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Löws Sorgen vor der WM : Der Patient Nationalmannschaft

„Wir brauchen bei der WM die besten verfügbaren Spieler, nicht die theoretisch besten“: Bundestrainer Joachim Löw Bild: dpa

Viele verletzte Spieler trüben das Bild vom WM-Favoriten Deutschland ein. Vor dem Test gegen Chile stellt Joachim Löw klar: Nur wer fit ist, kann mit nach Brasilien. Eine gute Nachricht hat der Bundestrainer aber doch parat.

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          Bevor sich Joachim Löw in Stuttgart auf das Podium setzte, um einhundert Tage vor der Weltmeisterschaft seine Planungen und Hoffnungen, vor allem aber seine Befürchtungen für den WM-Countdown zu präsentieren, dirigierte ihn der Generalsponsor für eine Werbeplauderei vor ein sehr dynamisches und optimistisches Werbeplakat. „Bereit wie nie“ lautet der Slogan dazu. Der selbstbewusste Spruch und die Gewinner-Gesichter auf dem Plakat wollten jedoch so gar nicht zur aktuellen Situation und Stimmung des Bundestrainers passen.

          Michael Horeni
          Korrespondent für Sport in Berlin.

          Während Löw mit ernster Miene über seine und die Befindlichkeiten des Kaders berichtete, jubelten hinter ihm auf dem Plakat unverdrossen ein halbes Dutzend Spieler unter anderen mit Ilkay Gündogan, Mario Gomez, Mats Hummels und Julian Draxler einfach weiter um die Wette. Tatsächlich sind die vermeintlichen Sieger in spe die großen und kleinen Sorgenkinder des Bundestrainers.

          Alle vier Profis fehlen wegen Verletzungen oder Nachwirkungen beim einzigen Test-Länderspiel vor der unmittelbaren WM-Vorbereitung am Mittwoch (20.45 Uhr / Live im Länderspiel-Ticker bei FAZ.NET) gegen Chile – und bei Gündogan schien Löw schon fast alle gute Hoffnung verlassen zu haben mit Blick auf Brasilien. „Bei ihm sind wir alle im Moment überfragt“, sagte Löw. „Ich hoffe immer noch auf ihn, ob es aber reichen wird, in dieser Saison noch ein paar Spiele zu machen, weiß ich nicht.“

          Das klang einhundert Tage vor WM-Beginn doch schon sehr nach Abschied von einem herausragenden Spieler. Gündogans Leiden, die mit dem ersten Länderspiel in der WM-Saison im August begannen, illustriert wie bei keinem anderen der zahlreichen maladen Begabten und Hochbegabten die in den vergangenen Monaten immer weiter gewachsene Diskrepanz zwischen einem nominellen und einem tatsächlichen WM-Favoriten.

          Philipp Lahm wird auch gegen Chile im Mittelfeld spielen
          Philipp Lahm wird auch gegen Chile im Mittelfeld spielen : Bild: picture alliance / dpa

          „Auf dem Papier haben wir eine Topmannschaft, aber die Realität sieht anders aus“, sagte der Bundestrainer in geradezu programmatischer Weise drei Monate vor der Weltmeisterschaft. „Wir haben einige Spieler, die über Monate verletzt waren. Wir haben einige Spieler, die in keinen guten Spielrhythmus sind. Wir haben einige Spieler, die mit der Form kämpfen, und wir haben einige Spieler, die mit kleinen Verletzungen zu kämpfen haben“, sagte Löw im Stil eines sportlich-medizinischen Bulletins. Prognose für den Patienten Nationalmannschaft für Brasilien: nicht hoffnungslos, aber ernsthaft besorgt.

          Löw richtete angesichts der Personalmisere entsprechende Appelle und Forderungen an seine Spieler, wie er sie in seiner über siebenjährigen Amtszeit noch nicht erhoben hat, zumindest rhetorisch. „Die Uhr tickt. Nur wer sie hört, wird eine reelle Chance haben, dabei zu sein. Es ist ein Appell an alle, ein Weckruf für manche, dass sie ihr Training, ihren Lebenslauf und ihre Professionalität so nutzen, dass sie die letzten Monate bis zur WM optimal gestalten.“

          Der Spielplan der Fußball-WM 2014 in Brasilien

          Der Druck, den der Bundestrainer wegen der ungewissen Personalfragen verspürt, soll nun auch bei dem über einem halben Dutzend Spieler ankommen, die unter körperlichen Defiziten oder fehlenden Trainings- und Spielzeiten leiden. Diese Spieler müssten sich „individuell verbessern“ und in zusätzlichen Trainingseinheiten, die das Trainerteam ihnen ganz speziell auferlegt habe, nun „alles tun, um in Topform zu kommen“.

          Oliver Bierhoff versuchte unterdessen, die öffentlichen Erwartungen an Löw zu senken, oder besser: den Fakten anzupassen. Man könne, so der Manager, bei den Diskussionen im deutschen Fußball um die Nationalelf leicht den Eindruck gewinnen, dass bei den vielen starken Spielern, die Löw von der Bundesliga zur Verfügung gestellt würden, der Bundestrainer den WM-Titel nun nur mit dem „Tablett“ abholen müsse.

          Moment des Schreckens: Sami Khedira nach seiner Verletzung im Spiel gegen Italien
          Moment des Schreckens: Sami Khedira nach seiner Verletzung im Spiel gegen Italien : Bild: AFP

          Als zusätzlicher Ballast auf dem Weg zum erhofften Titel kämen, so der Bundestrainer, erhebliche Belastungen in Brasilien auf sein Team zu: feuchtwarmes Klima, Mittagshitze zur Anstoßzeit, Reisestrapazen – und dazu die Tatsache, dass noch nie ein europäisches Team eine WM in Süd- oder Mittelamerika gewinnen konnte. Nur „absolut fitte Spieler“ hätte eine Chance auf die Nominierung.

          Löw brachte die Unsicherheit, von der die sportliche Führung derzeit befallen ist, sowie die erschwerten Bedingungen, mit denen sie sich herumschlagen muss, zusammen mit der allgemeinen Fan-Hoffnung auf den vierten Titel auf seine ganz eigene Formel für Brasilien. „Bei der WM gilt: Realität schlägt Theorie“, so Löw. „Wir brauchen bei der WM die besten verfügbaren Spieler, nicht die theoretisch besten. Wir sind aber im Moment nicht in der Lage zu sagen: Diese 23 Spieler bilden den Kader.“

          Khedira erholt sich derzeit optimal

          Eine gute Nachricht wollte Löw an dem Tag, an dem die Problematisierung der WM die neue Realität in Richtung Brasilien markieren sollte, dann aber doch nicht verheimlichen. Sami Khedira erholt sich nach seinem Kreuzbandriss im November offenbar ziemlich optimal. In wenigen Wochen soll er schon wieder ins Lauftraining einsteigen.

          Und der Bundestrainer machte in diesem ganz speziellen Fall deutlich, einen Spieler mit besonderen Führungsqualitäten, auch bei seinen nun verkündeten höchsten Fitness-Maßstäben auch Abstriche zu machen. Bei Khedira, so war Löw zu verstehen, reichten auch eine Fitness von „80 bis 90 Prozent“ zum Vorbereitungs-Trainingslager am 21. Mai in Südtirol (zu dem auch die U-20-Auswahl als Sparringspartner reist). „Das ist aber die Ausnahme, nicht die Regel.“ Vielleicht ist aber auch das nur eine Hoffnung Löws.

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