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WM-Gastgeber Brasilien : Pfiffe nach der Generalprobe

In die Enge getrieben: Brasiliens Superstar Neymar (l.) enttäuscht gegen Serbien Bild: AP

Brasilien entgeht gegen Serbien im letzten Testspiel vor dem WM-Auftakt nur knapp einer Enttäuschung. Trotz der Pfiffe im Stadion bleibt Trainer Felipe Scolari zuversichtlich für das Turnier.

          3 Min.

          Zwischen den Zuschauern im Morumbi-Stadion von São Paulo und der brasilianischen Nationalmannschaft herrscht kein Liebesverhältnis. Das liegt vor allem daran, dass die traditionsreiche Sportstätte im wohlhabenden Westen der Stadt, eingeweiht 1960, nicht als Austragungsort für die Weltmeisterschaft ausgewählt wurde. Stattdessen wurde im weit vom Zentrum entfernten Arbeiterviertel Itaquera im Osten von São Paulo ein neues Stadion errichtet. In der „Arena Corinthians“ wird am 12. Juni (22 Uhr/ live im ZDF und F.A.Z.-Liveticker) das Eröffnungsspiel zwischen Gastgeber Brasilien und Kroatien ausgetragen. Ingesamt finden in dem neuen Stadion, an dem fünf Tage vor WM-Anpfiff noch immer gewerkelt wird, fünf Spiele statt. Nach der WM wird der Club Corinthians in der modernen Arena, zum großen Teil aus Steuergeldern finanziert, seine Heimspiele austragen.

          Matthias Rüb

          Politischer Korrespondent für Italien, den Vatikan, Albanien und Malta mit Sitz in Rom.

          Für den Konkurrenzverein São Paulo FC bleibt die alte “Betonschüssel” von Morumbi, für deren überfällige Modernisierung der Verein nun selbst aufkommen muss. Beim FC São Paulo und in Morumbi fühlt man sich deshalb vom brasilianischen Fußballverband und damit von der Nationalmannschaft stiefmütterlich behandelt, weil diese vor der WM nur über dem Konkurrenten Corinthians das Füllhorn ausgeschüttet haben.

          Unansehnliches 1:0

          Die meisten der 67.000 Zuschauer, die am Freitagabend das letzte Testspiel der Seleção vor der WM verfolgten, brachten daher eine äußerst skeptische Erwartungshaltung mit ins Stadion von Morumbi. Und sie sahen sich nach dem schwachen Auftritt der Mannschaft um den überforderten Superstar Neymar bestätigt. Denn anders als beim vorletzten Testspiel gegen die physisch und spielerisch überforderten Panamaer vom Dienstag, das die Seleção leicht mit 4:0 gewann, quälte sich der selbst ernannte WM-Favorit gegen die mindestens ebenbürtigen Serben nur zu einem unansehnlichen und äußerst glücklichen 1:0.

          Dabei hatte Nationaltrainer Luiz Felipe Scolari seine Mannschaft in der vermeintlichen Bestbesetzung auf den vom Dauerregen durchtränkten Rasen von Morumbi geschickt. Die Abwehrreihe vor Torhüter Júlio César bildeten Dani Alves, der nach Verletzungspause in die Mannschaft zurückgekehrte Kapitän Thiago Silva sowie David Luiz und Marcelo. Im Mittelfeld liefen Luiz Gustavo, Paulinho und Oscar auf, im Sturm sollten Hulk, Fred und vor allem Neymar den Strafraum der Serben in Brand stecken.

          Pfeifkonzert zur Pause

          Doch stattdessen dominierten die Serben, die nach zwei Freundschaftsspielen in den Vereinigten Staaten – gegen Jamaika ein 2:1-Sieg und gegen Panama ein 1:1 – nach Brasilien gereist waren, von Beginn an das Geschehen. Neymar gelang nach seiner Glanzleistung gegen Panama im Spiel gegen die Serben kaum ein Dribbling und fast kein Pass. Die brasilianische Abwehr um Thiago Silva und David Luiz stellte für die spielstarken Serben um den überragenden Lazar Markovic nur selten ein Hindernis dar. Allein der Abschlussschwäche der Serben verdankten es die Brasilianer, dass sie zur Pause ohne Rückstand, dafür aber begleitet von einem Pfeifkonzert in die Kabine gehen konnten.

          Gut fürs Selbstvertrauen: Fred (r.) hat getroffen und wird von Hulk gefeiert

          Allenfalls in den ersten 15 Minuten der zweiten Halbzeit spielten die Brasilianer annähernd wie ein WM-Favorit. Das war vor allem dem unermüdlichen Einsatz von Willian zu verdanken, der nach der Pause für den schwachen Oscar aufs Feld kam. Das Tor durch Fred in der 59. Minute, der nach langer Ladehemmung wieder traf und diesen Schub für sein angeschlagenes Selbstbewusstsein dringend brauchte, war aber eher das Produkt einer Zufallsaktion statt einer Kombination.

          Es gab dann noch jeweils ein Abseitstor für die Serben und die Brasilianer, aber auch in der zweiten Spielhälfte spielten die Gäste, die sich im direkten Duell gegen die Kroaten nicht für die WM qualifizieren konnten, stärker als die Brasilianer. Als Scolari nach 80 Minuten den enttäuschten und enttäuschenden Neymar auswechselte, wurde der 22 Jahre alte Superstar mit Pfiffen von den Zuschauern verabschiedet. Einzig Hulk im offensiven Mittelfeld und David Luiz im Abwehrzentrum zeigten über die gesamten 90 Minuten eine gute Leistung. Nach dem Schlusspfiff gab es mehr Pfiffe als Beifall.

          Rückkehr ins Kampfgebiet: Kapitän Thiago Silva (Mitte) ist wieder im Einsatz

          Ungeachtet der missglückten Generalprobe zeigte sich Nationaltrainer Scolari zuversichtlich. „Alles, was wir tun konnten, damit sich die Mannschaft vom ersten Spiel an gut präsentiert, wurde getan und wird getan“, sagte Scolari. Torschütze Fred von Fluminense aus Rio de Janeiro, der als einziger Spieler der Startaufstellung in Brasilien spielt, attestierte den Serben zu Recht eine gute Leistung in der Abwehr und im Mittelfeld; und er kritisierte ebenfalls zu Recht das schwache Flügelspiel seiner eigenen Mannschaft.

          „Es war trotz einiger Schwierigkeiten ein gutes Spiel“, übte sich Scolari in Zweckoptimismus: „Wir wissen, dass wir auf dem richtigen Weg sind.“ Die letzten Tage vor dem Ernstfall verbringt die Seleção nun wieder im Trainingslager Granja Comary bei Teresópolis im Bundesstaat Rio de Janeiro. Wenn sie am Donnerstag wieder nach São Paulo kommt, muss sie in Itaquera gegen die Kroaten besser spielen als in Morumbi gegen Serbien.

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