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Kroatien feiert zweiten Platz : Eine Nacht im „Eiskalten Bier“

Kroatische Fußballfans feiern in einer Kneipe in Zagreb das zwischenzeitliche 1:1 ihrer Mannschaft beim Finale der Fußball-Weltmeisterschaft. Bild: Michael Martens

Kroatien feiert den zweiten Platz seiner Mannschaft bei der Fußball-WM. So erlebten die Gäste einer Kneipe in Zagreb das Finalspiel.

          Der Tag fing nicht gut an. Regenschauer, metallic-grauer Himmel über Zagreb, und darunter die bange Frage: Wo ist der beste Ort, um das Finale zu schauen? „Auf dem Jelačić-Platz natürlich“ hatte ein geschätzter Kollege geraten und recht risikolos prophezeit: „Dort wird alles Mögliche geschehen.“ Der Jelačić-Platz ist der zentrale Versammlungsort Kroatiens – Wohnzimmer, Festsaal und Trauerkapelle der Nation. Zuletzt gingen von dieser Mehrzweckagora des Kroatentums im November 2012 Bilder des Triumphes um die Welt, als der kroatische General Ante Gotovina, in der Nachspielzeit freigesprochen vom UN-Kriegsverbrechertribunal in Den Haag, in seine Heimat  zurückkehrte. Auch damals wurden auf dem Jelačić-Platz tausende Fahnen geschwenkt und zum Ruhme des Vaterlands viele Hektoliter Bier getrunken.

          Michael Martens

          Korrespondent für südosteuropäische Länder mit Sitz in Wien.

          Genau das war, neben der Unberechenbarkeit des Wetters an diesem historischen Tag, ein starkes Argument gegen den Jelačić-Platz. Menschen an sich sind prima, aber in Massen sind sie sehr laut, hantieren bisweilen unsachgemäß mit Feuerwerkskörpern, und saubere Toiletten gibt es nach einer Weile auch nicht mehr. Außerdem neigen sie dazu, verdrießlich auf unangenehme Entwicklungen zu reagieren. (Details siehe Canetti, Elias: „Masse und Macht“.)

          Da unangenehme Entwicklungen an diesem Tag naturgemäß nicht auszuschließen waren, fiel recht schnell die Entscheidung, das historische Spiel in einer Kneipe zu verfolgen. Dabei gilt es, die Lokalität klug zu wählen, denn hat das Spiel erst einmal begonnen, ist es für Korrekturen zu spät. Ein öffentlicher Ort, in der man Fußball schaut, darf nicht fein sein. Am besten ist eine Kneipe, die zwar nicht versifft ist, aber bereits eine Aura oder zumindest eine zarte Ahnung beginnenden Verfalls ausstrahlt, sodass einen niemand schräg anschaut, wenn man aus Begeisterung Bier verschüttet. Bildlich gesprochen: Ein Lokal, in dem man Fußball schaut, sollte ungefähr sein wie Boris Becker: Die beste Zeit eindeutig hinter sich habend, aber doch noch von der Patina einstiger Größe geprägt.

          Srećko Furdek, Inhaber der Kneipe Mrzla Piva, steht während des Finalspiels mit seiner Frau vor seiner Kneipe in Zagreb, Kroatien.

          Bei einem umfangreichen Location-Scouting am Samstag war in dieser Hinsicht das Mrzla Piva aufgefallen. Auf Deutsch könnte man Mrzla Piva mit Eiskaltes Bier übersetzen. Sollte man sogar, denn so heißt die Kneipe. Das Eiskalte Bier liegt in einem Stadtteil von Zagreb, der an Zeiten erinnert, als Kroatien noch nicht bei Weltmeisterschaften mitspielte, weil es den Staat noch gar nicht gab: In der Umgebung die Schwimmhalle „Mladost“ (Jugend), der Schornstein eines Fernwärmekraftwerks, Baugruben, Lagerhallen, eine Tanzschule sowie einige Hochhäuser, in denen 19 Stockwerke hoch die Erinnerung an den Sozialismus aufeinandergetürmt ist. Ab und zu rumpeln Güterzüge über den Bahndamm, an dem das Eiskalte Bier liegt, aber das stört nicht, im Gegenteil, es gibt dem Dasein einen gewissen Rhythmus.

          Kulinarisch hat das Mrzla Piva nichts zu bieten, und auch das Angebot an Getränken ist von jener selbstsicheren Schnörkellosigkeit, welche die Kroaten bei dieser WM ins Finale getragen hat: Im Wesentlichem besteht es aus Bier, sowie, als Amuse-Gueule, Schnaps. Wer sich das vor Augen führt, wird nicht bestreiten: Das Eiskalte Bier ist ein idealer Ort, um Kroatien Weltmeister werden zu sehen. Oder, bei einer weniger gutem Ausgang, am Edelkummer eines würdigen Vizeweltmeisters zu leiden.

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