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Klimatische Belastungen der WM : „Clevere Spieler leiden weniger“

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Trinkgelage: Auf einen ausgeglichenen Flüssigkeitshaushalt wird in Brasilien viel ankommen Bild: imago sportfotodienst

Tim Meyer betreut seit 2001 die Fußball-Nationalelf. Der 46 Jahre alte Mediziner versorgt alle nicht- orthopädischen Beschwerden und ist für die Leistungsdiagnostik zuständig.

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          Wenn Profis bei 28 oder 29 Grad Fußball spielen – da fragen sich viele: Wo liegt das Problem?

          Im Norden Brasiliens, wo wir in der Vorrunde spielen, sind wir nahe am Äquator. Da ist es richtig tropisch. Die hohe Luftfeuchtigkeit verhindert, dass wir in ausreichender Menge Schweiß zur Kühlung an die Luft abgeben können. Schwitzen ist jedoch unser effektivster Mechanismus, um unsere Körpertemperatur zu regulieren: Bei trockener Wärme schwitzen wir, der Schweiß verdunstet, durch die Verdunstung wird der Körper gekühlt. Das klappt im Norden Brasiliens weitaus schlechter. Bei der hohen Feuchtigkeit, die die Luft an den Spielorten dort hat, schwitzt man zwar weiterhin – aber das Schwitzen ist nicht mehr effektiv, denn der Schweiß verdunstet kaum. Hinzu kommt, dass man die Auswirkungen der Sonne nicht nur über die reine Temperatur erfassen kann. Die Hitzestrahlung der Sonne hat einen unmittelbaren zusätzlichen Einfluss. Wenn wir abends 29 Grad ohne Sonne haben oder 29 Grad am Nachmittag mit Sonne – dann ist das für den Organismus nicht das Gleiche. Und genau dann spielen wir: zweimal um 13 Uhr und einmal um 16 Uhr.

          Wie groß sind die Unterschiede der körperlichen Belastung, was die 29 Grad am Mittag oder Abend angeht bei 85 oder 40 Prozent Luftfeuchtigkeit?

          In Zahlen ist das schwierig zu fassen. Aber es ist keine Kleinigkeit, das ist schon ein erwähnenswerter Unterschied. Wir haben ja auch in Deutschland gelegentlich höhere Luftfeuchtigkeit. Man merkt dann durchaus, dass Menschen, die gesundheitlich angeschlagen sind, ganz unabhängig von sportlichen Aktivitäten Probleme bekommen.

          Sind die Voraussetzungen in Brasilien für alle Mannschaften gleich – oder hat etwa ein afrikanischer Gruppengegner wie Ghana unter diesen klimatischen Bedingungen gewisse Vorteile?

          Ein bisschen ist da was dran. Wenn Spieler aus Ghana eine lange Zeit bei ihren Klubs in Europa verbringen, ist der Vorteil aber sicher nicht mehr so groß. Wer in warmen Regionen lebt, ist besser akklimatisiert. Die Spieler leiden dann zwar bestimmt auch unter der Hitze, aber einen Tick weniger. Wenn wir uns in warme Regionen begeben, akklimatisieren wir uns mit der Zeit auch. Der Hauptmechanismus, der dann wirkt: Wir schwitzen effektiver, das heißt, wir geben mehr und dünnflüssigeren Schweiß ab. Der wichtigste Mechanismus zur Temperaturregulation, den wir haben, verbessert sich unter diesen Bedingungen. Aber bei der Akklimatisierung an feuchte Hitze ist nicht so viel drin, denn eine Verbesserung des Schwitzens bringt ja nicht viel. Wer jahrelang wie ein Afrikaner in dieser Hitze lebt, hat gewisse Vorteile, weil es auch noch andere Aspekte der Anpassung gibt, wie die Psyche. Wer neun Monate im Jahr bei 30 Grad lebt, erlebt diese Temperatur anders als Menschen, die das nur wenige Tage im Jahr kennen.

          Professor Tim Meyer: „Wir haben eine WM - damit muss man klarkommen“
          Professor Tim Meyer: „Wir haben eine WM - damit muss man klarkommen“ : Bild: imago sportfotodienst

          Belastungen und Verletzungen sind derzeit ein großes Thema. Für manche Spieler könnte die Saison mit dem Endspiel der Champions League bis Ende Mai dauern. Wie sind solche hochbelasteten Spieler in der Lage, diese zusätzliche klimatische Belastung wegzustecken?

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