https://www.faz.net/-gtl-16k4q

Nationalmannschafts-Kommentar : Nichts mehr zu verlieren

Unmögliche Mission? Bundestrainer Löw hat zumindest große Sorgen Bild: dpa

Der Ausfall von Michael Ballack trifft Bundestrainer Joachim Löw hart. Eine schwierige WM-Vorbereitung wird ohne den Kapitän zu einer fast unmöglichen Mission für die Nationalmannschaft.

          WM-Aus für Ballack – drei Worte genügen, um den GAU für die deutsche Nationalmannschaft zu beschreiben. Doch erst mit dem Verlust nach einem üblen Foul wird deutlich, welche Bedeutung der in seiner Karriere immer wieder als Endspiel-Verlierer viel zu wenig gewürdigte Kapitän für die Nationalelf besitzt (siehe auch: Fußball-Nationalmannschaft: Schockzustand nach Ballack-Ausfall). Plötzlich und fast schockartig werden die Leerstellen sichtbar, die Ballacks Ausfall vier Wochen vor der Weltmeisterschaft in einem ohnehin fragilen Nationalmannschaftsgefüge aufreißt. Das bekannteste und profilierteste internationale Gesicht des deutschen Fußballs hat über Jahre wie selbstverständlich seinem Team nach innen Halt gegeben und nach außen Respekt vermittelt. Der deutsche Vorzeigeprofi hat das Spiel im Mittelfeld an sich gezogen, den Takt vorgegeben und einem jungen Team immer wieder Orientierung geboten.

          Auch wenn sich Ballacks zahlreiche Kritiker stets noch mehr Führung wünschten – nun wird erkennbar, welches Unbehagen es bereitet, nicht nur mal in einem Spiel, sondern während eines gesamten Turniers auf die Erfahrung und Substanz des seit Jahren einzigen deutschen Weltklassespielers verzichten zu müssen. Vom ehemaligen Teamchef Rudi Völler stammt das Diktum: „Alles darf passieren – nur Ballack darf sich nicht verletzen.“ Es gilt noch heute.

          Man muss nicht drum herum reden: Es ist niemand in der Nationalmannschaft in Sicht, der diese von Ballack verkörperten Qualitäten so verlässlich wie der Kapitän mit seinen fast hundert Länderspielen einbringen könnte. Bastian Schweinsteiger ist dieser Aufgabe noch am ehesten gewachsen, aber ohne ein Pendant von ebenfalls exzellenter Qualität müssten Schweinsteiger und Co. gegen international erstklassige Konkurrenz schon über sich hinauswachsen.

          Die ohnehin nicht allzu großen Chancen, es bei der WM 2010 noch ein bisschen besser als beim deutschen Sommermärchen zu machen, sind jedenfalls deutlich gesunken. Wäre die Nationalmannschaft ein Papier an der Börse, hätte man die Reaktionen an den internationalen Fußballfinanzplätzen direkt ablesen können: Deutschland verkaufen.

          Schwierige Vorbereitung

          Der Verlust trifft die Nationalmannschaft dabei zu einem Zeitpunkt, der ungünstiger kaum sein könnte. Schon lange nicht mehr – der Bundestrainer behauptet sogar, wie noch nie (und das vor Ballacks Ausfall) – leidet eine Vorbereitung auf ein großes Turnier unter so großen Schwierigkeiten wie vor der WM in Südafrika. Die Stolpersteine sind hinlänglich beschrieben: Eine durch die nationalen Pokalendspiele sowie Bayern Münchens Champions-League-Finalteilnahme zerrissene und verkürzte Vorbereitungszeit für den Bundestrainer.

          Fehlende Form und fehlende Spielpraxis von wichtigen Stammkräften wie Podolski, Klose und Gomez. Unsichere Aussichten, ob junge Kräfte wie Özil, Müller oder Kroos einer viel mehr als die Bundesliga herausfordernden Weltmeisterschaft tatsächlich schon gewachsen sind. Dazu unsichere Personal- und Systemfragen im Tor nach dem Ausfall von Adler, in der Innenverteidigung und im Mittelfeld – der Verlust von Anführer Ballack droht nun wie ein Katalysator all die Schwächen und offenen Fragen zu verstärken. Der Bundestrainer und sein Team werden nun versuchen, nach der schwersten WM-Verlustmeldung seit Jahrzehnten das Positive zu suchen, wo nichts Positives zu finden ist. Kann der dreimalige Weltmeister, nachdem ihm erstmals vor einer WM sein Kapitän abhandengekommen ist, überhaupt noch erfolgreich sein? Man sollte das jetzt anders sehen: Die Nationalmannschaft hat in Südafrika nichts mehr zu verlieren.

          Michael Horeni

          Korrespondent für Sport in Berlin.

          Folgen:

          Weitere Themen

          Neuer not amused

          Nach ter-Stegen-Aussagen : Neuer not amused

          „Auch wir Torhüter müssen zusammenhalten“: Manuel Neuer hat sich kritisch gegenüber Marc-André ter Stegen geäußert. Der Nationalmannschaftskollege vom FC Barcelona hatte sich zuvor frustriert über seine Ersatzrolle gezeigt.

          Freiburg überholt den FC Bayern

          3:0 gegen Hoffenheim : Freiburg überholt den FC Bayern

          Drei Siege in vier Spielen – das Freiburger Team von Christian Streich zeigt auch nach der Länderspielpause eine erstaunliche Frühform und klettert in der Tabelle auf Platz drei. In Hoffenheim herrscht dagegen Ernüchterung.

          Topmeldungen

          Benny Gantz auf einem Wahlplakat im arabischen Baqa al-Gharbiyye im Norden Israels.

          Vor der Wahl in Israel : Zusammenprall der Temperamente

          Bei der Parlamentswahl an diesem Dienstag in Israel tritt der frühere Generalstabschef Gantz gegen Amtsinhaber Netanjahu an. Doch selbst wenn er gegen den Ministerpräsidenten gewinnen sollte – einen fundamentalen Politikwechsel gäbe es nicht.

          Klage vor Supreme Court : John Majors Verachtung für Boris Johnson

          Der frühere Premierminister John Major ging zu seiner Amtszeit nicht mit Samthandschuhen vor. Doch Boris Johnsons Mittel gehen ihm zu weit. Deswegen hat er sich der Klage gegen die Beurlaubung des Parlaments angeschlossen.
          Mit dem Bagger gegen die Algen: Arbeiter am Strand von Tarifa.

          Algenplage im Mittelmeer : Der asiatische Eindringling

          Laut spanischen Fischern spielt sich unter der Meeresoberfläche um Gibraltar und Mittelmeer eine Umweltkatastrophe unabsehbaren Ausmaßes ab. Fische gehen nicht mehr viele ins Netz – stattdessen tonnenweise braune Algen.
          Die Talkrunde zum Thema Klimapolitik bei Frank Plasberg

          TV-Kritik: Hart aber fair : Die Realität der Zwickmühle

          Die Klimapolitik ist so verzwickt, dass es den üblichen Verdächtigen kaum noch gelingt, Einsicht in das Notwendige oder gar Verhaltensänderungen zu erreichen. Tatsächlich sehen einige das Format der Talkshow als Pranger für üble Phantasien.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.