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FAZ.NET-WM-Experte Rangnick : „Özil hat sich taktisch nicht entwickelt“

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Er ist ein Spieler, der wegen seines phantastischen Charakters und seiner Mentalität im Verlauf von vier Turnierwochen immer wieder in der Lage ist, Topleistungen zu bringen. In so einer Atmosphäre kann er Leistungen aus sich herausholen, zu denen er im Verein über eine ganze Saison vielleicht nicht mehr fähig ist. Ich kann nachvollziehen, dass er im Kader dabei ist. Mich würde nicht wundern, wenn Klose auch bei dieser WM wieder vier, fünf Tore schießen würde.

Robben und van Persie: „Sie auf die Halbpositionen zu ziehen war ein genialer Schachzug.“
Robben und van Persie: „Sie auf die Halbpositionen zu ziehen war ein genialer Schachzug.“ : Bild: REUTERS

Mesut Özil steht seit Monaten in der Diskussion. Durchlebt der begnadete Spielmacher eine Leistungsdelle, oder ist er zu bequem geworden, um dem Spiel häufiger seinen Stempel aufzudrücken?

Mesut hat sich in den vergangenen zwei Jahren taktisch nicht wirklich weiterentwickelt. Dass er ein begnadeter Kicker ist, weiß jeder. Aber im Spiel gegen den Ball hat er immer noch große Schwächen. Die meisten Mannschaften in England sind nicht gerade bekannt dafür, dass sie aggressiv weit weg vom eigenen Tor im Team verteidigen. Ich habe in der vergangenen Saison einige Spiele von Arsenal gesehen. Dabei kassierten sie in Spitzenbegegnungen oft zu viele Gegentore, weil nach Ballverlust nicht genug gegen den Ball gearbeitet wurde. Bei Mesut ist es ein Temperamentsproblem. Hätte er in den vergangenen zwei Jahren bei Dortmund oder Bayern gespielt, wäre er taktisch erheblich weiter.

Täte Löw gut daran, in der Spielvorbereitung nicht so sehr auf die Hitze abzuheben? Haben es die anderen Trainer übertrieben mit den Hinweisen auf die klimatischen Bedingungen?

Natürlich kann man in Brasilien die Spieler nicht von der einen in die nächste Pressing-Situation jagen, sonst wird der Akku zu schnell leer. Aber das heißt noch lange nicht, dass ich mich nur noch passiv verhalte und rückwärts laufe, wenn die gegnerischen Stürmer auf mich zukommen. Was die Spanier vor allem in der zweiten Halbzeit gegen Holland gespielt haben, war unglaublich. Umgekehrt muss man sagen, dass die Holländer für ihre Verhältnisse untypisch gespielt haben. Seit der WM 1974 sind sie für ihren starren und in die Breite angelegten Positionsfußball im 4-3-3 bekannt. Man muss Louis van Gaal ein Kompliment machen. Er hat aus dem Mittelstürmer van Persie und dem Außenstürmer Robben jeweils einen Halbstürmer gemacht. Und die sind konsequent vorne geblieben. Der Ball wurde nicht mehr auf die Außenstreifen geschlagen, sondern auf die Angreifer in den Halbpositionen, die in dieser torgefährlichen Zone auf die schlafenden Riesen der spanischen Abwehr trafen. Es hat dadurch ein ums andere Mal lichterloh gebrannt.

Robben und van Persie sind im Duell Eins-gegen-Eins schwer zu verteidigen, also hat van Gaal die Taktik genau nach ihren Stärken ausgerichtet?

Er hat die beiden Stürmer in die torgefährlichen Zonen beordert. Robben ist gelernter Außenstürmer und spielt auch bei den Bayern auf außen. Van Persie spielt in England im Verein allein im Zentrum, hat dort mindestens zwei Gegenspieler gegen sich. Sie auf die Halbpositionen zu ziehen war ein genialer Schachzug. Die Holländer hätten auch acht Tore erzielen können. Die Spanier waren noch gut bedient.

Ist das 1:5 ein Zeichen dafür, dass Spanien satt geworden ist?

Das glaube ich nicht. In der ersten Halbzeit hatte man schon das Gefühl, dass die Spanier die bessere Mannschaft und im Schnitt die besseren Einzelspieler hatten. In der zweiten Halbzeit wurde es dann einseitig. Casillas konnte einem leid tun, das war die Albtraumpartie für einen Torwart schlechthin. Wer Ramos im Champions-League-Finale gesehen hat und jetzt gegen Holland, konnte kaum glauben, dass es derselbe Spieler war. Die Spanier waren am Ende völlig von der Rolle.

Bis auf Uruguay und Ecuador haben bis jetzt alle südamerikanischen Mannschaften gewonnen. Und Uruguay unterlag einem mittelamerikanischen Team. Ist das schon ein Beleg dafür, dass Europa keine Chance hat, erstmals auf dem amerikanischen Kontinent den Titel zu gewinnen?

Keine Chance, glaube ich nicht. Wenn es die Holländer schaffen, das durchzuspielen, was sie gegen Spanien zeigten, haben sie gute Titelchancen. Ich glaube auch, dass die Spanier noch weiterkommen. Bei der letzten WM haben sie auch ihr erstes Spiel verloren und sind Weltmeister geworden.

Das 0:1 gegen die Schweiz war aber eine Verkettung unglücklicher Umstände in einem hoch überlegen geführten Spiel. Das 1:5 dagegen ist ein Debakel.

Dennoch glaube ich, dass Spanien ins Achtelfinale einziehen wird, wenn Trainer del Bosque die richtigen Schlüsse zieht. Und das traue ich ihm allemal zu, erfahren und clever wie er ist. Ich habe Spanien noch nicht abgeschrieben.

Das Gespräch führte Peter Heß.

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