https://www.faz.net/-gtl-16pr4

Infrastruktur in Südafrika : Schöner WM-Zug

Vom Flughafen in die Stadt in 15 statt 60 Minuten: Der Gautrain nach Johannesburg fährt 160 km/h Bild: AFP

Pünktlich zur WM ist der Gautrain, der erste Hochgeschwindigkeitszug für den Nahverkehr in Südafrika, gestartet. Mit dem 2,5 Milliarden Euro teuren Prestigeprojekt will Johannesburg Touristen beeindrucken und Einheimische für öffentliche Verkehrsmittel begeistern.

          3 Min.

          „Ich fühle mich wie ein Kind, meine Güte ist das toll“, japst Amina Mumba. Ihr Arbeitskollege blickt nicht minder aufgeregt auf seinen Blackberry, mit dem er die Geschwindigkeit misst. „130, 140, Leute, wir werden immer schneller, ich fasse es nicht: 160 Stundenkilometer. Das ist ja fast wie Fliegen.“Man könnte meinen, die gutgelaunte Gruppe von Südafrikanern befände sich in einem sensationellen neuen Vergnügungspark. Tatsächlich aber machen sie etwas, das Europäer höchstens noch zum Nörgeln bewegt. Sie fahren mit dem Zug.

          Claudia Bröll

          Freie Autorin für die Wirtschaft in Südafrika.

          Natürlich ist es kein normaler Zug. In dieser Woche hat in Johannesburg der „Gautrain“ erstmals den Betrieb aufgenommen. Er ist der erste Hochgeschwindigkeitszug für den Nahverkehr in Südafrika. Die Johannesburger Version des Heathrow Express. Medien schwärmten schon zuvor von einem Sprung in die Zukunft. Die Post brachte zu dem Anlass sogar eine eigene Briefmarkenserie heraus.

          Man spürt, dass hier eine Premiere stattfindet

          Ursprünglich war der Gautrain nicht für die Fußball-WM geplant. Er sollte auch erst nach der WM fahrbereit sein. Überraschend teilte das Betreiberkonsortium jedoch vor kurzem mit, dass eine der drei Strecken, vom Hotel- und Bankenzentrum Sandton bis zum Flughafen, noch vor der WM geöffnet werde. Diesen Marketingcoup für den Zug und die Wirtschaftsmetropole wollte man sich nicht entgehen lassen. Auf die beiden anderen Strecken müssen die Passagiere noch bis 2011 warten. Sie werden Johannesburg mit der Hauptstadt Pretoria und dem Flughafen verbinden.

          Die Überraschung war groß: Der erste Zug in Südafrika, der pünktlich kommt

          Dem Bahnhof in Sandton ist anzusehen, dass normalerweise mehr Zeit als bis zur WM nötig gewesen wäre. Die Station ist eigentlich noch eine Baustelle. Mehr Arbeiter in Neonwesten mit Helmen auf dem Kopf laufen herum als Fahrgäste. Auf den Rolltreppen liegt der Baustaub. Hinweisschilder gibt es kaum. Stattdessen haben sich die Betreiber mit einer typisch afrikanischen Lösung beholfen: Hunderte von freundlichen Helfern schwirren umher, um alle paar Meter den Weg zu weisen, ob der Kunde will oder nicht. Man spürt, dass hier eine Premiere stattfindet. Eine schwarze Geschäftsfrau erzählt, dass sie noch nie zuvor in Südafrika mit einem Zug gefahren sei. „In diesem Land in einen Zug einsteigen? Um Himmels willen, dachte ich immer, ich bin doch nicht lebensmüde.“

          Tatsächlich gelten Nahverkehrszüge in Südafrika als Transportmittel, das nur die Armen benutzen. Langsam ruckeln die Gefährte mit hoffnungslos überfüllten Abteilen normalerweise über die Gleise. Wer sich hineinsetzt, ist froh, im Besitz all seiner Habseligkeiten am Ziel anzukommen. Pünktlichkeit ist sowieso ein Fremdwort. Ein weißer Südafrikaner erinnert sich auf dem Bahnsteig, als Schüler viel mit dem Zug gefahren zu sein, aber seitdem nie mehr. Heute fahren die finanziell bessergestellten Südafrikaner mit dem Auto, die Ärmeren nutzen neben den Zügen die halsbrecherisch herumkurvenden privaten Sammeltaxis, mit denen sie schnell überall hinkommen.

