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Wegen Stadionverbot für Frauen : Iran befürchtet Ausschluss von Fußball-WM

Im Oktober 2019 verfolgten einige tausend Frauen das WM-Qualifikationsspiel zwischen Iran und Kambodscha. Bild: picture alliance/dpa

Trotz gültiger Eintrittskarten dürfen Frauen beim Heimspiel von Iran gegen Libanon nicht ins Stadion. Den Protest lösen Sicherheitskräfte Berichten zufolge mit Pfefferspray auf. Nun ist die FIFA gefordert.

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          Der iranische Fußball-Verband fürchtet den Ausschluss von der Fußball-Weltmeisterschaft in Qatar durch den Internationalen Fußball-Verband FIFA. Hintergrund ist das gewaltsame Vorgehen iranischer Sicherheitskräfte gegen Frauen am Rande des WM-Qualifikationsspiel der iranischen Mannschaft gegen Libanon am Dienstagnachmittag in Maschhad. Dort hatten Frauen, die am Abend zuvor Karten für die Partie online gekauft hatten, aber nicht eingelassen wurden, gegen ihre Aussperrung demonstriert.

          Christoph Becker
          Sportredakteur.

          Von lokalen Medien verbreitete Videos in sozialen Netzwerken zeigten eine Menschenmenge von beträchtlicher Größe außerhalb des Imam-Resa-Stadions, aus der heraus Frauen lautstark „Wir haben Einwände!“ riefen, während das Spiel im Stadion lief. Später gepostete Aufnahmen zeigen zum Teil am Boden knieende Frauen mit tränenden Augen, die ihrer Darstellung zufolge von Einsatzkräften mit Pfefferspray traktiert wurden. Inzwischen kursieren Aufnahmen, die zeigen, dass das Pfefferspray aus dem Inneren über den verschlossenen Zugang in die Menschenmenge gesprüht wurde.

          „Die FIFA muss jetzt handeln“

          Mehrdad Seradschi, Vorstandsmitglied des iranischen Fußball-Verbandes IRIFF, schrieb am Mittwoch auf Twitter: „Es gibt beunruhigende Nachrichten zu Entscheidungen der FIFA und der AFC (Asiatischer Fußball-Verband; d. Red.).“ Sollte es zu einem WM-Ausschluss kommen, seien diejenigen verantwortlich, die den Weg bereitet hätten für die „bitteren Ereignisse von #Maschhad“ – Seradschi nannte das Sportministerium.

          Er rief die iranischen Parlamentarier auf, sich mit dem Thema zu befassen. Auf die FAZ.NET-Frage an die FIFA, wie diese auf den abermaligen Ausschluss von Zuschauerinnen in der Islamischen Republik Iran reagiert, antwortete der Weltverband über 29 Stunden später. Man sehe die Berichte mit Sorge, habe die IRIFF um Auskunft gebeten und fordere, dass Frauen weiter ins Stadion dürfen. Minky Worden, bei Human Rights Watch Direktorin für globale Initiativen, wies auf Twitter daraufhin, dass die Verletzung der FIFA-Statuten mit dem Ausschluss von der Weltmeisterschaft sanktioniert werden könnte. „Die FIFA muss jetzt handeln, um ihre eigenen Regeln durchzusetzen!“, schrieb Worden.

          Hochburg religiöser Hardliner

          In den sozialen Medien wurde der Vorfall mit dem Schulverbot für Mädchen durch die islamistischen Taliban in Afghanistan verglichen. Beobachter vermuten, dass einflussreiche islamistische Hardliner in Maschad eigenmächtig und ohne Absprache mit dem FFI gehandelt haben, berichtet die Deutsche Presse-Agentur aus Iran.

          Maschhad ist eine Hochburg der religiösen Hardliner, dort hatte Ebrahim Raisi, der heutige Präsident des Landes, zwischen 2016 und 2019 den Vorsitz der Stiftung des Imam-Resa-Schreins inne, der größten Stiftung des Landes, die zugleich größter Grundbesitzer der Islamischen Republik ist. Stiftung wie Stadion sind nach Imam Resa benannt, der in Maschhad begrabene achte Imam der Schiiten, dessen Schrein die wichtigsten Pilgerstätte des Landes ist.

          Schon die Austragung des letzten Spiels der WM-Qualifikationsrunde in der im Nordosten des Landes gelegene Millionenstadt hatte unter Frauenrechtlerinnen Argwohn hervorgerufen. Nachdem vor Ausbruch der Corona-Pandemie auf Druck der FIFA beim Qualifikationsspiel gegen Kambodscha im Oktober 2019 zumindest einige Tausend Frauen im Teheraner Asadi-Stadion zuschauen durften, waren zuletzt unter Verweis auf die Pandemie gar keine Zuschauer bei Länderspielen mehr zugelassen worden. Im Oktober 2021 war vor dem Spitzenspiel gegen Südkorea zunächst angekündigt worden, eine begrenzte Anzahl Frauen dürften abermals zuschauen, bevor Zuschauer ganz ausgeschlossen wurden.

          Rollback durch den Sicherheitsapparat

          Vor dem Spiel gegen Libanon in Maschhad war abermals lange unklar, ob Frauen Zutritt finden würden. Am Montagabend konnten Frauen dann Tickets online buchen, mit denen sie tags darauf zum Stadion gingen. Dort waren allerdings keine Vorbereitungen getroffen worden, einen abgegrenzten Bereich der Tribüne für Frauen als sogenannten „Familienblock“ vorzubereiten, wie das 2019 in Teheran geschehen war. Nachdem sie vor den Stadiontoren abgewiesen worden waren, protestierten die Frauen vor dem Stadion.

          Auch wenn die FIFA nun schreibt, „eine Kehrtwende darf es nicht geben“: Damit ist eine weitere Qualifikationsrunde zu einer Weltmeisterschaft zu Ende gegangen, in der die FIFA ihre Statuten, die Diskriminierung auf Grundlage des Geschlechts verbietet, in Iran nicht durchsetzen konnte, während die Mannschaft sich für die WM qualifizieren konnte.

          WM-Spielplan 2022 in Qatar: Termine, Gruppen und Stadien

          Ebenso war es 1998, 2006, 2014 und 2018; angesichts der überschaubaren Fortschritte vor drei Jahren – zu Ligaspielen im iranischen Männer-Fußball hatten Frauen weiterhin keinen Zutritt, ebenso wenig wie Männer zu Spielen von Frauenteams – bedeutet der gewaltsam durchgesetzte Ausschluss in Maschhad einen Rollback durch den iranischen Sicherheitsapparat. Zur Weltmeisterschaft in Qatar begleitet die FIFA eine weitere seit Jahren drängende Menschenrechtsfrage, für die sie bislang keine Lösung parat hat.

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