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Prognosen zur Fußball-WM : Brasilien wird Weltmeister - wahrscheinlich

Die Weltmeister der Analysten Bild: dpa

Bankanalysten haben berechnet, wer die Weltmeisterschaft gewinnen wird. Fast alle kommen zum gleichen Ergebnis, obwohl sie sich weder mit der Strategie noch mit der Zusammensetzung der Mannschaft beschäftigt haben.

          Würde Peter Dixon im Wettbüro auf den Ausgang der Fußball-Weltmeisterschaft tippen, würde er auf Brasilien setzen. „Eine kleine Geldsumme zwar“, wie er sagt, denn er sei „kein Zocker“. Zuversichtlich sei er dennoch, dass Brasilien gewinnt, sagt Dixon, obwohl er sich wenig mit der Strategie der Mannschaft oder der Zusammensetzung des Kaders beschäftigt hat. Stattdessen hat er den brasilianischen Sieg mathematisch berechnet - mit Formeln, die er sonst für das Erstellen von Aktienanalysen nutzt.

          Nadine Bös

          Redakteurin in der Wirtschaft, zuständig für „Beruf und Chance“.

          Peter Dixon ist in der Research-Abteilung der Commerzbank beschäftigt und hat - ganz Fußballfan - seine Prognosekünste in Zeiten der Weltmeisterschaft auf sportliche Gefilde übertragen. Das ist keine verrückte Idee eines Einzelnen. Reihenweise leihen sich Banker derzeit Modelle aus der Ökonomie, meist sogenannte Regressionsmodelle - um damit statt wirtschaftlicher Größen das Ergebnis des Fußballturniers zu berechnen. Finanzkrise hin oder her, kaum einer will da zurückstehen: Die Dekabank beteiligt sich ebenso an den WM-Spekulationen wie die Schweizer Großbank UBS. Bei JP Morgan hat sich die Research-Abteilung in der Londoner City ins Zeug gelegt, und auch Goldman Sachs hat eifrig getüftelt. Die meisten legen ihren Tipps bunte Analysen über Fußball, Wirtschaft, Südafrika, Land und Leute bei. Alle weisen darauf hin, dass ihre Vorhersagen bitte mit einer guten Dosis Augenzwinkern zu genießen seien. Und alle bis auf eine Bank tippen auf Brasilien als Weltmeister.

          So manches Modell war erfolgreich

          „Wer hätte das gedacht?“, kommentiert Tim Pawlowski, Juniorprofessor für Sportökonomie an der Sporthochschule Köln, die Studien der Banker. „Was bei diesen Berechnungen herauskommt, ist größtenteils ziemlich intuitiv.“ Er muss ein bisschen schmunzeln über das, was die Kollegen aus dem fremden Fachgebiet da produziert haben. „Es ist natürlich eine nette PR, eine nette Art, nebenbei auf die ökonomischen Aspekte der WM einzugehen.“ Sportwissenschaftlich allerdings sei das Ganze für ihn wenig interessant. Schließlich fragten alle statistischen Modelle nur danach, wer gewinnt, aber nicht danach, warum eigentlich.

          Obwohl die Banken letztlich zu sehr ähnlichen Ergebnissen kamen, sind sie bei ihren Berechnungen unterschiedlich vorgegangen. Goldman etwa nutzt die Fifa-Weltrangliste und kombiniert den Fifa-Rang jeder Mannschaft mit der durchschnittlichen Gewinnwahrscheinlichkeit, die dem Team von einer vorher definierten Anzahl von Wettbüros eingeräumt wird. UBS, Dekabank und Commerzbank bedienen sich dagegen sogenannter „Elo-Ratings“; das sind Langzeit-Ranglisten aus historischen Spieldaten. Dabei zählen „schwierige“ Siege mehr als „einfache“: Ein Auswärtsspiel ist mehr wert als ein Heimspiel, ein Qualifikationsspiel zählt mehr als ein Freundschaftsspiel, eine hohe Tordifferenz mehr als eine niedrige. Die Elo-Daten werden dann je nach Studie mal mit dem Heimvorteil kombiniert, mal auf die Ausgänge der letzten Weltmeisterschaften angewendet. Zuweilen kommen auch noch weitere Komponenten ins Spiel.

          „Was bei makroökonomischen Analysen aber in aller Regel fehlt, sind Mikrodaten über die Spieler und Teams“, sagt Sportwissenschaftler Pawlowski. Aus den historischen Daten gehe nicht hervor, wer sein Team inzwischen strategisch umgestellt habe, in welchem Team die Spieler besonders jung und fit seien oder wann im Turnierverlauf eine starke rechte Seite auf eine besonders schwache linke Abwehr treffe. „Selbst wenn manche Banker die Daten von Wettbüros mit einbezogen haben, um Kurzfristeffekte abzubilden, sind das immer noch Daten von einem fixen früheren Zeitpunkt“, sagt Pawlowski. „Verletzungen wie beispielsweise der Ausfall von Michael Ballack oder Ghanas Essien können dabei nicht berücksichtigt werden.“

          Trotz aller Kritik war so manches Bankermodell in der Vergangenheit recht erfolgreich. „2008 haben wir getippt, dass Deutschland Europameister wird - und es reichte immerhin zum zweiten Platz“, sagt der Leiter der Volkswirtschaftsabteilung der Dekabank, Holger Bahr. Die UBS lag bei der WM 2006 sogar mit ihrem Tipp auf Italien goldrichtig. Und die Commerzbank setzte 2006 auf Frankreich - was ohne Zidanes Kopfstoß vielleicht sogar noch hätte klappen können.

          Warnung vor großen Einsätzen

          So richtig viel Vertrauen setzen die Analysten gleichwohl doch nicht auf ihre Modelle. Deka-Volkswirt Bahr rät offen, lieber keine 1000 Euro auf seine Prognose zu verwetten. Auch Commerzbanker Dixon warnt vor zu großen Einsätzen: „Viel Geld auf Brasilien zu setzen macht allein schon deshalb keinen Sinn, weil Brasilien ein sehr konventioneller Tipp ist und deshalb die Gewinnmarge nicht allzu hoch sein dürfte.“

          Sportwissenschaftler Pawlowski staunt einstweilen noch über die Ergebnisse des einzigen Modells, das nicht Brasilien als Weltmeister vorhersagt. Es kommt aus London City, von JP Morgan Europe. Auf 69 Seiten krönen die Engländer mit einer hochkomplizierten Analyse ausgerechnet England zum Weltmeister des Jahres 2010. Anders als die anderen Banken versucht JP Morgan, auch unentschiedene Spiele und Elfmeterschießen abzubilden. Eben gerade die Ausgänge im Elfmeterschießen würden Wayne Rooney und Mannschaft zum Titel verhelfen. „Dieses Ergebnis ist doch überraschend“, findet Pawlowski. „Denn besonders bekannt für erfolgreiches Elfmeterschießen ist England ja nicht gerade.“

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