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Islands Nationalmannschaft : Viel mehr als das „Huh!“

  • -Aktualisiert am

Auf in den Kampf: Island schwört sich auf Kroatien ein Bild: AFP

Island hat sich bei der ersten Teilnahme an einer Fußball- WM etabliert. Aber „Knattspyrnusamband“ stößt an Grenzen – es geht vor dem Gruppenfinale gegen Kroatien um Verlieren mit Stil und um Entwicklung.

          3 Min.

          Die isländische Zeitung „Morgunbladid“ hat vor der Weltmeisterschaft einige Hauptdarsteller des Nationalteams vorgestellt. Kurze Clips sind das, knapp zwei Minuten, und es geht ziemlich herkömmlich los, mit Trainer Heimir Hallgrimsson im Mittelpunkt. Doch dann werden keine Spieler in gefälligen Bildern glorifiziert – sondern dem Platzwart, den Köchen und dem Zeugwart des „Knattspyrnusamband Island“ (KSI) wird bei der Arbeit über die Schulter geschaut. Das passt zu einer Mannschaft, die sich nicht über Individuen definiert, sondern ein ausgeprägtes Wir-Gefühl zwischen Trainerstab, Team und Betreuern aufweist.

          Es mag klischeehaft klingen, aber dieses abgelegene Island lebt als Volk und Fußballnation vom Zusammenhalt – weil es weiß, dass nur über die Teamleistung etwas zu erreichen ist. Doch auch die bestaunten und beliebten Isländer müssen mit den oft weit danebenliegenden Zuschreibungen zurechtkommen, die bei einer Veranstaltung wie der WM auf sie niederprasseln. Plötzlich wurde Hallgrimssons Team zum Favoriten im zweiten Vorrundenspiel gegen Nigeria hochgejubelt, wie man später beim 0:2 sah, zu Unrecht, weil es Argentinien ein 1:1 abgetrotzt und Nigeria gegen Kroatien verloren hatte. Das westafrikanische Land hat 190 Millionen Einwohner, die Vulkaninsel 330.000 – das hätte für 90 Minuten nicht viel heißen müssen, aber favorisiert fühlt sich Island bei der ersten WM-Teilnahme gegen niemanden.

          Fussball-WM 2018

          Und wenn die internationalen Medien einen Spieler wie Rurik Gislason plötzlich zum „social-Media-Star“ hochjubeln, weil er gut aussieht und viele weibliche Follower hat, hat das mit den fußballerischen Fähigkeiten des Angreifers gar nichts zu tun – beim 1. FC Nürnberg wurde Gislason als chronisch torungefährlich aussortiert, beim SV Sandhausen hat er nun in der Zweiten Liga seine Heimat gefunden.

          Mit Pragmatismus gegen den Trubel

          Vor allem neben dem Feld ist das Welt-Ereignis Fußball-WM eine echte Prüfung für die Isländer: Jeder will ein Stück vom Aufsteiger der vergangenen EM abhaben. Die Kleinen sind beliebt – und sie können sogar, teilweise zumindest, mithalten. Das hat auch Torwart Hannes Halldorsson erfahren. Der Keeper des dänischen Durchschnittsklubs Randers FC hielt vor acht Tagen Messis Elfmeter – und danach wusste die halbe Welt, dass Halldorsson erst seit wenigen Jahren vollprofessionell Fußball spielt, weil er ausgebildeter Filmemacher ist und so ganz gut verdiente.

          Alldem Trubel, alldem Wirbel und den Erwartungen, die im Ausland kurioserweise viel größer sind als zu Hause, entkommen die Isländer mit Pragmatismus. Es war angenehm, wie Cheftrainer Hallgrimsson die 0:2-Niederlage am Freitagabend in der Hitze Wolgograds gegen Nigeria bewertete: „Wir haben ein paar Fehler gemacht, aber vor allem hat Nigeria sehr, sehr gut gespielt.“ Verloren mit Stil, so kann es gehen – und es müsse sich jetzt auch niemand aufregen, fand Hallgrimsson mit einem Augenzwinkern: „Wir sind nicht davon ausgegangen, ohne Niederlage durch die WM zu gehen.“

          Gegen Nigeria stieß das Prinzip Geschlossenheit an seine Grenzen – in der zweiten Halbzeit. Vorn fehlten die Ideen und hinten fehlte die Kraft, um den jungen Nigerianern standzuhalten. „Es war ein harter Tag heute“, sagte der frühere Hoffenheimer Gylfi Sigurdsson. Er hatte kurz vor Schluss einen Foulelfmeter über das Tor geschossen, und die Enttäuschung über die erste WM-Niederlage war später so groß, dass sogar das beliebte „Huh!“ mit den Fans ausfiel.

          Doch diese russischen Tage sind für den isländischen Fußball viel mehr als Tore und Ergebnisse, selbst wenn das Erreichen des Achtelfinales vor dem letzten Gruppenspiel am Dienstag in Rostow gegen Kroatien (20 Uhr/ARD und F.A.Z.-Liveticker zur Fußball-WM) jetzt ziemlich schwer geworden ist. Die Teilnahme, verbunden mit den Millionen, die von der Fifa fließen, schenkt dem Verband die Möglichkeit, strukturell das Richtige auf den Weg zu bringen, um auch weiterhin im Konzert der Großen mitspielen zu können. Hallgrimsson hat in einem Interview der „Sport-Bild“ jüngst darauf hingewiesen, dass er selbst nur ein Rädchen im Getriebe sei – und der isländische Verband im Kern nicht anders funktioniere als andere.

          Erst seit 2017 gehört ein Fitness-Trainer zum Stab, und als Hallgrimsson diesen damals beim Verband durchsetzen wollte, bekam er mit Blick auf die Finanzen zu hören: „Was? Noch ein Trainer?“ Dabei ist sein Coaching-Team mit sechs angestellten Personen ausgesprochen schmal. „Wir sind noch dabei, uns professionell aufzustellen“, sagt der 50 Jahre alte Nationaltrainer. Er ist das beste Beispiel. An zwei, drei Tagen im Monat praktiziert er im Erdgeschoss seines Hauses auf der einzig bewohnten Westmänner-Insel Heimaey noch als Zahnarzt. Um den Beruf nicht zu verlernen. Hallgrimsson hat schon als Jugend- und Frauentrainer im Verein gearbeitet, ehe er im Verband anfing – und vom Assistenten (2011) zum gleichberechtigten Trainer neben Lars Lagerbäck (2013 bis 2016) und zum Chef aufstieg. Dass er vor Heimspielen im Nationalstadion Laugardalsvöllur mit Fans in den Pub geht, um die Taktik zu erklären, gehört inzwischen auch zu den gern erzählten Geschichten.

          Hallgrimsson erinnert gern daran, dass der Aufschwung eine zarte Pflanze ist. Für den sportbegeisterten Nachwuchs in Island bleiben Handball und Basketball interessante Optionen, und der Ausbau mit überdachten Fußball-Kleinfeldern, Fußballhallen und geothermisch beheizten Kunstrasenplätzen müsse weitergehen, sagt er. Als die Kommunen die Boomzeit vor dem Finanz-Crash 2008 auch dafür genutzt hatten, in den wenigen Städten Fußballhallen für die kalten, dunklen Wintermonate zu bauen, war die Keimzelle für die nun schon fünf Jahre währende Hochphase bekanntlich gelegt.

          Einsatz für sein Land: Islands Nationaltrainer Heimir Hallgrimsson Bilderstrecke

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