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Nationalmannschafts-Kommentar : Nichts mehr zu verlieren

Unmögliche Mission? Bundestrainer Löw hat zumindest große Sorgen Bild: dpa

Der Ausfall von Michael Ballack trifft Bundestrainer Joachim Löw hart. Eine schwierige WM-Vorbereitung wird ohne den Kapitän zu einer fast unmöglichen Mission für die Nationalmannschaft.

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          WM-Aus für Ballack – drei Worte genügen, um den GAU für die deutsche Nationalmannschaft zu beschreiben. Doch erst mit dem Verlust nach einem üblen Foul wird deutlich, welche Bedeutung der in seiner Karriere immer wieder als Endspiel-Verlierer viel zu wenig gewürdigte Kapitän für die Nationalelf besitzt (siehe auch: Fußball-Nationalmannschaft: Schockzustand nach Ballack-Ausfall). Plötzlich und fast schockartig werden die Leerstellen sichtbar, die Ballacks Ausfall vier Wochen vor der Weltmeisterschaft in einem ohnehin fragilen Nationalmannschaftsgefüge aufreißt. Das bekannteste und profilierteste internationale Gesicht des deutschen Fußballs hat über Jahre wie selbstverständlich seinem Team nach innen Halt gegeben und nach außen Respekt vermittelt. Der deutsche Vorzeigeprofi hat das Spiel im Mittelfeld an sich gezogen, den Takt vorgegeben und einem jungen Team immer wieder Orientierung geboten.

          Auch wenn sich Ballacks zahlreiche Kritiker stets noch mehr Führung wünschten – nun wird erkennbar, welches Unbehagen es bereitet, nicht nur mal in einem Spiel, sondern während eines gesamten Turniers auf die Erfahrung und Substanz des seit Jahren einzigen deutschen Weltklassespielers verzichten zu müssen. Vom ehemaligen Teamchef Rudi Völler stammt das Diktum: „Alles darf passieren – nur Ballack darf sich nicht verletzen.“ Es gilt noch heute.

          Man muss nicht drum herum reden: Es ist niemand in der Nationalmannschaft in Sicht, der diese von Ballack verkörperten Qualitäten so verlässlich wie der Kapitän mit seinen fast hundert Länderspielen einbringen könnte. Bastian Schweinsteiger ist dieser Aufgabe noch am ehesten gewachsen, aber ohne ein Pendant von ebenfalls exzellenter Qualität müssten Schweinsteiger und Co. gegen international erstklassige Konkurrenz schon über sich hinauswachsen.

          Die ohnehin nicht allzu großen Chancen, es bei der WM 2010 noch ein bisschen besser als beim deutschen Sommermärchen zu machen, sind jedenfalls deutlich gesunken. Wäre die Nationalmannschaft ein Papier an der Börse, hätte man die Reaktionen an den internationalen Fußballfinanzplätzen direkt ablesen können: Deutschland verkaufen.

          Schwierige Vorbereitung

          Der Verlust trifft die Nationalmannschaft dabei zu einem Zeitpunkt, der ungünstiger kaum sein könnte. Schon lange nicht mehr – der Bundestrainer behauptet sogar, wie noch nie (und das vor Ballacks Ausfall) – leidet eine Vorbereitung auf ein großes Turnier unter so großen Schwierigkeiten wie vor der WM in Südafrika. Die Stolpersteine sind hinlänglich beschrieben: Eine durch die nationalen Pokalendspiele sowie Bayern Münchens Champions-League-Finalteilnahme zerrissene und verkürzte Vorbereitungszeit für den Bundestrainer.

          Fehlende Form und fehlende Spielpraxis von wichtigen Stammkräften wie Podolski, Klose und Gomez. Unsichere Aussichten, ob junge Kräfte wie Özil, Müller oder Kroos einer viel mehr als die Bundesliga herausfordernden Weltmeisterschaft tatsächlich schon gewachsen sind. Dazu unsichere Personal- und Systemfragen im Tor nach dem Ausfall von Adler, in der Innenverteidigung und im Mittelfeld – der Verlust von Anführer Ballack droht nun wie ein Katalysator all die Schwächen und offenen Fragen zu verstärken. Der Bundestrainer und sein Team werden nun versuchen, nach der schwersten WM-Verlustmeldung seit Jahrzehnten das Positive zu suchen, wo nichts Positives zu finden ist. Kann der dreimalige Weltmeister, nachdem ihm erstmals vor einer WM sein Kapitän abhandengekommen ist, überhaupt noch erfolgreich sein? Man sollte das jetzt anders sehen: Die Nationalmannschaft hat in Südafrika nichts mehr zu verlieren.

          Michael Horeni

          Korrespondent für Sport in Berlin.

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