https://www.faz.net/-gtl-7qgs2

FAZ.NET-WM-Experte Rangnick : „Özil hat sich taktisch nicht entwickelt“

  • Aktualisiert am

Ralf Rangnick: „In ihrer Vorsicht haben viele Mannschaften die Grundregeln der Abwehrarbeit vergessen.“ Bild: AFP

Warum Ralf Rangnick an einen deutschen Sieg über Portugal glaubt. Und wie gefährlich die Niederländer in diesem Turnier sind: Die erste von drei Einschätzungen, die der Fußballlehrer während der WM bei FAZ.NET gibt.

          5 Min.

          Ralf Rangnick, 55 Jahre alt, arbeitet derzeit als Sportdirektor für Red Bull Salzburg und RB Leipzig. Er gilt als Vordenker im Fußball.

          Spanien verliert 1:5 gegen die Niederlande, Uruguay 1:3 gegen Costa Rica, Brasilien benötigt einen geschenkten Elfmeter, um gegen Kroatien zu gewinnen: schwere Zeiten für Favoriten bei dieser WM. Muss sich Deutschland vor Portugal fürchten?

          Nein, im Gegenteil. Ich glaube, dass der bisherige Turnierverlauf dafür spricht, dass unsere Chancen insgesamt besser sind.

          Weil?

          Weil unsere Mannschaft die Lehren aus den ersten Spielen ziehen kann. Es ist auffällig, dass vor allem die europäischen Länder zu großen Respekt vor der Hitze haben und sich deshalb für eine Spielweise im Energiesparmodus entschieden haben. Nämlich einfach mal hinten zu bleiben und dort zu stehen. So was von passiv habe ich zum Beispiel die Spanier in den letzten zehn Jahren noch nicht gesehen. Eigentlich wäre es logisch, dass bei der Hitze und der hohen Luftfeuchtigkeit wenig Tore fallen, weil die Mannschaften vorsichtig agieren. Aber in ihrer Vorsicht haben viele Mannschaften die Grundregeln der Abwehrarbeit vergessen. So viele Tore sind bei einer WM noch nie gefallen, über drei pro Spiel. Es zeigt, wie schlecht verteidigt wird, dass nur passiv rückwärts gelaufen oder rumgestanden wird.

          Ronaldo - und sonst?  „Die Portugiesen spielen immer gleich, sie werden uns taktisch nicht überraschen.“
          Ronaldo - und sonst? „Die Portugiesen spielen immer gleich, sie werden uns taktisch nicht überraschen.“ : Bild: dpa

          Welche Lehren sollte das deutsche Team zum Beispiel aus dem 1:5 der Spanier ziehen?

          Dass nicht an den falschen Stellen Energie gespart wird. Auch in der Hitze muss gelten: Flanken verhindern, im torgefährlichen Bereich in Überzahl sein. Eigentlich das ganz normale Programm. Und wenn sich unsere Gegner in der Abwehr so verhalten wie viele Teams bisher im Turnier, dann bin ich sehr optimistisch, dass wir in der Lage sind, genug Tore zu schießen.

          Mesut Özil: „Dass er ein begnadeter Kicker ist, weiß jeder. Aber im Spiel gegen den Ball hat er immer noch große Schwächen.“
          Mesut Özil: „Dass er ein begnadeter Kicker ist, weiß jeder. Aber im Spiel gegen den Ball hat er immer noch große Schwächen.“ : Bild: dpa

          Der erste Gegner ist Portugal. Viele glauben, die Mannschaft wäre vor allem Cristiano Ronaldo, danach käme nicht mehr viel.

          Das ist natürlich nicht so. Ronaldo hat in den Qualifikationsspielen den Unterschied gemacht, aber er hat eine erfahrene, technisch starke Mannschaft hinter sich. Dennoch glaube ich, dass wir uns knapp durchsetzen werden - 1:0 oder 2:1.

          Warum?

          Die Portugiesen spielen immer gleich, sie werden uns taktisch nicht überraschen. Sie werden uns nicht vor unlösbare Aufgaben stellen.

          Was ist der Schlüssel zum Sieg?

          Dass die deutsche Mannschaft eine gute Balance zwischen Offensive und Defensive findet und die sich bietenden Chancen konsequent nutzt.

          Neuer, Khedira, Schweinsteiger, Klose, Lahm - alle hatten in der Vorbereitung mit Verletzungen zu kämpfen. Belastet die Ungewissheit, ob sie in Topform sind, die Mannschaft?

          Das ist unterschiedlich zu sehen. Lahms Verletzung war weniger schwerwiegend, und er fiel nur kurze Zeit aus. Wenn bei Neuer die Schulter keine Probleme macht, dann ist er als Torwart voll belastbar. Bei Khedira und Schweinsteiger wird es schon spannend, zu sehen, in welcher körperlichen Verfassung sie sind. Deshalb ist es logisch für mich, dass Bundestrainer Löw Lahm ins defensive Mittelfeld vorzieht. So kann er Khedira oder Schweinsteiger neben ihn stellen. Beide zusammen, da wäre für mich das Risiko zu groß.

          Die Defensive wirkt seit Monaten nicht sattelfest. Ist sie WM-reif?

          Individuell auf jeden Fall. Aber es kommt immer auf das Zusammenspiel an. Spanien hat in der Innenverteidigung Ramos und Piqué, da gibt es nicht viel Besseres auf der Welt, und dennoch haben sie gegen Holland fünf Stück bekommen. Wenn die deutsche Mannschaft als Ganzes gut gegen den Ball arbeitet, wird auch die Abwehr gut aussehen.

          Im deutschen Kader ist in der Abteilung Stürmer nur Miroslav Klose aufgelistet. Kann eine Mannschaft mit nur einem Angreifer Weltmeister werden? Oder fehlen taktische und personelle Alternativen?

          Der Trend geht schon seit geraumer Zeit weg vom Typus des großen zentralen Mittelstürmers. Und von den anderen Typen, ob wir sie Halbstürmer, „falsche Neun“ oder „Neuneinhalb“ nennen, haben wir ja einige. Wenn die Holländer es schaffen, aus van Persie und Robben Halbstürmer zu machen und dort für gefährliche Situationen zu sorgen, dann können wir es auch. Auch ohne den verletzten Reus haben wir genug Spieler, die in dieser Position gefährlich sind.

          Wie gut ist Miroslav Klose mit seinen 36 Jahren noch?

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Die Verfassungsrichter Susanne Baer und Stephan Harbarth am 15. Januar 2019 in Karlsruhe

          Bundesverfassungsgericht : Ein Abendessen mit Nebenwirkung

          Im Juni trafen sich Bundesverfassungsrichter mit Mitgliedern der Bundesregierung. Daraufhin versuchte es erst die AfD mit einem Befangenheitsantrag. Nun hatte das Gericht über einen weiteren zu entscheiden.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.