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Trainer Martino in der Kritik : Mexikanische Verschwörungstheorien

  • -Aktualisiert am

Große Augen, womöglich auch ob der verwunderlichen Aussagen der mexikanischen Journalisten: Mexikos Trainer Gerardo Martino, ein Argentinier. Bild: AFP

Mexiko braucht Schützenhilfe, um noch das WM-Achtelfinale zu erreichen. Nationalcoach Gerardo Martino steht vor dem letzten Gruppenspiel massiv in der Kritik. Einige glauben, dass er ein Spion sein könnte.

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          Für einen Spion ist Gerardo Martino eine auffällige Erscheinung. Normal groß, mit einem rundlichen Bauch ausgestattet. Wenn er redet, dann mit klarer, lauter Stimme. Nicht flüsternd oder hinter vorgehaltener Hand. Er gibt sich auch keine Mühe, nicht gesehen zu werden. Am Tag vor dem abschließenden Gruppenspiel gegen Saudi-Arabien (20.00 Uhr im F.A.Z.-Liveticker zur Fußball-WM 2022, im ZDF und bei MagentaTV) schreitet er selbstbewusst zum Rednerpult, um die Fragen der Journalisten zu beantworten. Die Fragen sind das eine, die erwidert Martino ohne größere Emotionen, er arbeitet ja schon über 20 Jahre als Trainer.

          Fußball-WM 2022

          Die Kritik an ihm das andere. Einige in Mexiko glauben, dass er als Spion tätig ist. In geheimer Mission für den argentinischen Fußball-Verband. Martino ist Argentinier. So absurd es klingen mag, ein mexikanischer Journalist äußerte diese Vermutung nach dem 0:2 gegen Martinos Heimatland. „Ich hab’s euch gesagt, ich hab’s euch gesagt. Martino hat das Spiel taktisch verbockt. Was soll man auch erwarten, wenn man ein trojanisches Pferd im Haus hat? Wen zum Teufel wollte er als Sieger sehen? Uns? Warum hat er dann absolut nichts dafür getan, damit wir gewinnen? Oder wollte er, dass sein eigenes Land gewinnt?“, fragte der Reporter Alvaro Morales.

          So geht das, seit Martino 2019 die Auswahl Mexikos, genannt „El Tri“ übernahm. Seine Ernennung war von Beginn an umstritten, was weniger an seinen fachlichen Qualitäten lag, sondern mehr an seiner Nationalität. „Ich bedaure, dass Martino die Tri coacht. Ich mag es nicht, wenn einer, der nicht Mexikaner ist, die Nationalmannschaft trainiert“, sagte Hugo Sanchez vor der WM. Sanchez, ehemaliger Stürmer von Real Madrid, ist einer der einflussreichsten Experten in Mexiko. Seine Stimme hat Gewicht. Wenn er den Daumen senkt, senken ihn viele im Land. Dass Sanchez immer wieder mal gern selber Nationaltrainer wäre, ist eine andere Geschichte.

          Komplizierte Ausgangslage

          Bestätigt sehen sich alle Kritiker, nun da Mexiko unter Martinos Führung vor einem historisch schlechten Ergebnis steht. Seit 1994 hat die Nationalmannschaft sieben Mal in Serie immer das Achtelfinale erreicht. Davon ist Mexiko in Qatar weit entfernt, aus eigener Kraft kann ein Weiterkommen nicht mehr geschafft werden.

          Zuerst einmal muss man selbst gewinnen, im Idealfall so hoch wie möglich. Dann hängt alles vom Parallelspiel zwischen Argentinien und Polen ab (20 Uhr im F.A.Z.-Liveticker zur Fußball-WM 2022 und im ZDF). Auch da sollte es aus mexikanischer Sicht einen Sieger geben, am besten durch ein deutliches Resultat. Es darf fleißig gerechnet werden in dieser ausgeglichenen Gruppe C, in der alle vier Mannschaften noch ins Achtelfinale einziehen können.

          Fussball-WM 2022

          Ein vorzeitiges Ausscheiden wird in Mexiko als Blamage betrachtet und auch für die Organisatoren in Qatar wäre sie unvorteilhaft. Tausende Mexikaner sind in Doha, kaum eine Mannschaft wird zahlenmäßig stärker unterstützt. Befürchtungen einer frühen Abreise gab es aber schon vorher. Vieles stimmte nicht, vor allem die Resultate nicht. In der Qualifikation quälte sich Mexiko lange, Platz zwei hinter Kanada nahmen viele Fans übel, was ihnen aber noch mehr weh tat war, dass keines der beiden Spiele gegen den Erzrivalen USA gewonnen werden konnte.

          Martino wurden allerlei handwerkliche Fehler vorgehalten, so wie jetzt gegen Argentinien, als sein übervorsichtiges, defensives Vorgehen für Unverständnis sorgte. Die Dreierkette in der Abwehr missfiel genauso wie das Verzichten auf einen Mittelstürmer. Tatsächlich scheint sich Martino in Mexiko immer untreuer zu werden. Auf anderen Stationen für mutigen Angriffsfußball und intensives Pressing bekannt, leitet er seine aktuelle Mannschaft deutlich konservativer an. Unterstützt wird er darin vom einstigen Nationaltorwart Jorge Campos, der sagt, Mexiko fehlten für diesen Stil schlicht „Spieler mit Niveau“. Allzu mehrheitsfähig ist diese Meinung aber nicht.

          Debatte übers Personal

          In den zahlreichen Zeitungen erscheinen täglich die Namen derer, die Martino zum Unverständnis vieler zu Hause gelassen hat. Gerade jetzt, wo Mexiko bei dieser WM noch immer auf das erste Tor wartet, kulminieren die Debatten. Am häufigsten genannt wird Javier Hernández, einst auch für Bayer Leverkusen am Ball. Hernández, noch besser bekannt unter seinem Künstlernamen Chicharito, ist zwar mittlerweile 34 Jahre alt und betätigt sich auch bei seinem Verein Los Angeles Galaxy nur noch mit mäßigem Erfolg, hat aber mehr Tore für die Nationalmannschaft geschossen als jeder andere.

          Martino verzichtete dem Vernehmen nach nicht nur aufgrund von Form und Alter, auch sollen Chicharitos Vorliebe für private Feierlichkeiten im Teamhotel und der Umstand, dass er die Frauen für deren Teilnahme bezahlen soll, eine größere Rolle gespielt haben.

          Ein anderer, den viele Mexikaner gern in Qatar gesehen hätten, ist Santiago Gimenez, ein kräftiger Mittelstürmer. Typ Niclas Füllkrug, so einer fehlt im Kader Mexikos. Martino begründete seine Entscheidung damit, der Angreifer sei zu jung und unerfahren. Angesichts der 21 Jahre, die Gimenez alt ist, eine merkwürdige Argumentation.

          Nach Gimenez sehnen sich viele Mexikaner, er gilt als Symbol für die verfehlte Personalpolitik des Trainers. Weniger debattiert wird darüber, dass der junge Mann in Buenos Aires geboren wurde. Sein Vater ist Argentinier. So wie Gerardo Martino auch.

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