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Robert Lewandowski : Mit Polen im Schaufenster

Im Mittelpunkt: Polen hofft auf seinen Superstar Robert Lewandowski Bild: EPA

Polen selbstlos dienen und sich selbst ins Rampenlicht stellen: Robert Lewandowski steht bei der WM vor einem Spagat. Gegen Senegal hat er erstmals die Chance, auf der größten Bühne des Fußballs sein Können zu beweisen.

          Cristiano Ronaldo, Lionel Messi, Harry Kane, Robert Lewandowski – früher trugen meist Abwehrveteranen oder Spielmacher die Kapitänsbinde. Bei dieser WM sind es, wie wohl noch nie, die Torjäger, die auch als Spielführer auftreten. Vor allem wenn sie die mit Abstand herausragenden Spieler ihrer Teams sind. Lewandowski ist einer der unbestritten besten Stürmer der Welt. Er musste trotzdem fast 30 Jahre alt werden, um nun seine erste Weltmeisterschaft bestreiten zu können, während es etwa für den 30-jährigen Messi bereits die vierte ist.

          Christian Eichler

          Sportkorrespondent in München.

          Das polnische Nationalteam war in den Qualifikationen für die beiden zurückliegenden WM-Turniere deutlich zu schwach, konnte dabei als einzige Länder San Marino und Moldau hinter sich lassen. In der Qualifikation für das Turnier 2018 aber setzte sich Polen mit acht Siegen in zehn Spielen als überlegener Gruppensieger durch – vor allem dank der 16 Tore Lewandowskis, einem neuen Rekord in europäischen WM-Qualifikationen. Zuletzt hat er sich mit drei Treffern in den Testspielen gegen Chile und Litauen abermals in Torlaune geschossen. „Ich habe immer Hunger“, sagte er vor der WM, bei der er an diesem Dienstag (17 Uhr im F.A.Z.-Liveticker zur Fußball-WM und ZDF) mit Polen auf Senegal trifft.

          Fussball-WM 2018

          Das Turnier gibt dem polnischen Star die Chance, eine trotz der Meisterschaft mit den Bayern und dem dritten Gewinn der Torjägerkanone in der Bundesliga irgendwie stumpf wirkende Spielzeit aufzupolieren. Bei allem Erfolg verbreitete Lewandowski bei den Bayern selten den Enthusiasmus, der ihn im polnischen Team auszeichnet. Vor der beim Aus im Champions-League-Halbfinale gegen Real Madrid neu befeuerten Diskussion, er sei kein Mann für die entscheidenden Spiele, ist er in Polen sicher – sie stößt dort seit je auf Unverständnis. Zugleich wird Lewandowski versuchen, sich bei der WM ins Schaufenster zu stellen – auch wenn ihn sein Klub weiterhin als unverkäuflich deklariert.

          Wechselgelüste sind publik

          Da viele erwarten, dass in diesem Sommer abermals Mega-Transfers wie der von Neymar vor einem Jahr ein gewaltiges Geld- und Spieler-Domino auslösen, wirkt Unverkäuflichkeit oft nur wie ein Mittel, den Preis der Käuflichkeit in die Höhe zu treiben. Lewandowski jedenfalls hat über seinen eigens für diesen Sommer engagierten Berater Pini Zahavi, der viele der Transfers für Chelsea-Eigentümer Roman Abramowitsch einfädelte, seine Wechselgelüste publik gemacht: „Robert fühlt, dass er eine Veränderung und eine neue Herausforderung in seiner Karriere braucht. Die Verantwortlichen des FC Bayern wissen darüber Bescheid.“

          Es soll aber bitte schön ein mindestens ebenso bedeutender Klub sein. Damit ein solcher nun bereit ist, den Bayern ein Angebot zu machen, das sie nicht ausschlagen können, müsste Lewandowski bei dieser WM schon etwas Besonderes gelingen. Erst recht, wenn es Real Madrid sein soll, Lewandowskis alter Favorit, eine Einschätzung, die lange auf Gegenseitigkeit beruhte, zuletzt aber von Seiten des Champions-League-Siegers erlahmt zu sein schien. Auf Seiten des Gegners Senegal dagegen steht mit Sadio Mané, dem wohl schnellsten Mann des Turniers, ein Spieler, für den laut Medienberichten aus Spanien und Frankreich bereits ein Angebot aus Madrid vorliegen soll. Dort war man offenbar beeindruckt von der Leistung des Angreifers des FC Liverpool im Champions-League-Finale.

          Noch nicht abgestempelt: Lewandowski-Briefmarke in Polen

          Wo wird ein Lewandowski gebraucht? Am meisten in Polen. Traf er nicht, hat das Nationalteam seit fast zwei Jahren nicht mehr gewonnen – seit der EM 2016, als man auch ohne Lewandowski-Treffer bis ins Viertelfinale kam, ehe man trotz seines ersten Tores gegen Portugal im Elfmeterschießen verlor. Heute fühlt er sich besser präpariert für ein großes Turnier, weil „ich in dieser Saison weniger Spiele bestritten habe als vor der EM und deshalb nicht so müde bin. Ich hoffe, diese Frische wird sich bei der WM zeigen.“ Jupp Heynckes, Bayern-Trainer a. D., wird sich das auf seinem rheinischen Bauernhof mit Interesse anschauen. Ein Lewandowski, der in Russland Bäume ausreißt, wäre auch sein Verdienst – Folge mancher Schonung und vorsorglicher Auswechslung, mit der der Stürmer nur selten einverstanden war.

          Den großen Unterschied zwischen Klub- und Nationalteam sieht Lewandowski in der Intensität der gegnerischen Betreuung. „Bei der EM hatte ich immer zwei Gegenspieler und wusste, dass ein anderer von uns frei war und ein Tor erzielen konnte“, beschreibt er die Situation im Nationalteam, wo sich viel mehr Aufmerksamkeit auf ihn, den einzigen großen Star, konzentriert. „Ich habe diese Drecksarbeit gerne gemacht und will da mannschaftsdienlich sein.“ Polen selbstlos dienen und sich selbst ins Rampenlicht stellen – es wird der Spagat von Robert Lewandowski bei der WM 2018.

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