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Özil zu Erdogan-Debatte : „Ein Versuch, die Nation gegen mich zu wenden“

Das Bild des Anstoßes: Mesut Özil (links) mit dem türkischen Staatspräsidenten Recep Tayyip Erdogan. Bild: AFP

Tief verletzt und mit zum Teil absurden Vorwürfen äußert sich Mesut Özil nach Wochen des Schweigens. Das Erdogan-Foto und die Folgen wühlen den Fußball-Nationalspieler offenbar auf.

          Mesut Özil hat sich an diesem Sonntag nach gut zwei Monate langem Schweigen zu seinem Foto mit dem türkischen Präsidenten Erdogan geäußert. Der 29 Jahre alte Fußball-Nationalspieler macht insbesondere den Medien heftige Vorwürfe. Aus den Texten mit zum Teil absurden Vorwürfen spricht eine tiefe Verletztheit. Sein Treffen mit Erdogan im Mai in London verteidigt Özil als Ausdruck des Respekts vor seinen türkischen Vorfahren. Der in Gelsenkirchen geborene und aufgewachsene Özil veröffentlichte auf dem Kurznachrichtendienst Twitter eine dreiteilige Reihe von Erklärungen und Vorwürfen; bislang sind zwei von drei Texten erschienen; sie tragen die Ziffern I/III und II/III. Özil hat bei Twitter 23 Millionen Follower und flog am Sonntag mit dem FC Arsenal von London zu einer Werbetour nach Singapur.

          Michael Reinsch

          Korrespondent für Sport in Berlin.

          Özil attackiert die deutsche Presse pauschal und wirft „gewissen deutschen Zeitungen“ vor, im Umgang mit ihm „eine persönliche Linie überschritten zu haben, die niemals hätte überschritten werden dürfen, da Zeitungen versuchen, die Nation Deutschland gegen ihn zu wenden“. Özil berichtet über bittere Erfahrungen wie das Scheitern einer Wohltätigkeitsveranstaltung an seiner alten Gelsenkirchener Schule Berger Feld. Zunächst sei er, wenige Tage vor einer gemeinsamen Aktion zugunsten von Kindern, von zwei Partnern im Stich gelassen worden. Diese wollten in Folge des Erdogan-Fotos nicht mehr mit ihm zusammenarbeiten. Obendrein meldete sich die Schule bei seinem Management, schreibt Özil, und teilte mit, dass sie ihn, weil sie wegen des Erdogan-Fotos die Presse fürchte, zu diesem Zeitpunkt nicht mehr haben wollten – „insbesondere mit der rechten Partei in Gelsenkirchen im Aufschwung“.

          „Ganz ehrlich, das tut weh“, schreibt Özil. „Obwohl ich ein Schüler von ihnen war, als ich jünger war, erweckten sie in mir das Gefühl, unerwünscht zu sein und ihrer Zeit nicht wert.“ Ein Partner, der auch den DFB sponsert, habe ihn fallen gelassen und eine geplante Kampagne sowie Werbeveranstaltungen abgesagt.

          Gewisse deutsche Zeitungen nutzten seinen familiären Hintergrund und das Foto mit Erdogan für rechte Propaganda, beklagt Özil weiter. Nach dem Scheitern der Nationalmannschaft bei der Weltmeisterschaft in Russland hätten sie nicht seine Leistung oder die der Mannschaft kritisiert, sondern allein seine Herkunft und seinen Respekt vor seiner Erziehung. Özil nennt keine Zeitung und kein Medium beim Namen und belegt seine Vorwürfe auch nicht mit Zitaten. Aber er betont: Die Zeitungen hätten Buhrufe und das Foto thematisiert, statt über seine Wohltätigkeitsprojekte zu berichten und sie damit zu fördern.

          Özil beklagt auch einen doppelten Standard im Umgang mit Lothar Matthäus. Zwar nennt er Putin nicht beim Namen, indem er dessen Treffen „mit einem anderen Welt-Führer“ anspricht, impliziert aber, dass dessen Umgang mit einem autokratischen Herrscher milder kommentiert werde als seiner. Özil kritisiert den Deutschen Fußball-Bund (DFB) dafür, dass er zu dem Sponsor halte, der ihn fallengelassen habe; dessen Erzeugnisse habe die Regierung für illegal erklärt und sie enthielten Software, welche ihre Kunden gefährde. Es ist unklar, welchen Sponsor Özil meint. Auf seiner persönlichen Website wirb er für Adidas und Mercedes-Benz, die auch Partner des DFB sind. Auf die Kritik von Nationalmannschaft-Manager Oliver Bierhof geht er in den ersten beiden Texten nicht ein.

          Özil verteidigt seinen Fototermin mit Erdogan als unpolitisch und als Respektbezeugung gegenüber der Heimat seiner Familie. Dies habe dem Amt des Präsidenten gegolten, nicht der Person. „Was auch immer der Ausgang der vorangegangenen Wahl gewesen wäre oder auch der Wahl zuvor, ich hätte dieses Foto gemacht“, heißt es in dem Text. „Obwohl die deutschen Medien etwas anderes dargestellt haben, ist die Wahrheit, dass den Präsidenten nicht zu treffen bedeutet hätte, die Wurzeln meiner Vorfahren nicht zu respektieren, von denen ich weiß, dass sie stolz darauf wären, wo ich jetzt bin. Für mich ist es nicht von Bedeutung gewesen, wer Präsident war, es war von Bedeutung, dass es der Präsident war.“ Er sei sicher, dass Königin und Premierministerin seinen Respekt vor dem politischen Amt teilten, schreibt Özil er in Anspielung auf den Staatsbesuch von Erdogan in Großbritannien. „Ob es der türkische oder der deutsche Präsident gewesen wäre, meine Taten wären nicht unterschiedlich gewesen.“

          Özil hatte gemeinsam mit dem deutschen Nationalspieler Ilkay Gündogan den türkischen Präsidenten in London getroffen; beide überreichten ihm Trikots. Im Gespräch mit Erdogan sei es um Fußball gegangen, nicht um Politik. Sein Beruf sei Fußballspieler, nicht Politiker, schrieb Özil. Mit Erdogan habe er sich erstmals 2010 getroffen, nachdem dieser zusammen mit Bundeskanzlerin Angela Merkel das Länderspiel zwischen Deutschland und der Türkei in Berlin besucht hatte. Erdogan (diesmal) nicht zu treffen, hätte bedeutet, seine familiären Wurzeln nicht zu respektieren.

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