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Fußball-Kommentar : Wo sind die Großen bei der WM?

  • -Aktualisiert am

Frei nach Fußball-Visionär Vogts: Es gibt keinen Großen mehr Bild: dpa

Die Vorhersage von Visionär Vogts über die Kleinen im Fußball erweist sich bei dieser WM als zutreffend – nur andersrum formuliert. Es gibt keine Großen mehr. Dafür einige Gedanken, warum das so ist.

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          Wenn es einer letzten eindringlichen Warnung vor dem Spiel gegen Südkorea (16.00 Uhr im F.A.Z.-Liveticker zur Fußball-WM, im ZDF und bei Sky) bedurft hätte, dann haben die deutschen Spieler sie am Montagabend bekommen. Zumindest ist es wahrscheinlich, dass sie in Watutinki zusammengesessen haben – was kann man da sonst schon machen? Da das Basiscamp in der Abgeschiedenheit vor den Toren Moskaus laut Bundestrainer Joachim Löw den Charme einer Sportschule versprüht, nennen wir den Treffpunkt mal Aufenthaltsraum und nicht wie ansonsten Lounge.

          Fussball-WM 2018

          Was dort über die großen Leinwände flimmerte, wird allen noch einmal in Erinnerung gerufen haben: Es gibt keine Kleinen mehr! Berti Vogts hat das schon in den neunziger Jahren gesagt. Aber weil der damalige Bundestrainer selbst nicht von beeindruckender Körpergröße ist, klang das irgendwie unfreiwillig komisch. Etwas verspätet muss man anerkennen, dass Vogts doch mehr ein Visionär war, als wir alle wahrhaben wollten. Die großen Nationen jonglieren in dieser WM-Vorrunde immer am Rand der Blamage entlang. Zum Auftakt des dritten Spieltags wackelten Spanien und Portugal so bedenklich, dass man froh war, kein Spanier oder Portugiese zu sein. So ließ sich in aller Ruhe beobachten, ob sie die Kurve noch bekommen würden – jene beiden, die doch die gesamte WM bei ihrem direkten Aufeinandertreffen so verzaubert hatten.

          Vielleicht würde Vogts als großer Seher seine Einschätzung heute anders formulieren, zwar zum gleichen Ergebnis kommen, aber auf eine andere Bedeutung hinweisen: Es gibt keine Großen mehr. Denn nach allem, was bisher auf den Spielfeldern zu sehen war, ist bislang kein Großer zu entdecken. Und doch ist unter all diesen Mannschaften auch diejenige, die am 15. Juli den Goldpokal in den Himmel recken wird. Wenn es also keine Großen mehr gibt, dann könnten noch mehr Kleine zur WM geholt werden. So denkt zumindest Gianni Infantino, der Präsident des Internationalen Fußballverbandes. In vier Jahren würde er in Qatar am liebsten 48 Nationen antreten lassen. Noch hat er sich nicht durchgesetzt. Von der Aufblähung verspricht er sich in erster Linie die Anhäufung von Wahlstimmen zu seinen Gunsten und Geld für die Fifa.

          Warum auch nicht? Mehr Teilnehmer schaden doch der Stimmung nicht, wie man in Russland sehen kann. Fußballfans aus allen möglichen Ländern feierten am Montag in der Einkaufsstraße in Kasan ganz so, wie es die Fifa am besten vermarkten kann. Ausgelassen, friedlich, in bester Laune, ein buntes Völkchen. Es wäre doch schön, falls in Zukunft auch Jamaika oder ein paar weitere afrikanische Nationen sowie die Holländer mit ihren Musikkapellen dabei wären.

          Immer mehr ist aber eben nicht immer besser. Ein Modus mit 48 Mannschaften trägt den Stimmungskiller schon in sich. Weil es rechnerisch nicht aufgeht wie bei einem Turnier mit 32 Teams und deshalb so schmerzhafte Verrenkungen wie „die besten Gruppendritten“ nötig wären, um eine K.-o.-Runde auf die Beine stellen zu können. Statt die Aufblähung zu forcieren, sollte Infantino herausfinden lassen, warum es keine Großen mehr gibt. Es könnte daran liegen, dass auch die Champions League mit ihrem Teilnehmerfeld zu viele Spiele generiert, die Europameisterschaft ebenso.

          Infantino will trotzdem nicht nur die WM vergrößern, sondern am liebsten auch die Klub-Weltmeisterschaft. Die Stars müssten noch mehr spielen und würden aufgrund der Dauerbelastung klein gemacht. Am Ende liefe es auf das hinaus, was Vogts schon erkannte: Die Breite in der Spitze ist unheimlich groß. Und am Ende ist einer Weltmeister.

          Peter Penders
          Stellvertretender verantwortlicher Redakteur für Sport.

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