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Spott im Iran nach WM-Aus : „War wohl nichts mit eurem Nationalteam“

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Niedergeschlagen; Irans Abolfazl Jalali Bild: AFP

In Teheran wird nach Irans Niederlage gegen die USA und dem damit verbundenen WM-Ausscheiden spontan protestiert und mit Schadenfreude reagiert.

          3 Min.

          In der iranischen Hauptstadt Teheran haben Autofahrer nach der WM-Niederlage gegen die USA vereinzelt ihre Schadenfreude ausgedrückt. An belebten Plätzen riefen Menschen in der Nacht zu Mittwoch: „War wohl nichts mit eurem Nationalteam“. Sie spielten damit auf die hohen politischen und sportlichen Erwartungen an das Team Melli an.

          Auch in anderen Landesteilen strömten Menschen auf die Straßen, um ihre Schadenfreude über den Sieg der USA auszudrücken. Durch das 0:1 war der Iran in der WM-Vorrunde in Qatar ausgeschieden.

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          Auch Frust war auf den Straßen zu vernehmen, wie Augenzeugen berichteten. In sozialen Medien wurden Videos verbreitet, in denen Protestslogans von Balkonen der Wohnviertel zu hören waren. Menschen riefen darin „Tod dem Diktator“ – als Anspielung auf das geistliche Oberhaupt Ajatollah Ali Chamenei. Bereits nach Anpfiff hatten viele Iraner im Netz die Aufmerksamkeit genutzt, die jüngsten Todesopfer im Rahmen der Proteste beim Namen zu nennen. „Nun freuen sich die Revolutionäre über eine Niederlage des Teams der Islamischen Republik“, schrieb die bekannte iranische Sozialaktivistin Atena Daemi auf Twitter.

          Regierungsvertreter zeigten sich angesichts der von hohen politischen und sportlichen Erwartungen überschatteten Begegnung gegen den „Erzfeind“ USA offiziell gelassen. Regierungstreue Demonstranten stellten sich auch hinter Irans Nationalteam. An einem Verkehrsknotenpunkt Teherans wurde in der Nacht zu Mittwoch auf einem großen Werbebanner das Team abgebildet. „In Guten wie in schlechte Zeiten, wir unterstützen euch bis in die Ewigkeit“, prangte auf dem bekannten Plakat, das immer wieder auch für Propagandazwecke genutzt wird.

          Für Entsetzen sorgte in der Nacht ein Zwischenfall in der nördlichen Küstenstadt Bandar Anzali. Dort soll bei spontanen systemkritischen Protesten nach dem Spiel ein 27-Jähriger in den Kopf geschossen worden sein. Von offizieller Seite gab es zunächst keine Bestätigung. Die Berichte ließen sich nicht unabhängig bestätigen.

          Wegen der anhaltenden Proteste im Land war die WM-Stimmung in den vergangenen Wochen gedrückt. Die Spieler standen angesichts der stark unter Druck. Politiker hatten sich einen Sieg gegen die USA und dadurch Rückendeckung in der Innenpolitik erhofft. Irans Führung habe viel politischen Druck vor dem Spiel ausgeübt, erklärte ein Sportjournalist in Teheran.

          Queiroz bestreitet Drohungen

          Irans Fußball-Nationaltrainer Carlos Queiroz hat unterdessen Berichte über angebliche Drohungen von staatlicher Seite gegen seine Mannschaft mit Vehemenz zurückgewiesen. „Wenn jemand eine Information von einer anonymen Quelle nimmt, ist das nicht professionell. So etwas ist traurig. Innerhalb von zwei Stunden wird aus einer Dummheit eine vermeintliche Wahrheit. Aber das ist die Welt, in der wir leben“, sagte Queiroz.

          Protest im Stadion: Mitglieder von Pussy Riot
          Protest im Stadion: Mitglieder von Pussy Riot : Bild: via REUTERS

          Der US-Nachrichtensender CNN hatte zuvor berichtet, den iranischen Spielern und ihren Familien seien Haftstrafen angedroht worden, falls sie im zweiten WM-Gruppenspiel abermals nicht die Nationalhymne mitsingen sollten. Als Quelle nannte CNN eine für die Sicherheit der WM zuständige Person. „Wir haben viele Geschichten gehört über Drohungen, die Spieler angeblich erhalten haben. Das ist eine Schande“, sagte Queiroz: „Was ich sagen kann ist: Dank des Teamworks haben wir Spieler, die wieder gelächelt haben. Sie haben verstanden, für wen sie spielen, habe ihre Mission verstanden, für den Iran zu spielen.“

          Fussball-WM 2022

          Während des Spiels gegen die USA protestierten Aktivistinnen der russischen Punk-Gruppe Pussy Riot im Stadion für Frauenrechte im Iran. Sie trugen T-Shirts mit der Aufschrift „Woman Life Freedom“ („Frau Leben Freiheit“) und dem Logo des iranischen Fußballverbands. Einige von ihnen hatten zudem bunte Sturmhauben auf dem Kopf, wie auf Bildern zu sehen war.

          Ein Sprecher von Cinema for Peace bestätigte der Deutschen Presse-Agentur, dass es sich um Mitglieder von Pussy Riot handelte. Einem Bericht der Nachrichtenagentur AP zufolge skandierten die Frauen auch den Slogan der Protestbewegung im Iran.

          Der Iran wird seit Wochen von schweren Protesten erschüttert. Auslöser war der Tod der iranischen Kurdin Jina Mahsa Amini Mitte September. Sie starb in Polizeigewahrsam, nachdem sie wegen Verstoßes gegen die islamischen Kleidungsvorschriften verhaftet worden war. Nach Einschätzungen von Menschenrechtlern wurden seitdem mindestens 450 Demonstranten getötet und rund 18.000 Protestteilnehmer verhaftet.

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