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WM-Kommentar : Wo der Fußball wirklich gedeiht

Kroatiens Star Luka Modric (links) stammt wie einige seiner Mitspieler aus der Stadt Zadar. Bild: AFP

Es gibt keine Kleinen mehr: Das war bei dieser WM in Bezug auf einwohnerschwache Fußballnationen immer wieder zu hören. Doch ein genauer Blick zeigt: Eigentlich kommt es auf etwas ganz anderes an.

          Aus einem unerfindlichen Grunde mag der Fußball die Kleinen. In einer Welt der Globalisierung lebt er seit je von der Kraft der Lokalisierung. Selbst beim globalen Gipfel dieses Weltsports, der Fußball-Weltmeisterschaft. Für das Turnier in Russland hatte sich keine der „Big 5“ qualifizieren können: China, Indien, die Vereinigten Staaten, Indonesien und Pakistan, fünf Länder, in denen fast die Hälfte der Weltbevölkerung lebt. Dafür Island, eine Insel mit 330.000 Menschen.

          Fussball-WM 2018

          Und im Finale steht Kroatien, 4,2 Millionen Einwohner. Das kleinste Land, das so etwas je geschafft hat, seit Uruguay 1930 und 1950 Weltmeister wurde – bei zwei Turnieren, die mit jeweils nur 13 Teilnehmern die kleinsten der Geschichte waren. Heute sind es 32. Von 2026 an werden es 48 sein. Das gibt den wirtschaftlichen und politischen Großmächten, die fußballerisch Zwerge sind, die Chance, wenigstens als Ausrichter einmal bei einer WM zu starten – weil nur noch sie ein solches Riesenereignis stemmen können. Ein Land wie Kroatien kann eine WM schon lange nicht mehr austragen. Aber am Sonntag (17.00 Uhr im F.A.Z.-Liveticker zur Fußball-WM sowie im ZDF und bei Sky) kann es eine gewinnen.

          Wie die Spieler nach den Abnutzungsdramen mit Verlängerung und Elfmeterschießen gegen Dänemark und Russland nun wieder nach Rückstand und Verlängerung auch gegen England triumphierten, ist eine beispiellose Willensleistung. In drei K.-o.-Runden drei Mal über die volle Distanz zu gehen und zu gewinnen hat noch keiner vor ihnen geschafft. Schon als die Kroaten sich zum zehnten Mal bei zwölf Versuchen seit ihrer Unabhängigkeit für eine Welt- oder Europameisterschaft qualifiziert hatten, nannte Verbandspräsident Davor Suker das, was das Land an Spielern (und Erfolgen) produziert, im Verhältnis zu seiner Größe einen „Weltrekord“. Sie haben ihn nun abermals gesteigert.

          Auf die Stadt kommt es an

          Ihre Geschichte hat eine interessante Parallele. Einige der größten Mannschaften der Geschichte waren im Grunde Stadtauswahlen. Die Mannschaft Uruguays, die den Fußball der zwanziger Jahre beherrschte und die erste WM 1930 gewann, war eine von Montevideo. Das österreichische „Wunderteam“ der frühen dreißiger Jahre eine von Wien. Die „goldene Mannschaft“ der Ungarn in den frühen Fünfzigern eine von Budapest. Und der Kern der spielerisch immer noch aufregendsten deutschen Elf, des Europameisterteams von 1972, bestand aus Spielern, die entweder in München-Giesing geboren waren (Beckenbauer, Schwarzenbeck) oder in München-Gladbach (wie Mönchengladbach bei der Geburt von Heynckes, Netzer, Höttges, Kremers, Vogts noch hieß). Das kroatische Team ist dem nicht unähnlich. Sein Rückgrat bilden sieben Spieler, die aus Split und Zadar stammen, zwei Städten in Dalmatien mit zusammen nicht mal 250.000 Einwohnern.

          Es ist immer wieder faszinierend, wie sehr sich das in aller Welt flächendeckend gesuchte Talent zufällig an wenigen Orten so sehr ballen und dann so viel kollektive Kraft im Kämpferischen und Schöpferischen entwickeln kann. Gerade dann, wenn WM ist und Mannschaften nicht vom Gesetz des Marktes, sondern von der Zufälligkeit der Herkunft bestimmt werden. Auch deshalb war das Turnier keine WM der Großen. Die größten Nationen waren nicht da und die größten Fußballnationen früh wieder zu Hause. Sollte es am Ende doch eine große Weltmeisterschaft gewesen sein, dann wegen der kleinen Kroaten.

          Christian Eichler

          Sportkorrespondent in München.

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