          Tatsächlich könnte der Unterschied zwischen dem Gautrain und den alten „Metrorail“-Nahverkehrszügen kaum größer sein. Windschnittig, modern und blitzblank sieht er aus, wie er fast lautlos in den blau angeleuchteten Bahnhof hineinrollt. Mindestens drei Sicherheitsleute stehen in jedem Waggon, ausgerüstet mit Schlagstöcken und schusssicheren Westen. Hunderte Sicherheitskameras wurden installiert.

          Die Gewerkschaften waren empört

          Auch wenn Südafrikas Kommentatoren jetzt voll des Lobes für den Zug sind, ist das Projekt in der Entstehungsphase heftig umstritten gewesen. Der Auftraggeber, die Regierung der Provinz Gauteng, wollte die chronisch verstopften Autobahnen zwischen Johannesburg, Pretoria und dem Flughafen entlasten. Gleichzeitig sollte Touristen der Eindruck einer „afrikanischen Metropole von Weltklasse“ vermittelt werden, als die sich Johannesburg gerne vermarktet.

          Das gefiel vor allem den Gewerkschaften nicht. Sie waren empört, dass der Staat Milliarden in einen Zug für Bessersituierte steckt und der Großteil der Bevölkerung ohne anständigen öffentlichen Nahverkehr auskommen muss. Dass die Kosten über die Jahre hinweg auch noch rasant stiegen, machte das Vorhaben aus ihrer Sicht nicht besser. Eine der ersten Schätzungen 2002 lag bei 700 Millionen Euro. Mitterweile kostet der Gautrain 2,5 Milliarden Euro.

          Pünktlich auf die Minute fährt der Zug ab

          Für die beteiligten Unternehmen ist er eines der wichtigsten Infrastrukturprojekte im südlichen Afrika. Viele der Firmen stammen aus dem Ausland, auch deutsche sind mit von der Partie. Beispielsweise liefert ABB die elektrische Ausrüstung, die Munich Re versichert gegen Sachschäden in einer Höhe von 1,4 Milliarden Euro, und die speziell angefertigte Tunnelbohrmaschine für die unterirdischen Streckenabschnitte stammt aus dem badischen Schwanau. Ein Konsortium, in dem Siemens vertreten war, hatte sich damals auch um den Zuschlag für den Bau beworben, war aber Bombela, einem französisch-kanadisch-südafrikanischen Konsortium, unterlegen.

          Zwölf Minuten dauert die Fahrt von Sandton bis zum Flughafen. Mit dem Auto würde man in Stoßzeiten eine Stunde und mehr benötigen. An der Flughafen-Haltestelle funktioniert auch alles reibungslos - abgesehen davon, dass ein paar Kreditkarten von Reisenden nach Sandton im Automaten stecken bleiben. Pünktlich auf die Minute fährt der Zug ab. „So ein Angebot ist längst überfällig gewesen“, sagt ein Banker aus Kapstadt. Er müsse für Besprechungen am Morgen jetzt nicht mehr einen Tag früher anreisen. Begeistert zeigt sich auch ein Fußballfan aus Mexiko, der zur WM angereist ist. „Das ist alles sehr bequem und schick. So etwas hätte ich in Südafrika nicht erwartet“, meint er und fragt verunsichert: „Aber warum machen all die Leute Fotos von dem Zug?“

          Weitere Themen

          Humanitäre Imagepflege

          Ruanda nimmt Flüchtlinge auf : Humanitäre Imagepflege

          Unter Lob des UN-Flüchtlingshilfswerks nimmt Ruanda 123 Migranten aus Libyen auf, denn dort sollen ihnen Folter und Sklaverei drohen. Was die Flüchtlinge in ruandischen Lagern erwartet, ist jedoch unklar.

          Topmeldungen

          Sogenannte Fußballfans in Bulgarien, einem „der tolerantesten Länder der Welt“?

          Gegen den Hass : Die Strafen müssen weh tun

          Im Fußball hat sich ein Klima entwickelt, in dem sich Rassisten und Nazis ungeniert ausleben. Sanktionen schlugen bislang fehl. Ohne Punktabzüge und Disqualifikationen wird es nicht gehen. Aber selbst das reicht nicht.
          Wer zu den Besten in der Forschung gehören möchte, muss sich den Platz hart erkämpfen. Auch in Deutschland gibt es hierfür inzwischen Graduiertenschulen, die die Promovierenden unterstützen.

          Spitzenforschung : Wo die Promotion zur Selektion wird

          Amerikas Dominanz in der Spitzenforschung hat auch die hiesige Nachwuchsförderung kräftig umgekrempelt. Wer oben mitspielen will, muss an eine Graduiertenschule und sich von dort aus die begehrten Plätze erkämpfen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.