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Luis Suarez : Ein Biss, zwei Opfer

Autsch: Suarez hat mal wieder zugebissen Bild: REUTERS

Kein anderer Spieler agiert so am Rande des Kontrollverlustes wie dieser Berserker unter den Torjägern. Bei aller Empörung darf man nicht übersehen, dass Beißer Luis Suárez selbst ein Opfer ist.

          Selten hat die Tat eines Fußballers weltweit solch eine empörte Reaktion ausgelöst wie der Biss von Luis Suárez. Einer der sachlichsten Beiträge kam ausgerechnet von einem anderen „Bad Boy“ des Fußballs, dem Engländer Joey Barton. Er twitterte: „Ich bekäme lieber einen Biss als einen Tritt, der mir das Bein bricht. Natürlich sollte man ihn bestrafen, aber es nicht das Ende der Welt.“

          Gemessen am Ausmaß der Tat ist die Heftigkeit der Verurteilung tatsächlich erstaunlich. Aber nicht neu. Selbst im Profiboxen, einem Sport, in dem Tausende zu Tode oder später zu Demenz gekommen sind, betraf die größte Empörung in der Karriere von Mike Tyson nicht die Milliarden Hirnzellen, die seine Schläge zerstörten, sondern das Stückchen Knorpel, das er aus der Ohrmuschel von Evander Holyfield knabberte.

          Nach einem Duell im Strafraum gehen beide zu Boden Bilderstrecke

          Objektiv hat Barton Recht. Subjektiv aber, tief im Unbewussten, im archaischen Teil menschlichen Empfindens verankert, löst ein Mensch, der Menschen beißt, eine Art von Entsetzen aus, die das Entsetzen über viele andere, schlimmere Formen von Aggression weit übersteigt. Es ist wohl die verstörende Erinnerung an das verdrängte Animalische im Menschen. Und überdies wohl, ausgerechnet im populärsten Spiel der Welt, die Zerstörung des Spielgedankens, der ja den Menschen vom Tier unterscheiden soll.

          „Das ist ein Verhalten, das man sonst nur von Tieren kennt“, sagte ZDF-Experte Oliver Kahn. Eines der bleibenden Bilder seiner eigenen Karriere hatte er produziert, als er zähnefletschend einen Biss gegen den Dortmunder Heiko Herrlich nicht mal ausführte, nur andeutete. Es reichte, obwohl sich Kahn am Ende immer noch im Griff hatte, für ein bleibendes, nicht vorteilhaftes Image. Bei Suárez vermutet er „eine falsche Kanalisation innerer Anspannung“.

          Pädagogen kennen das bei manchen Vorschulkindern, die sich unter Stress nicht anders zu helfen wissen als mit dem Beißen anderer Kinder. Bei einem erwachsenen Mann eine solche Übersprunghandlung zu sehen ist etwas sehr Ungewöhnliches. Es bleibt aber immer noch eine menschliche, keine „tierische“ Handlung.

          Bei aller Empörung darf man nicht übersehen, dass Luis Suárez selbst ein Opfer ist - ein Opfer seiner nicht zum ersten Mal aufgetretenen Unfähigkeit, aufgestauten Druck im Spiel und aufgebaute Aggression gegen Gegner auf kontrollierte Weise abzubauen. Das kostet ihn nun womöglich seine Karriere. Oder den besten Teil davon. Nach der WM wird der bis Dienstag gefragteste Stürmer der Welt ein Außenseiter sein. Jemand, der Hilfe braucht.

          Kein anderer Spieler agiert so am Rande des Kontrollverlustes wie dieser Berserker unter den Torjägern. Das macht ihn auch faszinierend. Denn auch der Kontrollverlust ist Teil des Fußballs. Bei Suárez führt er nur nicht zu jenen Verhaltensmustern, die im Fußball zwar nicht toleriert, aber noch als Tätlichkeiten im Rahmen üblicher Aggressivität verstanden und geahndet werden; sondern zu einem Verhalten, das als unnatürlich, ja abartig empfunden wird.

          Widerlicher aber als das, was Luis Suárez am Dienstag getan hat, ist die zynische Geilheit und Eile, mit der kommerzielle Vermarkter es in den sozialen Medien für sich zu nutzen versuchten. Wie die Fast-Food-Kette, die ihn einlud, in einen Burger zu beißen. Die Pizza-Kette, die ihm einen Gutschein versprach, oder jener Hersteller von Snacks, der von seinem Schoko-Riegel behauptete, ihn zu essen sei „befriedigender als Italienisch“. Die Welt der global vernetzten Häme braucht und liebt Typen wie Suárez, öffentliche Menschen am Rande des Nervenzusammenbruchs - fürs Geschwätz und fürs Geschäft.

          Christian Eichler

          Sportkorrespondent in München.

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