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Holland trifft auf Spanien : Van Gaal ist bereit zur Todsünde

Abschied nach der WM: Trainer van Gaal geht nach Manchester Bild: dpa

Louis van Gaal hat das System umgestellt. Es ist ein Angriff auf das niederländische Fußball-Dogma. Das Duell mit Spanien (21.00 Uhr) wird eine heikle WM-Premiere für den Bondscoach.

          Er ist ein ungewöhnlicher WM-Debütant. 62 Jahre alt. Und genau wissend, dass dieser Anfang auch schon wieder das Ende ist. Schon als Trainer des FC Bayern München sprach Louis van Gaal von der offenen Rechnung, vom Ziel, einmal wenigstens in seiner Karriere an einer WM teilzunehmen. Denn seit der „Bondscoach“ van Gaal in der Qualifikation für die WM 2002 hinter Portugal und Irland blamabel gescheitert war, blieb diese kurze Tätigkeit mit dem Nationalteam der Niederlande der hässliche Fleck auf der Weste des Erfolgstrainers.

          Christian Eichler

          Sportkorrespondent in München.

          Die Chance zur Revanche kam ein Jahr nach seiner Entlassung in München. Nach dem Vorrunden-Aus bei der EM 2012 wurde er Nachfolger von Bert van Marwijk. „Auf diese Herausforderung habe ich gewartet“, sagte van Gaal. Er verjüngte das Team, sortierte die Defensive neu, in der nun keiner mehr aus dem WM-Finale 2010 steht, schaffte die Qualifikation ohne Niederlage.

          Im WM-Finale 2014 hatte Arjen Robben das 1:0 auf dem Fuß und vergab

          Nun aber geht es gleich im ersten WM-Spiel seiner Karriere, gegen Spanien, ums Ganze - nicht nur ums Überstehen dieser „Todesgruppe“, in der auch „Geheimfavorit“ Chile spielt, sondern auch darum, ein vielleicht endgültig tödliches Achtelfinale gegen Gastgeber Brasilien zu vermeiden. Das blüht, wenn man Gruppenzweiter wird.

          Eine heikle WM-Premiere also für van Gaal - vor dem schwierigsten Premierenpublikum des großen Fußball-Theaters, den ästhetisch verwöhnten Niederländern. So gibt es schon vor der Uraufführung hitzige Diskussionen über van Gaals Interpretation. Eine Systemdiskussion, ein holländisches Hobby.

          „Es ist eine Todsünde“

          Von der spielerischen Dürftigkeit des Ensembles getrieben, kehrte van Gaal kurz vor der WM vom traditionellen 4-3-3 ab und setzte auf ein defensiv tiefer und breiter gestaffeltes 5-3-2. Es hagelte sofort Kritik von Kollegen wie Ronald Koeman, Libero der Europameister-Elf von 1988, oder Arie Haan, Mitglied des legendären Teams, das 1974 WM-Zweiter wurde und mit 4-3-3 und „Total Voetbal“ das niederländische Fußball-Dogma begründete.

          Haan fordert von van Gaal die Rückkehr zum 4-3-3, um „unsere Identität zu behalten. Der niederländische Fußball ist seit 1974 für seine offensive Ausrichtung bekannt, und es ist eine Todsünde, dass dies 40 Jahre später zum Fenster rausgeworfen wird.“ Kritik auf breiter Front gab es auch in den Medien - und darauf Medienkritik vom Verbandschef.

          Auf Robin van Persie setzt der Bondscoach ganz besonders

          Beim 1:0 gegen Ghana und beim 2:0 gegen Wales sahen die Niederländer mit der neuen Staffelung zuletzt nicht gut aus. Sie ist aber wohl auch mehr darauf ausgerichtet, stärkeren Teams wie Spanien keinen Raum zu geben, als schwächere zu dominieren. Der spanische Mittelfeldspieler Sergio Busquets warnt seine Kollegen vor dem neuen niederländischen System „mit fünf Verteidigern und darauf vertrauend, dass sie ihre Gegner mit Kontern tödlich treffen“.

