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Luka Modric im WM-Finale : Der kleine Chef der Kroaten

Darf Luka Modric auch nach dem WM-Finale jubeln? Bild: AP

In der Perfektion des Naheliegenden liegt die Kunst des Luka Modric. Ohne ihn wäre Kroatien auch ein unbequemer Gegner, aber nicht so viel anders als Uruguay.

          Ja, es gibt Situationen, in denen auch Luka Modric nicht weiterweiß. Nur haben sie dann höchstwahrscheinlich nichts mit dem Ball zu tun. Am Mittwochabend war so ein Moment, nach dem 2:1-Sieg über England in der Verlängerung, als ein Reporter von Modric wissen wollte, was der Finaleinzug für ein kleines Land wie Kroatien bedeute. Modric überlegte, suchte nach passenden Worten, fand sie aber nicht so recht. „Es bedeutet alles“, sagte er zuerst, aber beim Versuch, das ein bisschen genauer zu fassen, scheiterte er. „Wenn man sieht, wie die Menschen zu Hause feiern, das ist – das ist schwer zu beschreiben, schwer, dafür Worte zu finden“, sagte Modric. Und gab die Suche auf.

          Fussball-WM 2018

          An diesem Sonntag (17.00 Uhr im F.A.Z.-Liveticker zur Fußball-WM und im ZDF) , auf dem Rasen des Luschniki-Stadions, wird die Welt wieder den anderen Modric sehen. Den Mann, der für praktisch alles eine Antwort findet. Dem seine Mitspieler jederzeit Ball und Verantwortung zuschieben können in dem Wissen: Er wird etwas daraus machen, es kommt etwas zurück, das allen weiterhilft. Das kroatische Team ist zuletzt in der Breite eines russischen Schlachten-Dioramas beschrieben worden als Inbegriff des Kampfgeistes und der Unbeugsamkeit bei dieser WM – zu Recht, ohne diese Mentalität hätten sie das Moskauer Finale an diesem Abend gegen Frankreich nicht erreichen können. Ohne Modric aber auch nicht. Ohne diese Verkörperung filigraner Eleganz mit schmächtigen Schultern wären die Kroaten immer noch eine Mannschaft, der man höchst ungern über den Weg läuft. Aber sie wären womöglich gar nicht so viel anders und besser als, sagen wir, Uruguay.

          In den vergangenen Tagen und Wochen haben viele Menschen versucht, Modrics Spiel zu beschreiben. Hymnen allesamt, egal, von wo man es betrachtete. „Luka“, sagte etwa sein Teamkollege Ivan Rakitic dieser Tage, „ist der beste Spieler, den Kroatien je hervorgebracht hat. Er spielt Fußball von einem anderen Planeten.“ Die Sicht des (früheren) Gegenspielers beschrieb gerade erst Thomas Hitzlsperger in seiner Kolumne für den englischen „Guardian“. „Ich habe mit West Ham gegen ihn gespielt, als er bei Tottenham war“, schreibt der ehemalige deutsche Nationalspieler, „und ich bin immer noch traumatisiert von dieser Erfahrung. Ich konnte einfach nicht in seine Nähe kommen. Er passte, wenn er passen musste, er dribbelte, wenn er dribbeln musste, und alles in allem machte er nicht eine falsche Bewegung in den ganzen 90 Minuten.“ Und dann gibt es noch die fußballphilosophische Sicht, formuliert von Jorge Valdano, dem früheren argentinischen Nationalspieler und Manager von Real Madrid. Für ihn hat die Fußballwelt Modric eine beinahe epochale Entdeckung zu verdanken: „Dass Raum und Zeit noch existieren.“

          Im modernen Fußball, auch bei dieser WM, schreibt Valdano, habe man das Gefühl, dass der ganze Platz, 100 mal 70 Meter, im Grunde auf die Größe eines Strafraums zusammengeschrumpft sei, die Spieler seien ständig in Eile und Hektik, von allen Seiten bedrängt. Nicht so Modric, „Er vollbringt das Wunder, einem Spielzug die Luft zum Atmen zu geben, dem Ball die richtige Geschwindigkeit zu geben, wo auch immer auf dem Platz.“ Es gehe dabei nicht darum, die besonderen Dinge zu machen, so Valdano weiter. „Wenn man ihn einen Pass spielen sieht, denkt man: Genau das hätte ich jetzt auch gemacht.“ Aber genau darin, in der Perfektion des Naheliegenden, das zugleich eben nicht das Selbstverständliche ist, liegt Modrics Kunst. Von der auch gegen Frankreich, diese Meister der Verdichtung und Verbarrikadierung, mit der sie zuletzt den Belgiern den Nerv raubten, Kroatiens Chancen ganz besonders abhängen werden.

          Luka Modric wurde 1985 in Zadar geboren, er war sechs Jahre alt, als seine Familie in die Fronten des kroatischen Unabhängigkeitskrieges geriet. Der Vater trat der Armee bei, der Großvater wurde von serbischen Freischärlern erschossen. Die Modrics mussten aus ihrem Dorf fliehen und in ein Flüchtlingshotel in Zadar ziehen. Auf dessen Parkplatz, heißt es, habe der junge Luka viel gekickt. Sein Talent entfaltete sich auch später erst über Umwege, oft galt er bei allem Feingefühl im Fuß als zu klein und schmächtig – aber Modric biss sich durch. „Ich glaube auch, dass all das, was ich als Kind in Kroatien erlebt habe, mich einfach dazu zwingt, nicht nachzulassen“, sagte er einmal. Auch die größere Geschichte von Modrics Weg in dieses Finale ist also eine ganz besondere. Und es wäre eine passende Schlusspointe, wenn gerade er, der all sein Können in den Dienst der Mannschaft stellt, am Sonntagabend den Pokal überreicht bekäme: als kroatischer Kapitän bei dieser WM der Überraschungen und des Triumphs des Teamworks über den Personenkult.

          Nur eines sollte sich sein Trainer Zlatko Dalic noch mal überlegen. Ob Modric, selbst wenn der das will, im Fall der Fälle wirklich einen Strafstoß schießen sollte. Aus elf Metern und unbedrängt – das vermeintlich Leichteste fiel Modric in Russland bislang am schwersten.

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