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Die perfekte WM-Taktik : Kräfte sparen - Turbo anwerfen

  • -Aktualisiert am

Tafelsilber: Wer die richtige Taktik findet, ist weit voraus Bild: picture alliance / ZB

Wer beim Turnier in Brasilien Erfolg haben will, muss auf dem Spielfeld flexibel sein. Doch Experten sehen gerade im DFB-Team Schwächen im Umschaltspiel.

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          Wer hat die Supertaktik? Wo zeichnen sich überlegene Strategien für diese WM ab? So einfach sind diese Fragen nicht zu beantworten, auch nicht für Experten. Helmut Groß, Taktik-Spezialist, Mentor und Helfer des Red-Bull-Fußballchefs Ralf Rangnick, erwartet für Brasilien keine entscheidenden neuen Spielideen, weil die Entwicklungen fast nur aus dem Vereinsfußball kommen, wo Mannschaften und Trainer ständig zusammenarbeiten. Für die befragten Analytiker steht allerdings fest, dass das Klima mit vielen Spielen in schwüler Hitze großen Einfluss haben wird auf die taktische Ausrichtung der Topteams.

          Auch die Brasilianer, die mit den Bedingungen besser vertraut sind, werden ihr Spiel darauf ausrichten. Das glaubt Professor Daniel Memmert, der mit seinem Team vom Institut für Kognitions- und Sportspielforschung der Sporthochschule Köln alle WM-Teilnehmer durchgecheckt hat. „Sie werden auf einen Rhythmuswechsel im Spiel setzen: Sie werden etwa die ersten 15 Minuten einen extremen Offensivdruck entwickeln, um schnell das erste Tor zu erzielen. Wenn das nicht klappt, werden sie sich zurückziehen, verhaltener agieren und punktuell mit Kontern nach vorne stoßen“, sagt Memmert. Bleibt Zeit zum Durchatmen. Im Eröffnungsspiel gegen Kroatien allerdings war von diesem Hurra-Fußball vom Anstoß weg erst mal wenig zu sehen.

          Groß rechnet in Brasilien auch nicht mit einer weiteren Intensivierung des unlängst noch so hochgejubelten Ballbesitzkonzeptes à la Guardiola. „Lange Ballbesitzzeiten sind kein Kriterium für Erfolg“, sagt Groß. Dies war eine Erfahrung der Bayern in der diesjährigen Champions League, wo sie sich in den Schlaf kombinierten, bis der Gegner von Real Madrid ihnen den Ball abjagte und zuschlug.

          Trotzdem sieht Groß bei den besten Mannschaften eine taktische Zweiteilung: „Manche rücken die Ballbesitzzeiten ins Zentrum ihrer Strategie. Dazu zählen Spanien, Holland und zeitweise Deutschland. Andere ziehen sich zurück, lassen den Gegner spielen, bis er sich in der Kompaktheit verirrt, und attackieren dann mit schnellen Tempogegenstößen.“ Groß meint hier die Italiener, aber auch Brasilien und vielleicht Argentinien. „Die Passivität bei gegnerischem Ballbesitz ist aber auch gefährlich, wenn der Gegner Tempo macht, riskiert man Gegentore.“

          Denkspiel: Auch für Bundestrainer Löw gilt es in Brasilien die richtige Erfolgstaktik zu finden.
          Denkspiel: Auch für Bundestrainer Löw gilt es in Brasilien die richtige Erfolgstaktik zu finden. : Bild: picture alliance / dpa

          Der Spielebeobachter der deutschen Nationalmannschaft, Urs Siegenthaler, sagte in der „Frankfurter Rundschau“ über große Ballbesitzzeiten: „Agieren heißt Bewegung, und Bewegung kostet Kraft. Bloßer Ballbesitz wäre für Südamerika nicht das richtige Konzept.“ Siegenthaler warnt auch davor, mit Dauerpressing auf den Gegner loszugehen. „Ich sehe eine erhebliche Gefahr, mit sieben, acht Spielern ständig sehr früh anzugreifen. Dann kann es schnell passieren, dass in die andere Richtung die Post abgeht und man hinten zu offen steht.“ Eher geht es bei diesem kräftezehrenden Turnier um eine gute Balance - und die Turbo-Attacke im richtigen Moment. Aber daran werden wohl einige Mannschaften scheitern, die sich diese Strategie vornehmen.

          „Es gehört zum Schwierigsten im Fußball, vom Energiesparmodus in einen schnellen, aggressiven Spielmodus umzuschalten. Es erfordert von den Spielern eine hohe Konzentrationsfähigkeit, physische Stärke und Willenskraft. Das ist sehr anspruchsvoll und für den Kopf schwieriger, als 90 Minuten, das sind etwa 55 Minuten Nettospielzeit, mit Vollgas zu pressen und anzugreifen“, sagt Groß. Er sieht bei der Fähigkeit zum Rhythmuswechsel wieder Brasilien, Spanien mit dem Vorbild Real Madrid und Chile ganz vorne.

          Einer für alle: Portugals Spielweise ist ganz auf Superstar Cristiano Ronaldo zugeschnitten.
          Einer für alle: Portugals Spielweise ist ganz auf Superstar Cristiano Ronaldo zugeschnitten. : Bild: REUTERS

          Und bei der deutschen Elf? Da sind die Fußball-Analytiker nicht zu optimistisch. Memmert fragt sich, ob auf dem Platz wirklich gruppen- sowie mannschaftstaktisch diszipliniert genug gearbeitet wird. Groß wird noch konkreter: „Beim deutschen Team habe ich Zweifel, ob das mit dem schnellen Umschalten funktioniert. Mal abwarten. Nach Ballgewinn umschalten in die Offensive, da sehe ich weniger Probleme. Aber im Fall des Ballverlusts zeigten sich doch zuletzt in den Spielen deutliche Schwächen beim Gegenpressing in der Restverteidigung.“

          Alles schaut auf Messi, Ronaldo, Pirlo

          Aber welche Auswirkungen haben die festen Positionen der Spieler auf den Erfolg? Groß hält diese Festlegungen für anachronistisch. Für ihn sind die Spieler als Kleingruppen am besten in permanenten Schwärmen auf dem Platz unterwegs, um Überzahlsituationen zu schaffen. Als Technischer Direktor des Europäischen Fußballverbandes beobachtete der Rumäne Ion Lupescu in dieser Europapokalsaison einen Trend: „Mannschaften greifen in einem System an und wehren in dem anderen ab. So ist ein Team sehr unberechenbar“, sagt der ehemalige Bundesligaspieler von Leverkusen und Gladbach.

          Doch braucht es dafür taktisch sehr gut geschulte Spieler. So hatte Juventus Turin generell die Startformation im 3-5-2-System - in der Abwehr wird daraus ein 5-3-2 und beim Pressing 3-3-4. Auch Real Madrid war hier sehr flexibel. Chile ist eine WM-Mannschaft, die als gefährlicher Außenseiter über ähnliche Variabilität verfügt. Lupescu untersucht auch bei der WM die taktischen Entwicklungen der Mannschaften. Eine andere, besondere Konzeption hat Memmert noch wahrgenommen: die Orientierung-am-Star-Strategie. „Bei Argentinien werden wir wohl sehen, dass das Spiel auf Superstar Messi zugeschnitten sein wird, was die Mannschaft taktisch beschränkt. Ähnlich ist es bei Portugal (Ronaldo) und in Ansätzen Italien (Pirlo).“

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