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Kolumbien vor WM-Start : Eine Angelegenheit nationaler Ehre

  • -Aktualisiert am

Bayern-Profi James Rodriguez (rechts) mit den kolumbianischen Nationalmannschafts-Kollegen Falcao (Mitte) und Juan Quintero. Bild: AP

Kolumbiens Spieler verteidigen bei der WM auch ihre Fahne. Denn der Fußball ist das vielleicht einzig wirklich verbindende Element in einem lange vom Bürgerkrieg geprägten Land. Das Team gilt als Geheimfavorit.

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          In Kolumbien gibt es eine Tradition, die „Verteidigung der Fahne“ genannt wird. Auf den Stufen des Casa Narino, des Präsidentenpalastes in der kolumbianischen Hauptstadt Bogotá, erhielten die auch Spieler des argentinischen Trainers José Pekerman aus den Händen des Staatspräsidenten und Friedensnobelpreisträgers Juan Manuel Santos symbolisch die kolumbianische Fahne, damit sie diese in Russland mit Würde und Ehre vertreten. Auch beim „Abschiedsspiel“ der „Cafeteros“ vor der Abreise nach Europa im Stadion „El Campin“ spielte diese „Bandera“ eine entscheidende Rolle: Dreisprung-Olympiasiegerin Caterine Ibargüen, selbst eine Volksheldin, marschierte unter dem Jubel der 33.000 Fans über den grünen Rasen und übergab Kapitän Radamel Falcao das dreifarbige Stück Stoff.

          Fussball-WM 2018

          Für nichtkolumbianische Betrachter mag das ein bisschen zu viel des Pathos und des Nationalstolzes sein. Für die 23 auserwählten Spieler, die in Russland dabei sein dürfen, spielt diese Heimatliebe in einer Fußball-Welt voller Transfer-Spekulationen, Vereinswechsel und Marketingstrategien allerdings eine ganz besondere Rolle. Denn der Fußball in Kolumbien ist das vielleicht einzig wirklich verbindende Element in einem Land, das jahrzehntelang von einem blutigen Bürgerkrieg heimgesucht war. „Im Fußball sind wir alle Brüder“, sagte Bogotás Erzbischof, Kardinal Ruben Salazar Gomez, vor ein paar Tagen. Der Fußball verbindet linke Guerilleros und rechte Paramilitärs zumindest für ein paar Stunden. Oder, wie am Montag, sogar zu einem Versöhnungsspiel der ehemaligen Kriegsgegner.

          Die besondere Verbindung der Kolumbianer zu ihrem Heimatland ist die eine Sache, die andere ist die sportliche Evolution der Nationalmannschaft. Neben James Rodriguez vom FC Bayern München steht eine ganze Reihe von Spitzenspielern aus internationalen Top-Mannschaften im Team des Südamerika-Meisters 2001. Mit Torhüter David Ospina (Arsenal), Cristian Zapata (AC Mailand), Torjäger Radamel Falcao (AS Monaco), Juan Cuadrado (Juventus Turin), Yerry Mina (FC Barcelona), Luis Muriel (FC Sevilla) oder Davinson Sanchez (Tottenham) bilden mehr als ein Dutzend Spieler das Mannschaftsgerippe, die Erfahrungen auf internationalen Niveau gewonnen haben. „Kolumbien hat sich weiterentwickelt, das ist keine Mannschaft mehr von Talenten, das ist eine Mannschaft von Stars“, kommentierte jüngst die Zeitung „El Especator“.

          Spielplan der Fußball-WM 2018 in Russland

          Weil Trainer Jose Pekerman grundsätzlich keine Einzel-Interviews gibt, hat er es mit seinem Schweigegelübde geschafft, dass die Welt lieber zu den Lautsprechern des Fußballs schaut. Über Kolumbien wundern können sich die Fans dann wieder von diesem Dienstag an im Auftaktspiel gegen Japan (14 Uhr im F.A.Z.-Liveticker zur Fußball-WM und im ZDF). Kolumbiens Nationalmannschaft, vor vier Jahren in Brasilien noch der unbefangene Underdog, der sich mit dem jungen James in die Herzen der Fußballwelt spielte, ist erwachsen geworden. Taktisch reifer, in der Spielanlage nicht mehr ganz so ungestüm, dafür durchdachter.

          „Es ist schwieriger geworden, uns zu schlagen“, sagte Stürmer Falcao jüngst in einem Interview mit dem Sender „Caracol“. Auch Falcao ist ein Grund, warum es diesmal wieder klappen könnte mit einem Durchmarsch bis ins Viertelfinale. Vor vier Jahren vergoss der inzwischen 33-Jährige bittere Tränen, weil eine Verletzung seine Teilnahme an der WM verhinderte. Präsident Santos eilte damals an sein Krankenbett. In das mannschaftsinterne Machtvakuum stürmte James und von da aus gleich weiter zu Real Madrid. Diesmal ist Falcao, der Mann für die wichtigen Tore, dabei. Nicht mehr ganz so spritzig wie vor vier Jahren im Vor-WM-Modus, dafür aber mit einem unbändigen Torhunger und dem festen Willen, den Cafeteros ein paar wichtige Tore zu schenken. Nicht nur der Fahne wegen.

          Auftaktgegner Japan sowie Polen und Senegal stellen den Kolumbianern lösbare Aufgaben in Gruppe H. Danach könnte im Achtelfinale England oder Belgien warten. Auf ein Spiel aber warten die Kolumbianer ganz besonders. Eine Revanche gegen Brasilien sehnt das ganze Land herbei. Dem Rest der Fußball-Welt ist von der 1:2-Niederlage im Viertelfinale vor vier Jahren das Foul von Zuniga gegen Neymar in Erinnerung geblieben, das den brasilianischen Superstar das historische Halbfinale (1:7) gegen Deutschland verpassen ließ.

          In Kolumbien bestimmen dagegen die brutale Gangart der Gastgeber gegen James, der die Partie wie durch ein Wunder unverletzt überstand, sowie das nicht gegebene reguläre Tor von Mario Yepes die Erinnerungen. Kolumbien fühlte sich in einer bizarren Partie, in der es trotz teilweise brutaler Fouls auf beiden Seiten (31:23), erst nach einer Stunde die erste Gelbe Karte gab, vom Schiedsrichter betrogen. Gefeiert wurden sie anschließend in Bogotá trotzdem. Mit der Fahne in der Hand, die sie damals stolz verteidigten.

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