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Zweiter Nationalfeiertag : Paris rastet aus

Bild: Christian Schubert

Die Fanmeile platzt aus allen Nähten, die Wangen sind blau-weiß-rot. Für die Pariser ist der Sieg von Moskau mehr als nur ein WM-Titel.

          Was für ein Wochenende für die Franzosen: Zwei Nationalfeiertage hintereinander! Am Tag nach dem Bastille-Tag des 14. Juli gewinnt Frankreich die Fußballweltmeisterschaft, so wie fast auf den Tag genau vor 20 Jahren. Gleich nach dem Abpfiff erlebt Paris einen beispiellosen Freudenausbruch. Die Seine-Metropole wurde zu einem Klangteppich aus Autohupen und Jubelgeschrei, ein Meer aus Fahnen und hochgereckten Armen.

          Christian Schubert

          Wirtschaftskorrespondent in Paris.

          Die Champs-Elysées füllten sich nach dem Endspiel rasch mit Zehntausenden von Menschen. Schon die Zugänge zur Pariser Prachtmeile hatten sich nach wenigen Minuten verstopft. Auf der Rue de Rivoli Richtung Champs-Elysée kam der Verkehr zwischen Fußgängern, Motorrollern und Autos am frühen Abend zum Stillstand. Fahrzeuge mit Flachdach wurden rasch zur Tanzfläche umfunktioniert, andere junge Männer legten sich auf die Windschutzscheiben der vorbeifahrenden Autos und lagen sich in den Armen. Auf den Dächern der Bushaltestellen ging die Party weiter. „On a gagné“ – wir haben gewonnen“. – „On est les champions“ – wir sind die Champions. Vom Balkon der Comédie Française winkten die Schauspieler herunter und schwenkten die Fahnen.

          U-Bahnstationen mussten aus Sicherheitsgründen geschlossen werden, der Busverkehr wurde eingestellt. Aber das betrübte niemanden, denn zu Fuß lässt es sich auch gut jubeln. Die Vorfreude hatte schon am frühen Nachmittag ihren Höhepunkt erreicht, als um 14:30 Uhr die Fanzone am Eiffelturm mit ihren 90.000 Fußballfans geschlossen werden musste. Verletzte wurden gemeldet, weil die wogenden Massen schwer zu kontrollieren waren. Kaum jemand blieb ohne die dreifarbige Schminke auf den Wange, in manchem Geschäft hatten sich die Verkäuferinnen zusätzlich die Tricolore ins Haar gesteckt. Die Bars waren zum Bersten gefüllt, nach Ende des Finales entluden sie ihre feiernden Massen schnell auf die Straßen.

          Hunderttausende Menschen feiern den Finalsieg auf den Champs-Élysées in Paris.

          Die Zeichen waren klar: Hier feierte eine Nation ihre Comeback – nicht nur auf dem Fußballplatz. Jahrelange Wirtschaftskrise, hohe Arbeitslosigkeit und Staatsverschuldung, politischer Stillstand – all diese Missstände mögen wenig mit Fußball zu tun haben, doch sie gehören zu einer Analyse dieses kollektiven Freudenausbruchs. Eine Nation mit einer verletzten Volksseele feiert hier eine neue Botschaft: „Wir sind wieder wer“. 

          So wurde das Wochenende zum doppelten Triumph. Der Vortag hatte noch wie eine verpatzte Generalprobe gewirkt. Bei den Nationalfeierlichkeiten des 14. Juli. verbreitete ein Kampfflugzeug der französischen Luftwaffe die falsche Farbe am Himmel, sodass nicht die Tricolore sondern, vier rote Streifen auftauchten. Zudem fielen zwei Motorradfahrer der Polizei vor den Augen Macrons auf die Straße, was die Beobachter aber eher wie eine lustige Slapstick-Einlage in Erinnerung an Louis de Funès aufnahmen. Der 15. Juli verlief dann genau wie erhofft: Champions du monde 2018! Das Zustandekommen des Finalsieges war rasch vergessen.

          Die Mitglieder mancher französischer Amateurmannschaft hatten sich per Whatsapp noch während der ersten Halbzeit über das mäßige Spiel ihrer „Bleus“ beklagt und die Stärke der Kroaten honoriert, um dann aber schnell zu dem Schluss zu kommen, dass letztlich nur das Ergebnis zählt, zumal sich die Franzosen in der zweiten Hälfte deutlich steigerten. So schrie im Freudentaumel des Pariser Sonnabends am Ende niemand mehr „Allez les Bleus“. Denn die Franzosen waren dort angekommen, wo sie seit langem hinwollten: aufs Podium der Fußballweltmeisterschaft.

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