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Ballverliebter Illustrator : „Ich denke an mein Spiel, nicht an Neymar“

Ich zeichne keine bestimmten Spieler. Ich zeichne einen bestimmten Typus. Den Leichtfüßigen. Und den dicken Verteidiger mit den Oberschenkeln, der immer Libero gespielt hat, weil er nicht so beweglich war, aber immer die Freistöße geschossen hat, weil er so einen Bumms hatte. Solche Typen. Das macht Spaß. Den Dribbler, den Strategen.

In der Erinnerung bringt man bestimmte Fußballspieler mit bestimmten körperliche Attributen zusammen. Heute sind alle fit und sehr schnell, höchstens unterschiedlich groß.

Das finde ich sehr schade. Früher haben bestimmte Nationen auch für eine bestimmte Art von Fußball gestanden. Die Italiener haben anders gespielt als die Engländer, und dementsprechend waren es andere Spielertypen. Heute wechseln die Spieler zwischen den Spitzenklubs hin und her, und alle haben einen ähnlichen Stil mit Ballbesitzfußball. Das finde ich ein bisschen schade. Und beim Zuschauen auch ein bisschen langweilig.

Sie haben die WM 1974 angesprochen. 1982 begrüßte das italienische Fernsehen die Leute zum Finale im Stadion, die Mannschaften standen parat, die Hymne spielte, der Kommentator sprach weiter. Die Spieler sangen nicht mit, der italienische Präsident auch nicht und Kanzler Helmut Schmidt auch nicht.

Und es juckte niemanden. Und heute? Das nervt nur, dieses: Wer singt mit? Und warum singt der nicht mit? Kann er sich das denn leisten? Sollte er nicht jetzt besonders inbrünstig mitsingen? Und dann Gündogan und Özil. Die Tatsache, dass es das Treffen gab, aber auch die Tatsache, wie damit umgegangen wird. Da denke ich: Komm, nervt mich nicht mit dem ganzen Theater.

Wann wurde das so aufgeladen?

Ich bin so aufgewachsen, dass ich als Jugendlicher schon irgendwie peinlich berührt war, wenn ein Deutscher die Nationalhymne mitgesungen hat. Da dachte ich: Das macht man doch nicht. Wahrscheinlich hat sich das 2006 geändert, als diese WM zu Hause so was von gefeiert wurde.

Wie haben Sie die erlebt?

Ja, großartig. Unser Sohn war geboren, wir waren im siebten Himmel, die Engländer standen auf der Brücke in Frankfurt und sprangen in den Main. Es war einfach toll. Ich habe es auch nicht als aggressiv und unangenehm empfunden.

Die überwiegende Mehrzahl der Leute hat diese Erinnerungen an gute Laune und Sonnenschein. Trotzdem wirkt heute alles wieder . . .

. . . verkrampfter, ja. Das ging schon beim ersten Spiel los. Ich lese: Jogi, das war ein WM-Boykott! Und dann hat man sowieso gewusst, dass Özil und Gündogan nicht hätten spielen dürfen! Und so ein Quatsch.

Wie war es 1978 bei der Niederlage gegen Österreich?

Das war schlimm für mich als Kind. Verlieren muss man auf jeden Fall auch erst mal lernen. Deutschland war doch Weltmeister. Für mich war klar: Wenn sie nicht Weltmeister werden, werden sie ja wohl Österreich schlagen. Und dann waren sie draußen, und es war irgendwie bitter. Ein Schock!

Also müssen Sie Verständnis haben für die Kinder in Deutschland, die jetzt konsterniert sind: Der Weltmeister ist raus? Warum denn das?

Die Kinder dürfen das. Die Erwachsenen auch, ist ja okay. Die dürfen sich ärgern und schimpfen. Aber dieses Alles-oder-ichts, diese Einstellung „alles katastrophal“, das ist verkrampft. Ich kann mich an die WM 2010 erinnern, die erste mit Müller und Özil und ohne Ballack. Und man wusste nicht, was passieren würde. Das war großartig. Das erste Spiel gegen Australien, vier zu null, Müller hat gespielt, als würde er im Grüneburgpark spielen, wie mit seinen Kumpeln, mit einer Leichtigkeit. Und Özil hat gezaubert, das war einfach Freude. Da war ich begeistert. Aber das lässt sich nicht immer wiederholen. Das war die Unbekümmertheit der jungen Spieler, die nun fehlt.

Zur Person: Philip Waechter, 1968 in Frankfurt geboren, ist der Sohn des Zeichners F. K. Waechter. Sein Studium mit dem Schwerpunkt Illustration beendete er mit der Diplomarbeit „Heimspiel“, die den Geburtstag eines fußballvernarrten Jungen darstellt und 1998 im Ellermann-Verlag als Buch erschien. Waechter arbeitet in Frankfurt in der Ateliergemeinschaft Labor und hat zahlreiche Bücher illustriert. Am 20. August erscheint in der Verlagsgruppe Beltz sein neuestes Buch „Toni. Und alles nur wegen Renato Flash“, aus dem die Illustrationen auf dieser Seite stammen. (chwb.)

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