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Kolumbien wettert nach WM-Aus : „Der Schiedsrichter war eine Schande“

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„Es ist schon komisch, dass er nur Englisch auf dem Platz sprach“: Radamel Falcao (rechts) beschwert sich über den Schiedsrichter. Bild: AFP

Nach einer hitzigen Partie bejubelt England den Einzug ins Viertelfinale der WM. Kolumbien indes schimpft über den Unparteiischen. Vor allem einer echauffiert sich über das Verhalten des Amerikaners.

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          Kolumbiens Topstürmer Radamel Falcao hat nach dem Achtelfinal-Aus seiner Mannschaft bei der Fußball-WM in Russland heftige Kritik an Schiedsrichter Mark Geiger aus den Vereinigten Staaten geübt. Die Südamerikaner unterlagen England im Elfmeterschießen mit 3:4. „Der Schiedsrichter war eine Schande. Es ist schon komisch, dass er nur Englisch auf dem Platz sprach. Da ist sicher schon ein Stück Parteilichkeit dabei“, sagte der Stürmer des französischen Erstligaverein AS Monaco: „Es war mehr als deutlich, dass er im Zweifelsfall immer für England gepfiffen hat.“

          Fussball-WM 2018

          In der 57. Minute hatte Geiger nach einem ungeschickten Foul von Carlos Sanchez gegen Harry Kane auf Strafstoß für England entschieden. Der gefoulte Kane verwandelte sicher zum 1:0. Yerry Mina schaffte aber noch per Kopfball (90.+3) den Ausgleich. Letztlich unterlagen die Südamerikaner im Elfmeterschießen. „Wir haben den letzten Schweißtropfen gegeben. Leider endet für uns das Abenteuer WM. Aber wir fahren mit einem ruhigen Gewissen heim, weil wir alles gegeben haben“, sagte Kolumbiens Keeper David Ospina.

          Kolumbiens Nationaltrainer José Pékerman zeigte sich über die Entwicklung des Fußballs bei dieser WM irritiert. Nach der Niederlage beklagte der 68 Jahre alte Argentinier, dass die ständigen Reklamationen, Foulspiele und Nickligkeiten im Fußball überhand genommen hätten. „Ich möchte über Fußball sprechen, aber wir haben ein schwieriges Match gesehen“ sagte Pékerman. Die kampfbetonte Partie war immer wieder von Schiedsrichter Geiger unterbrochen worden, vor allem die kolumbianischen Spieler beschwerten sich mehrfach bei ihm.

          Pékerman empfand es als Nachteil, dass die Partie im Moskauer Spartak-Stadion so oft unterbrochen wurde. „Wenn ein Team einen bestimmten Stil spielt, sind solche Unterbrechungen nicht zu begrüßen. Das hat uns sehr wehgetan“, sagte der frustrierte Coach. Schon 2006 hatte er mit Argentinien gegen Deutschland im Elfmeterschießen das WM-Viertelfinale verloren, vor vier Jahren scheiterte er mit Kolumbien ebenfalls im Viertelfinale knapp an Gastgeber Brasilien.

          Pékerman ließ seine Zukunft als Nationaltrainer von Kolumbien offen. „Ich habe bisher nie über die Zukunft gesprochen. Heute fühlen wir uns verletzt, weil wir sehr hart gearbeitet haben. Ich glaube nicht, dass wir jetzt über etwas anderes als das Spiel gegen England sprechen sollten“, sagte er. Als möglicher Nachfolger ist Ricardo Gareca, der bei der Endrunde in Russland noch Peru betreute, im Gespräch.

          Die kolumbianische Presse übte keine Kritik am Schiedsrichter, sondern lobte in großen Teilen die Leistung der Südamerikaner. „El Tiempo“ schrieb: „Kolumbien: Abschied von der WM in Russland mit Ehre, aber ohne Ruhm.“ Auch „El Espectador“ sah die WM positiv: „Keine Sorge, es gibt eine Zukunft für Kolumbiens Nationalmannschaft.“ „Fiebre de Fútbol“ drückte sich martialisch aus: „England hat die Angst Kolumbiens gespürt und, wie ein Hai das Blut schmeckt, mit all seinen Waffen angegriffen.“

          „El Pais“ trauert der knappen Entscheidung nach: „Die Elfmeter-Lotterie hat in diesem Fall die Engländer bevorzugt und wir wurden auf dem Weg in die letzten Runden zurückgelassen... In Summe gab es Positives und andere Dinge, die in Zukunft nicht wiederholt werden sollen.“ „El Deportivo“ fasste kurz zusammen: „Der Traum in Russland ist vorbei.“ Und „El Nuevo Día“ schrieb: „Kolumbien nimmt heldenhaft und stolz Abschied von Russland und hat einen Eindruck hinterlassen.“

          Danach kannte der Jubel auf dem Feld, zumindest bei den englischen Spielern, keine Grenzen mehr. Kolumbien schied nach hartem Kampf aus. Bilderstrecke

          Die Fans in Kolumbien sind trotzdem stolz auf ihr Team. Sogar Staatspräsident Juan Manuel Santos spendete den Spielern nach der Niederlage am Dienstagabend Trost: „Danke an meine kolumbianische Mannschaft, dass sie auf dem Spielfeld alles gegeben haben. Sie haben immer bis zum Schluss gekämpft. So sind wir Kolumbianer“, twitterte er. In den Straßen der Hauptstadt Bogota herrschte Stille. Ein oft geteiltes Foto in den sozialen Netzwerken sagt alles: James Rodriguez weint, darunter nur ein Emoji von einem gebrochenen Herzen. Viele Fans blicken nun nach vorne, zu den kommenden Turnieren: „2022 kommen wir sicher weiter“, sagt eine Frau. Der Schiedsrichter sei gegen die Mannschaft gewesen, fügt sie hinzu.

          Diese Meinung teilen nicht nur kolumbianische Fans, sondern auch Diego Maradona. Der frühere argentinische Star sagte, den Südamerikanern sei der Sieg geraubt worden. Und zwar von Schiedsrichter Geiger. Dieser haben den Strafstoß für England „erfunden“, sagte Maradona in seiner TV-Sendung beim venezolanischen Sender Telesur. „Ich habe heute einen monumentalen Raub auf dem Platz gesehen. Ich entschuldige mich bei allen Kolumbianern, aber die Spieler trifft keine Schuld.“

          Fussball-WM 2018

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