          So ist es wohl gedacht. „Das ist ein System“, sagt van Gaal, „das die Stärken meiner Spieler zur Geltung bringt.“ Oder zumindest ihre Schwächen besser kaschiert. Die aktuelle Oranje-Elf ist die mittelmäßigste seit Jahrzehnten, abgesehen von den Offensiv-Altstars Arjen Robben und Robin van Persie (der am Dienstag beim Spazieren am Strand von Rio mit einem Kite-Surfer kollidierte, aber mit kleinen Schrammen davonkam).

          „Es war sehr enttäuschend“

          Eine ungewohnt lange Abfolge von schwachen Talent-Jahrgängen lässt van Gaals Mannschaft als ein Team ohne Mittelbau dastehen, ohne Topspieler im Alter zwischen 22 und 28 Jahren. Der Einzige, auf den das zuträfe, der Mittelfeld-Antreiber Kevin Strootman von AS Rom, erlitt im Frühjahr einen Kreuzbandriss. Für van Gaal war es der Auslöser für den Wechsel zum 5-3-2.

          Auch 2010 hatte das Spiel gegen Spanien das Selbstverständnis des holländischen Fußballs erschüttert. Zwar ließ van Marwijk 4-3-3 spielen, aber nicht mit einer kreativen, sondern einer destruktiven Ausrichtung. Frank de Boer, van Marwijks Assistent, erklärte in der offiziellen Final-Dokumentation „Game 64“: „Wir hatten nicht geplant, so physisch zu spielen. Es war sehr enttäuschend.“

          Harte Bandagen 2010: Nigel de Jong trifft Xabi Alonso

          Sinnbild für die blindwütige Brutalität wurde Nigel de Jongs Tritt in den Brustkorb von Xabi Alonso. De Jong, danach wegen zwei weiterer brutaler Fouls, bei denen er zwei Beine brach, aus dem Nationalteam geworfen, spielt dort längst wieder eine zentrale Rolle. Rechtzeitig vor dem WM-Auftakt erklärte er nun, sein schlechter Ruf interessiere ihn „kein bisschen“. Er fühle sich nicht zu einer Entschuldigung für seine Spielweise berufen.

          Auch für Arjen Robben blieb das WM-Finale 2010 mit einer bestimmten Szene verbunden - einer, die ihn „immer noch heimsucht“. Aus der vergebenen großen Siegchance allein vor Spaniens Torhüter Iker Casillas ist „ein Film in meinem Kopf geworden. Einer, der sich immer und immer wieder abspielt.“ Was Robben aber nicht beim Spielen stört. Er zeigte bei den Bayern die wohl beste Saison seiner Karriere. Sportvorstand Matthias Sammer stellte ihn auf eine Stufe „mit Messi, Neymar oder Ronaldo“.

          Der Debütant van Gaal sagt unterdessen schon wieder adieu. Er wechselt nach der WM zu Manchester United. Warum? „Weil es mich nach zwei Jahren langweilt, Nationaltrainer zu sein.“

          Holland, der Fluch der Weltmeister

          Keiner war so oft so nah dran: dreimal WM-Zweiter. Und nie waren sie Weltmeister, die Niederländer. Aber eins sind sie: die größten Weltmeisterbesieger. Seit 45 Jahren, seit sie 1969 England 0:1 unterlagen, haben sie nicht mehr gegen einen aktuellen Weltmeister verloren. An diesem Freitag werden sie versuchen, diese Serie in ihrem ersten Vorrundenspiel in Brasilien in der Neuauflage des letzten WM-Finales gegen Spanien fortzusetzen.

          Es ist eine Tradition, die bis in die frühen Siebziger zurückgeht. Bei der WM 1974 entthronten Cruyff & Co. Titelverteidiger Brasilien mit 2:0. 1975 und 1978 spielten die Holländer zweimal remis gegen Deutschland, ebenso 1979 gegen Argentinien. Sie schlugen bei der EM 1992 Deutschland 3:1, spielten 1996 und 1998 unentschieden gegen Brasilien, schlugen 2000 bei der EM Frankreich 3:2.

          Bei der EM 2008 erteilten sie den Italienern eine 3:0-Abfuhr und spielten ein Jahr später 0:0 gegen sie. Zehn Spiele in vierzig Jahren gegen den Weltmeister - vier Siege, sechs Remis, nie verloren. Schade für Holland, dass der Titel nicht wie im Boxen durch Herausforderung des Titelverteidigers vergeben wird. Dann wären sie längst mal Weltmeister geworden. (cei.)

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