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Pelada in Brasilien : Dribbeln, zaubern, frei sein

  • -Aktualisiert am

Bei Hitze, bei Regen, am Muttertag und an Ostern: Die Pelada ist heilig Bild: AP

Auf den Bolzplätzen in Rio vergessen viele Brasilianer ihren Alltag. Vor allem sonntags treffen sie sich zur heiligen Pelada - denn irgendwo rollt immer ein Ball.

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          Der Sonntag ist heilig, das sagen sie alle, das wird der am meisten gesagte Satz an diesem wolkenverhangenen Vormittag sein, der mit einem Gebet beginnt. Sie stellen sich im Kreis auf, legen sich die Arme über die Schultern und um die Hüften. 31 Männer, groß und klein, kantig und rund, weiß, hellbraun, dunkelbraun. Ein Querschnitt der brasilianischen Bevölkerung.

          David Klaubert
          Redakteur im Ressort „Deutschland und die Welt“.

          Das Gebet spricht Robson, genannt Robinho, ein 43 Jahre alter Glatzkopf mit Kinderlächeln. Er senkt die Augen und dankt Jesus für die vergangene Arbeitswoche. Er dankt für die Gemeinschaft und bittet darum, dass sie sich über die Gruppe hinaus ausbreite. Er bittet, dass es dem Einzelnen nicht nur darum gehe, der Beste zu sein, sondern auch darum, sich menschlich weiterzuentwickeln. „Jesus, segne unsere Familien. Segne uns und unseren Fußball. Amen.“ Dann trotten die Männer aufs Feld.

          Der nackte Ball, die nackten Füße

          Das Spiel beginnt um kurz nach neun. Gelb gegen Blau. „Filhos do Parque“ steht auf den Trikots beider Mannschaften: „Söhne des Parks“. Fast alle kennen sich schon seit Jahrzehnten. Sie sind gemeinsam aufgewachsen, in der Favela Parque União, nicht weit von dem Bolzplatz hier im armen Norden von Rio de Janeiro. Zusammen mit ihren Vätern haben sie hier schon gekickt.

          „Pelada“ bedeutet auch nackt: Fußball rustikal am Strand von Recife
          „Pelada“ bedeutet auch nackt: Fußball rustikal am Strand von Recife : Bild: REUTERS

          Und nun kommen sie zurück, jeden Sonntag, bei Hitze, bei Regen, am Muttertag, an Ostern, an Weihnachten. „Die Pelada am Sonntag ist heilig“, sagt Henrique, ein bulliger Kerl, Polizist, der auf einem Plastikstuhl am Spielfeldrand sitzt. Er darf erst in der zweiten Halbzeit rein, denn er war an diesem Morgen einer der Letzten. Und das wichtigste Gebot hier lautet: Wer zuerst kommt, spielt zuerst.

          Pelada nennen die Brasilianer das Fußballspiel unter Freunden, Nachbarn, Kollegen. Woher der Name kommt, ist nicht ganz klar. Wörtlich übersetzt heißt pelada auch „nackt“ - der nackte Ball, die nackten Füße, der Bolzplatz ohne Rasen. Fußball rustikal. Und doch geht es um viel mehr als nur um Sport. „Die Pelada ist ein Mikrokosmos des Glücks“, sagt der brasilianische Schriftsteller João Ubaldo Ribeiro.

          Gespielt wird überall

          2:1 steht es zur Pause, Blau führt. Die Mannschaften trotten vom Feld, mehrere humpeln. „Das war kein Elfmeter, nie, verdammt.“ - „Er hat das Bein stehen lassen, klar.“ - „Ach, leck mich!“ - „Der Torwart, was für ein frango, ein Hühnchen.“ - „Und Gil mit seinen 115 Kilo: sein Aufwärmprogramm sind doch drei Sandwiches und eine Limo.“ „Und du: halt die Klappe!“ „Was für ein Tor. Hast du das Tor gesehen? Genau wie Messi, genau wie Messi.“

          Vittorino lächelt erschöpft. Er zieht die ausgelatschten Fußballschuhe von den Füßen und wickelt die Bandagen ab, die er zur Stabilisierung seiner alten Gelenke trägt. 62 Jahre alt ist er, der Rentner der „Filhos do Parque“. Eine Halbzeit reicht ihm. Aber die muss sein.

          Rio de Janeiro ist die Hauptstadt der Peladas. Überall wird gespielt: auf den Sandplätzen der Favelas, auf Betonfeldern, auf den Grünstreifen entlang der Ausfallstraßen, am Strand und in den Condomínios, den abgeschlossenen Wohnvierteln der Reichen, von denen manche sogar einen eigenen Greenkeeper haben. Irgendwo rollt jedenfalls immer ein Ball: vor der Arbeit, nach der Arbeit. Die Pelada dos Garçons, die Pelada der Ober, findet nachts von eins bis drei Uhr statt.

          Es gibt eine Pelada der Sambamusiker, eine Pelada der Funk-Sänger, eine Pelada der Justizangestellten, eine Pelada der Pharmazeutiker, die sich selbst Turma do Viagra (Viagratruppe) nennen. Und auch viele Profifußballer kommen zu den Peladas, sobald die Saison in den Stadien vorbei ist. Auf den Bolzplätzen müssen sie sich keinem Trainer, keiner Taktik unterwerfen. Hier können sie dribbeln und zaubern. Frei. Und nach dem Schlusspfiff ist die Pelada noch lange nicht vorbei.

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