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Kapitän Andreas Granqvist : Die schwedische Eiche

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Der schwedische Kapitän Andreas Granqvist will gegen Deutschland wieder eine gute Leistung zeigen. Bild: EPA

Kapitän Granqvist ist ein kompromissloser „Krieger“ und als Ibrahimovic-Nachfolger der Kopf des Kollektivs, das Deutschland bei der WM die nächste Niederlage beibringen will. Doch was macht ihn so besonders?

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          Die Vergleiche nerven vermutlich. Aber Andreas Granqvist würde das natürlich nie sagen, er ist ein gut erzogener junger Mann – und er weiß auch, was der schwedische Fußball Zlatan Ibrahimovic zu verdanken hat. Viele schöne Tore, jede Menge Schlagzeilen und, ja, auch ein paar Erfolge. Die beiden haben eigentlich nichts gemeinsam, doch weil es sich um Vorgänger und Nachfolger handelt, gibt es eben keine Geschichte von Granqvist, die sich nicht auch ein bisschen mit Ibrahimovic beschäftigen muss.

          Der 1,93 Meter große Innenverteidiger verkörpert die neue schwedische Nationalmannschaft, so wie früher Ibrahimovic. Aber sie ist jetzt eben keine Ein-Mann-Show mehr, sondern versteht sich als Kollektiv, bei dem einzig vielleicht der leichtfüßige Emil Forsberg von RB Leipzig ein wenig heraussticht. Der Rest sind alles hemdsärmelige Arbeiter, die nichts besser können als rackern und rennen. Und Granqvist ist als Kapitän der Vorarbeiter. „Wir kämpfen, wir sind Krieger und tun das, was wir tun sollen“, sagte er.

          Spielplan der Fußball-WM 2018 in Russland

          Daheim in Schweden nennen sie ihn „Granen“, den Baum, weil er ein Abwehrspieler der alten Schule ist, also kompromisslos jeden Ball im eigenen Strafraum verteidigt. Er versucht erst gar nicht, brenzlige Situationen spielerisch zu lösen, er schiebt oder grätscht den Gegner lieber weg. Anders will er es gegen Deutschland am Samstag (20.00 Uhr im F.A.Z.-Liveticker zur Fußball-WM und in der ARD sowie bei Sky) im zweiten Gruppenspiel nicht machen, anders kann er es gar nicht. „Wir können nicht wie Mexiko spielen, wir haben andere Spielertypen. Wir müssen so spielen wie zuletzt gegen Italien und Frankreich, kompakt stehen und mit dem Ball Chancen kreieren – und ihn so lange halten wie möglich“, sagte Granqvist vor der Abreise vom Trainingsquartier im knapp 300 Kilometer entfernten Gelendschik nach Sotschi.

          Die Zuversicht ist groß, dem Weltmeister Schwierigkeiten bereiten zu können. Den Schweden scheint – trotz fehlenden Glanzes – die aktuelle Nationalmannschaft lieber zu sein als jene am Ende mit Ibrahimovic. Nach der EM vor zwei Jahren hatte es viel Kritik gegeben daheim. Aber mit der erfolgreichen Qualifikation für Russland, in der sie in ihrer Gruppe die Niederlande hinter sich ließen, zu Hause Frankreich schlugen und sich in der Relegation gegen Italien durchsetzten, hat sie die Fans überzeugt.

          Andreas Ganqvist verwandelt einen Elfmeter im ersten Gruppenspiel gegen Südkorea.

          Zum ersten Mal seit 2006 hieß der Fußballer des Jahres in Schweden im vergangenen Jahr nicht Ibrahimovic, die Auszeichnung erhielt Granqvist. Da war das einzige Mal etwas Unmut aufgekommen, als das Umfeld von Forsberg die Wahl kritisierte. Als Zeichen der großen Wertschätzung für Granqvist im Land gab es zur Adventszeit eine kleine Replik des Kapitäns als Weihnachtsschmuck zu kaufen. Außerdem bekam er eine Gastrolle in der schwedischen Krimiserie Beck angeboten.

          Kaum jemand hat damit gerechnet, dass Granqvist noch einmal so populär werden würde in der Heimat. Aufgewachsen in einem kleinen Ort im Süden, startete er seine Karriere in Helsingborg. Bald wurde Wigan Athletic auf ihn aufmerksam. Seine robuste Statur und seine kompromisslose Spielweise schienen gut in die Premier League zu passen, aber der Sprung mit 21 Jahren war wohl noch zu früh. Er konnte sich in England nicht durchsetzen und zog weiter, zuerst zum FC Groningen, dem Heimatverein von Arjen Robben, in die niederländische Ehrendivision, drei Jahre später zum FC Genua.

          Die vergangenen fünf Jahre spielte er in der russischen Liga beim FC Krasnodar. In der Nationalmannschaft debütierte Granqvist mit 20 Jahren, doch dem Kader für die WM 2006 in Deutschland gehörte er nicht an. Auch weiterhin verlief seine Karriere im Drei-Kronen-Trikot schleppend. Bei der EM 2008 war er dabei, kam aber nicht zum Einsatz, die WM 2010 verpassten die Schweden ebenso wie die 2014. Die Partie gegen Südkorea, in der er das Siegtor zum 1:0 erzielte, war das erste WM-Spiel für ihn – mit 33 Jahren. „Ich hatte einige schwierige Jahre in der Nationalmannschaft. Ich bin nicht auf das Niveau gekommen, das ich in der Klubmannschaft hatte“, gibt Granqvist zu.

          So richtig durchgestartet ist er erst in den vergangenen Jahren, und das sieht er vor allem als Verdienst von Nationaltrainer Janne Andersson, der die Schweden nach dem schwachen Abschneiden bei der EM 2016 in Frankreich übernommen und Granqvist zum Nachfolger des zurückgetretenen Ibrahimovic als Kapitän bestimmt hatte. „Ich habe von Janne viel Vertrauen bekommen“, sagt er und hofft, in Russland „etwas Einzigartiges“ zu schaffen. Den Weltmeister aus dem Turnier zu werfen ist zwar schon anderen gelungen, aber daheim in Schweden würde im Falle eines Sieges gegen Deutschland vielleicht schon im Juni der Granqvist-Weihnachtsschmuck an den Bäumen hängen.

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