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Kroatiens Verteidiger Vida : Ein Video und seine Folgen

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Klasseverteidiger, schlechter Diplomat: Domagoj Vida ließ sich zu einer provokanten Äußerung hinreißen Bild: WITTERS

„Slawa Ukrajini“, „Ruhm der Ukraine“ – ein Slogan löst Verwerfungen zwischen Kroaten, Serben, Russen und Ukrainern aus. Der kroatische Verteidiger Domagoj Vida ist mit seiner Parteinahme zwischen die Fronten geraten.

          Es war nicht zu überhören: Domagoj Vida wurde ausgepfiffen im Halbfinale von Moskau, ausgepfiffen von den russischen Zuschauern. Warum? Vida, einst eine Saison lang bei Bayer Leverkusen unter Vertrag, spielte zwischen 2013 und 2017 für Dynamo Kiew. Seit Januar spielt der 29-Jährige bei Besiktas Istanbul. Kurz nach dem knappen Elfmetersieg im Viertelfinale gegen Russland tauchte auf Youtube ein Video auf. Zu sehen ist Vida zusammen mit einem anderen früheren Spieler Dynamos, Ognjen Vukojevic.

          Vukojevic ist Mitarbeiter des ukrainischen Rekordmeisters, in Russland gehörte er zum Trainerstab Kroatiens. Und plötzlich ist die Ukraine, sportlich auf dem Weg nach Russland auch an Kroatien gescheitert, wieder mittendrin im WM-Turnier beim russischen Nachbarn, mit dem sich die Ukraine seit der völkerrechtswidrigen Annexion der Krim 2014 und dem Krieg im Donbass im harten Konflikt befindet.

          „Slawa Ukrajini“, sagt Vida im Video, zu Deutsch: „Ruhm der Ukraine“. Ein Slogan, der nach der Maidan-Revolution im Winter 2013/2014 in der Ukraine beliebt wurde. „Dieser Sieg ist für Dynamo und für die Ukraine“, betont Vukojevic abschließend. Das Video sorgte sowohl in Russland als auch in Serbien für viel Aufregung – und in der Ukraine für Begeisterung.

          Offenbar schickten es Vida und Vukojevic an einen befreundeten ukrainischen Journalisten, der es auf Youtube hochlud. Dort wurde es 3,5 Millionen mal angeklickt. Vukojevic kostete es jedoch nicht nur eine Strafe von 15.000 Schweizer Franken durch den Internationalen Fußball-Verband (Fifa), sondern auch den Job beim kroatischen Nationalverband. Der Verband entschuldigte sich insbesondere bei den Russen für die möglicherweise verletzten Gefühle. „Die Fußball-WM ist keine Bühne für Politik“, hieß es.

          Vida wurde von der Fifa lediglich verwarnt, obwohl später noch ein anderes Video auftauchte, auf dem der Verteidiger nun zusammen mit Ko-Trainer Ivica Olic zu sehen war. Diesmal wiederholte Vida nicht nur „Ruhm der Ukraine“, sondern sorgte auch mit dem Satz „Belgrad brennt“ für Aufregung – was in Serbien teils als Provokation wahrgenommen wurde.

          Der 29-Jährige soll allerdings ein nach der serbischen Hauptstadt benanntes Restaurant mit Balkan-Küche in Kiew gemeint haben. Das Video soll er für den Mitbesitzer des „Belgrad“ gedreht haben, was dieser bestätigte. „Als er bei Dynamo spielte, war er sehr oft bei uns. Wir haben ihn gemocht“, sagte er – und meinte, er wisse nicht, wer die Aufnahme veröffentlicht hat: „Es war ja nur ein Scherz. Weder ich noch Domagoj haben es online gestellt. Vielleicht wurde eines unserer Handys gehackt.“

          Auch Sigmar Gabriel nutzte den Slogan

          Für den Miteigentümer des Lokals, der Jovan heißt, ist die Aufregung der Russen über den Slogan „Ruhm der Ukraine“ unverständlich: „Das kann ich nicht nachvollziehen. Was soll er denn sagen, Vive la France?“ Dabei ist – abgesehen von der sportlichen Abwesenheit der Ukraine bei dem Turnier – der Spruch trotz der weit verbreiteten Nutzung im Mainstream-Diskurs doch durchaus umstritten.

          Zuerst wurde er zwischen 1917 und 1921 von ukrainischen Nationalisten im Laufe des damaligen Unabhängigkeitskampfes benutzt. Dann wurde er von der umstrittenen Organisation Ukrainischer Nationalisten um Stepan Bandera, die während des Zweiten Weltkrieges mit den Nationalsozialisten kollaborierten, übernommen, ab 1939 auch als offizielle Begrüßung. Nach dem Krieg verschwand „Ruhm der Ukraine“ für lange Zeit, bevor einige rechte Parteien und Gruppierungen den Slogan in den Jahren vor der Majdan-Revolution für sich wiederentdeckten.

          Einst in der Ukraine am Ball: Vida im Training von Dynamo Kiew

          Während der Revolution schaffte der Spruch den Sprung in den Mainstream – und wird mittlerweile von vielen locker benutzt, auch vom ukrainischen Präsidenten Petro Poroschenko oder vom Ministerpräsidenten Wolodymyr Grojsman. „Zwischen Slawa Ukrajini und Vive la France oder God Save the Queen gibt es keinen Unterschied“, teilte das ukrainische Außenministerium mit – und bemerkte, dass auch das Auswärtige Amt den Slogan im Zusammenhang mit Glückwünschen zum Unabhängigkeitstag benutze. Vergangenes Jahr gratulierte Sigmar Gabriel so zum Unabhängigkeitstag.

          Unterstützung für Vida und Vukojevic: Ukrainische Demonstranten vor der kroatischen Botschaft in Kiew

          Das ändert jedoch wenig daran, dass die Ursprungsbedeutung des Slogans doch fragwürdig bleibt. Dass die Fifa Vida und Vukojevic trotz allem bestrafte, löste in der Ukraine Unzufriedenheit aus. Rund 158 000 Ukrainer haben in vergangenen Tagen die Facebook-Seite der Fifa mit der Beschreibung „Slawa Ukrajini“ in verschiedenen Sprachen bewertet, bis der Verband die Bewertungsfunktion der Seite sperrte.

          Andrij Pawelko, der Präsident des ukrainischen Fußballverbandes FFU und gleichzeitig Vorsitzender des wichtigsten Staatshaushaltsausschusses der Werchowna Rada, besuchte zudem eine der Parlamentssitzungen im kroatischen Nationaltrikot und versprach, der Verband würde die Geldstrafe von Vukojevic kompensieren. Ein Angebot, das der Kroate freundlich ablehnte: „Ich werde die Strafe selbst bezahlen, ich will niemanden mehr in die Sache involvieren. Ich wollte nicht Schlechtes sagen.“ Womöglich wird die Begeisterung für Kroatien in der Ukraine aber wieder nachlassen.

          Nach dem Sieg gegen England entschuldigte sich Domagoj Vida ganz ausführlich im russischen Staatsfernsehen: „Ich weiß, dass ich einen Fehler gemacht habe. Ich will mich wieder vor den Russen entschuldigen. Für mich gibt es keinen Unterschied zwischen Russen und Ukrainern. Man soll aus eigenen Fehlern lernen.“ Die kroatischen Fans bedankten sich mit einem großen Banner, auf dem „Spasibo Rossija“ (Danke, Russland) stand, während des Halbfinales bei den WM-Gastgebern. Was aber viele kroatische Anhänger nicht davon abhielt, „Slawa Ukrajini“ zu singen.

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