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Pfannenstiels Welt : Das Kätzchen von Dédé

  • -Aktualisiert am

Hat Didier Deschamps einfach nur Glück? Bild: AP

Bei den Franzosen passt so gut wie alles. Das ist kein Zufall. Und auch kein Glück. Ich bin gespannt, wie der Trainer seine Musketiere auf das Finale einstellt. Ich hätte eine Idee.

          Damit es keiner missversteht: Ich rede hier nicht von Brasilien und dem ehemaligen BVB-Star Dédé. Es geht um Frankreichs DD: Didier Deschamps, den Trainer der Blauen. Seine Initialen haben ihm zu seinem Spitznamen verholfen: Dédé. Obwohl er große Erfolge hat, ist er längst nicht so populär wie Zinedine Zidane, der Liebling der Franzosen, auf den sie alle warten. Die Frage ist: Wird „Zizou“ übernehmen, falls Dédé aufhören sollte nach der WM? Oder folgt Zidane dem Ruf der Petrodollars und geht nach Qatar?

          Fussball-WM 2018

          Diese Woche musste ich mal wieder nach Paris. Bei meinem Freund, dem Welt- und Europameister Christian Karembeu, wollte ich mir die abschließenden Eindrücke über „Les Bleus“ holen. Fast zwei Stunden standen wir im Stau auf dem „Périph“, dem Autobahnring rund um die Hauptstadt. Im Radio diskutierten die Sportjournalisten vor allem ein Thema: „La chatte à Dédé“, auf Deutsch heißt das so viel wie „das Kätzchen von Dédé“, was bedeutet: Glück oder Massel. Dédé, heißt es, habe immer Glück bei den Auslosungen der Turniere, er habe auch ein glückliches Händchen gehabt bei der Berufung der Außenverteidiger Pavard und Hernandez, nachdem die Platzhirsche Mendy und Sidibé ausgefallen waren. Beruht Frankreichs Finalteilnahme also auf Glück? Da bin ich doch ganz anderer Meinung. Wer Benzema, Martial und Coman zu Hause und Dembélé auf der Ersatzbank schmoren lassen kann, muss wissen, was er tut.

          Bei den Franzosen passt so gut wie alles. Das ist kein Zufall. Und auch kein Glück. Die Mischung zwischen Jung und Alt stimmt, und ihre Spielweise ist sehr effizient. Durch die Gruppenphase sind sie im Energiesparmodus spaziert. Aber als sie mussten, konnten sie auch. Sie sind die reifste Mannschaft dieser Weltmeisterschaft. Das Spiel gegen Argentinien war mit das Beste, was dieses Turnier zu bieten hatte. Im Viertelfinale hat der Uruguayer Jimenez nach 80 Minuten angefangen zu weinen, wahrscheinlich weil er wusste, dass die Franzosen nichts mehr zulassen würden. Und gegen Belgien haben sie so tief verteidigt, wie ich es selten gesehen habe. Möglich ist das, weil sie auch in der Defensive herausragende Spieler des Turniers haben: Kanté, Varane, Lloris.

          Ich bin gespannt, wie Deschamps seine Musketiere auf das Finale einstellt. Wenn ich an seiner Stelle wäre, würde ich es kontrolliert angehen, würde versuchen, den Kroaten mental und körperlich zuzusetzen. Denn die Kroaten sind durch drei Verlängerungen gegangen, im Finale an diesem Sonntag (17.00 Uhr im F.A.Z.-Liveticker zur Fußball-WM und im ZDF) müsste ihnen spätestens nach 70 Minuten die Kraft ausgehen. Es war ja fast ein Wunder, dass sie gegen England zu diesem späten Zeitpunkt ausgleichen und das Spiel noch drehen konnten. Die kroatische Moral ist herausragend, sie haben eindeutig den größten Teamgeist in diesem Turnier, sind die willensstärkste Mannschaft, und natürlich wird das Adrenalin noch einmal ein großer Pluspunkt sein im Endspiel. Aber eigentlich müsste den Kroaten der Dampf ausgehen. Gefährlich bleiben sie trotzdem, wie ein angeschlagener Boxer.

          Lutz Pfannenstiel.

          Gegen England hat man zudem gesehen, was Erfahrung ausmacht. Oder anders herum: Die Engländer mussten merken, wie grün sie noch sind. Beim zweiten Gegentor gewann Perisic das Strafraumduell, weil Stones, der Innenverteidiger, seinem Namen alle Ehre machte und stehen blieb wie ein Stein. Mandzukic erkannte die Situation, war in dieser einen Sekunde da, in der die anderen abschalteten. Cleverness, gepaart mit der Körperlichkeit der Stürmer und dem glasklaren Passfußball, den Modric und Rakitic spielen – das sind die spielerischen Stärken der Kroaten.

          Und Modric agiert nicht als divenhafter Star, sondern als schweigender Anführer. Die Mannschaft ist gut organisiert, extrem diszipliniert, jeder hilft dem anderen, auch Mandzukic reiht sich ein, wenn es um Defensivarbeit geht. Und Ante Rebic bringt das Überraschungsmoment des Straßenköters. Allerdings haben die Innenverteidiger Vida und Lovren Geschwindigkeitsprobleme, wenn man sie in der Drehung erwischt. Wenn die Franzosen die Bälle hinter die Abwehrkette spielen können, werden sich Räume für ihre schnellen Konterspieler öffnen. Mal sehen, ob Dédé seinen Turbostürmer Mbappé ein bisschen mehr von der Leine lässt. Ich hoffe es.

          Deschamps ist ein gewiefter Taktiker, der aus einer gesicherten Defensive heraus operieren lässt. Im Halbfinale hat das geklappt und dem Gegner den letzten Nerv geraubt. Da war vom französischen Catenaccio die Rede. Der belgische Torwart Courtois sprach gar von „Anti-Fußball“. Das ist eine Frechheit. Die Belgier haben spielerisch überzeugt – aber ich fand die Aussagen von Eden Hazard und Courtois nach dem Spiel gegen Frankreich völlig unnötig. Da haben sie auf mich wie extrem schlechte Verlierer gewirkt. Letztlich ist diese belgische Generation doch nicht so golden, wie sie selber glaubt.

          Sollte mein Favorit Frankreich heute die Kroaten bezwingen, ist das alles andere als eine Eintagsfliege. Es ist das Ergebnis harter Arbeit und eines erfolgreichen Scoutings. Denn wer wie die „Equipe Tricolore“ innerhalb von 20 Jahren dreimal im Finale des größten aller Turniere steht (1998, 2006, 2018), der muss nicht nur „Kätzchen“ haben, sondern verdammt viel Fachkompetenz. Dédé ist übrigens Baske, erzählte mir Christian Karembeu. Und die mögen vor allem Hunde. . .

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