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Luis Suárez : Held oder Betrüger?

Erst zu Tode betrübt, dann wieder obenauf: Luis Suarez Bild: AFP

In Uruguay feiern sie Luis Suárez. Mit seinem Handspiel rettete er das Team gegen Ghana ins Elfmeterschießen. Für die Afrikaner ist er kein Held, sondern ein Schurke. Was folgt, ist eine Fußball-Debatte um Recht und Moral.

          In einer solchen Hochstimmung war wohl noch niemand, der gerade ein WM-Halbfinale verpasst hat. Wie ein Held wurde Luis Suárez auf den Schultern seiner Kollegen über den Platz getragen. Und das war er ja auch, zumindest aus uruguayischer Sicht. Ihm hatte seine Mannschaft es zu verdanken, dass sie den größten Fußballerfolg für das kleine südamerikanische Land seit dem WM-Gewinn 1950 feiern konnte.

          Aus afrikanischer Sicht jedoch war Suárez das genaue Gegenteil: ein Schurke. Er hatte Ghana den sicheren Einzug in die Runde der letzten vier geraubt – und damit einem ganzen Kontinent den ersehnten sporthistorischen Triumph. Die inkriminierende Szene, die das Viertelfinale an Freitagabend im Soccer-City-Stadion von Johannesburg entschied, war ebenso spektakulär wie eindeutig.

          In der Nachspielzeit der Verlängerung parierte Suárez einen Kopfball von Adiyiah aus kurzer Distanz im Stile eines Torwarts: mit nach oben gerissenen Händen. Alles wäre schnell in Vergessenheit geraten, hätte nicht Asamoah Gyan den folgenden Strafstoß an die Oberkante der Latte geschossen. Es war zugleich die letzte Aktion vor dem Elfmeterschießen, das Uruguay mit 4:2 für sich entschied; in der regulären Spielzeit hatten Muntari (45.+2) für Ghana und Forlán (55.) für Uruguay getroffen.

          „Er hat den Ball instinktiv mit der Hand gestoppt“

          Was folgte, war – neben einer Menge ghanaischer Tränen – eine Debatte um Recht und Moral im Fußball. Ist Suárez ein Betrüger? War Uruguay mit dem Elfmeter und der Roten Karte für den Angreifer (für die er ein Spiel gesperrt wurde) genug bestraft? Ist es nicht ein Fehler im (Regel-) System, dass der Bestohlene in einem solchen Fall sein Gut, das Tor, nicht zurückbekommt? Die Ghanaer hielten sich mit Antworten auf diese Fragen auffällig zurück. Es sprach für ihren Sportsgeist, dass sie Suárez keinen expliziten Vorwurf machten und ihr Unglück eher auf die Unberechenbarkeit des Fußballs und eine ungünstige Laune des Schicksals schoben.

          Oscar Tabárez, der uruguayische Trainer, nahm Suárez gegen den Betrugsvorwurf von Reporterseite in Schutz. „Das Wort Betrug zu benutzen, finde ich unfair“, sagte er. „Ich glaube, er hat den Ball instinktiv mit der Hand gestoppt. Er konnte doch nicht wissen, was danach geschah.“ Tatsächlich wäre alles andere als diese offensichtliche Reflexhandlung von Suárez eine Überraschung gewesen.

          Nach 120 Minuten Stress und Verausgabung denkt der Sportlerkopf nicht mehr in abstrakten moralischen Kategorien. Es geht nur noch darum, diesen Ball nicht ins Tor zu lassen – egal wie. Einen Vorwurf der groben Unsportlichkeit daraus abzuleiten, wäre deshalb wirklichkeitsfern. Etwas anderes freilich ist es, wie Suárez später damit umging. Er brüstete sich nicht nur damit, dass ihm die „Parade der WM“ gelungen war, sondern sprach sogar davon, dass er nun derjenige sei, der die „Hand Gottes“ habe. Das muss für die Ghanaer wenn schon nicht ein bisschen teuflisch, dann zumindest zynisch geklungen haben.

          „Um die Wahrheit zu sagen: das war es wert“

          Am Überschwang der Uruguayer änderte das freilich nichts. Die Zeitung „El País“ schrieb vom „Tag, der Uruguay für immer verändert“. Und auch Trainer Tabárez schwärmte in historischen Dimensionen. „Die einzigen, die mehr als dieses Team erreicht haben, sind unsere Weltmeister von 1930 und 1950“, sagte er. „Sie sind längst in die Geschichte eingegangen und unsere Idole. Aber dann kommen wir.“ Wen sollte es da noch kümmern, dass es ein teuer erkaufter Sieg war? Suárez wird nicht zu knapp vermisst werden im Halbfinale am Dienstag gegen die Niederlande (20.30 Uhr / FAZ.NET-WM-Liveticker).

          Drei Tore hat der Schützenkönig der niederländischen Ehrendivision zum überraschenden Auftritt der Uruguayer in Südafrika beigesteuert. Zugleich ist er derjenige, der Diego Forlán, seinen Sturmpartner, von der alleinigen Verantwortung entlastet. Neben Suárez stehen auch Fucile (gesperrt) und Lodeiro (verletzt) auf der Abwesenheitsliste, und ob Kapitän und Abwehrchef Lugano, der sich gegen Ghana eine Knieprellung zuzog, noch rechtzeitig fit wird, ist ungewiss. „Um die Wahrheit zu sagen: das war es wert“, sagte Suárez am Freitagabend. Natürlich ging es dabei um sein Handspiel. Es traf aber auch die uruguayische Befindlichkeit insgesamt.

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