenige gute Worte über die eigene Nationalmannschaft zu hören oder zu lesen. Die Erwartungen waren – vorsichtig formuliert – niedrig. Nach dem 5:0-Sieg gegen Saudi-Arabien ist die Erleichterung groß, dass es um das Team doch nicht so schlecht steht, wie viele befürchtet hatten: „Die Sbornaja hat den Fußball in sich entdeckt“, titelte die Zeitung „Kommersant“. Mit Blick auf die verbleibenden beiden Gruppenspiele wird nun darüber diskutiert, was der Sieg wert ist. Einigkeit herrscht darüber, dass Saudi-Arabien als Gegner kein Maßstab war – aber vielleicht, so die Hoffnung, gibt der Sieg der Mannschaft ein Selbstvertrauen, das weiter trägt.

          Fussball-WM 2018
          Reinhard Veser
          Redakteur in der Politik.

          Wobei die zum Teil heftigen Attacken in der russischen Öffentlichkeit auf Mannschaft und Trainer die Spieler womöglich angestachelt haben – so jedenfalls Anton Mirantschuk vom russischen Meister Lokomotive Moskau: „Vielleicht haben wir auch deshalb gewonnen, weil uns die Kritik vor dem Turnier so erbost hat.“ Der Mittelfeldspieler Alexander Erokhin verwahrte sich gegenüber russischen Medien gegen die Vermutung, dass der deutliche Sieg nur der Schwäche der Saudis zu verdanken sei: „Wir haben den Gegner ernst genommen, daher dieses Ergebnis.“ Das sei auch der Verdienst des Trainers Stanislaw Tschertschessow: „Die Mehrzahl unserer Tore sind dem zu verdanken, wie uns der Trainerstab auf die Stärken des Gegners eingestellt hat“, sagte er. Aber auch Erokhin sagt: „Erst ein Sieg über Ägypten bringt Klarheit.“

          Und offensichtlich sind sich die Spieler unsicher darüber, wie sie die wahrscheinliche Rückkehr des ägyptischen Stürmers Mohamed Salah nach seiner Verletzung einschätzen sollen. Während die einen sagen, das ägyptische Team sei mit Salah eine andere Mannschaft als im ersten Spiel gegen Uruguay, sprechen andere sich mit der Feststellung Mut zu, der Mann vom FC Liverpool sei zwar gut, aber doch kein Cristiano Ronaldo.

          Für das Spiel gegen Ägypten an diesem Dienstag (20.00 Uhr im F.A.Z.-Liveticker zur Fußball-WM und im ZDF) muss die russische Mannschaft auf eine ihrer Stützen im Mittelfeld verzichten: Alan Dsagojew von ZSKA Moskau, der im Auftaktspiel schon nach 23 Minuten mit einer Muskelverletzung ausgewechselt werden musste, ist erst gar nicht mit der Mannschaft aus Moskau an den Spielort Sankt Petersburg gereist. Er wird frühestens im Achtelfinale wieder eingesetzt werden können – vorausgesetzt, Russland kommt ohne ihn so weit. Doch möglicherweise hat Dsagojews Ausfall einem anderen Spieler den Weg geöffnet, den in Russland bisher nicht viele im Blick hatten: Denis Tscheryschew, der zwei Tore schoss und von der Fifa zum besten Spieler der Begegnung gekürt wurde.

          Über den 28 Jahre alten Mittelfeldspieler des spanischen Klubs FC Villareal hieß es bisher, er sei in der Mannschaft wie ein Fremdkörper. Denn Tscheryschew ist nicht nur einer der wenigen Spieler der Sbornaja, die bei einem ausländischen Verein unter Vertrag stehen – er hat auch die spanische Staatsangehörigkeit. Dass er dennoch für Russland spielt, liegt wohl daran, dass er seine Chancen, es in das spanische Nationalteam zu schaffen, nicht als groß eingeschätzt hat. So wurde er zum ersten russischen Nationalspieler, dessen Vater bereits in der Sbornaja gespielt hat. Als der Vater Dmitrij Tscheryschew 1996 zu Sporting Gijon wechselte, zog die Familie nach Spanien, wo Denis Tscheryschew in der Fußballakademie von Real Madrid ausgebildet wurde.

          Für einen Spieler der Sbornaja hat sich der gute Auftritt gegen Saudi-Arabien möglicherweise schon gelohnt: In den vergangenen Tagen verdichteten sich laut russischen Medien Gerüchte, dass Juventus Turin sein Angebot für den 22 Jahre alten Mittelfeldspieler Alexander Golowin von ZSKA Moskau von bisher 15 Millionen Euro deutlich in die Nähe der vom bisherigen Klub geforderten 25 Millionen erhöhen wolle. Golowin gilt seit dem Confederations Cup im vergangenen Jahr als die größte Hoffnung des russischen Fußballs. Wasser in diesen Wein goss ein Beobachter von außen – der ehemalige spanische Nationaltrainer Vincente del Bosque, der in einem Beitrag für „Sport Ekspress“, eines der meistgelesenen Sportportale in Russland, schrieb, Golowin sei zwar individuell stark, aber mit Spekulationen über mögliche Wechsel russischer Fußballer ins Ausland solle man bis zum Ende der WM warten. „Meine Meinung über die russische Mannschaft hat sich nach diesem Sieg nicht verändert – der Gegner war einfach zu schwach.“

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