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Futevôlei in Rio : Die Ballzauberer von Ipanema

  • -Aktualisiert am

Alles außer Arme und Hände: Beim Futevôlei zählen Akrobatik, Ballgefühl und Kampfkraft Bild: AFP

Futevôlei, eine Mischung aus Fußball und Volleyball, ist an den Stränden von Rio eine Attraktion und ein Spiel für Spezialisten. Gegen sie haben auch Weltstars keine Chance.

          3 Min.

          Es ist einer der spektakulärsten Tricks, mit dem Leonardo den Spielzug abschließt. Ein Shark Attack - der Hai-Angriff. Cooler geht es nicht. Der Sand spritzt auf. Leonardo hebt mit einem gewaltigen Satz ab, liegt waagerecht in der Luft und drückt den Ball mit einer pfeilschnellen Streckbewegung seines rechten Beines und der Fußsohle übers Netz. Punkt. Großes Gejohle bei denen, die am Feld stehen und an diesem Vormittag beim Futevôlei zuschauen.

          Michael Ashelm

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Hier am „Posto 9“ des Strandes gehören Leonardo und seine Kumpels zu den Stars. Sie sind die Ballzauberer von Ipanema. „Ich würde 10.000 Dollar gegen jeden WM-Star wetten, dass er gegen uns verliert“, sagt Marcelo. Neulich habe Altmeister Ronaldo vorbeigeschaut, der um die Ecke in Leblon wohnt - keine Chance. Brasiliens großer Stürmer, Repräsentant des WM-Organisationskomitees, habe schon nach wenigen Spielzügen ziemlich geprustet.

          Als die Tage für eine Sponsorenveranstaltung die früheren Fußballstars Fabio Cannavaro, Patrick Vieira und Glenn Hoddle an den Strand gekarrt wurden, um sich dort vor Kameras an dem für sie ungewohnten Sport zu versuchen, machten sie sich komplett lächerlich. Sie sahen aus wie unbeholfene Anfänger. Eine Fernsehstation übertrug den Klamauk. Futevôlei ist nicht nur Akrobatik, Supertechnik und tolles Ballgefühl. „Es sieht nach Zauberei aus, aber ist auch ein unheimlich harter Sport. Wer keine herausragende Fitness hat, geht hier im tiefen Sand unter“, sagt Leonardo. „Ich gehe noch jeden Tag joggen, surfe und mache Krafttraining.“

          Futevôlei ist etwas für Spezialisten. Es ist eine Mischung aus Fußball und Volleyball. Gespielt wird in Zweierteams gegeneinander über ein 2,20 Meter hohes Netz. Jede Seite ist neun mal neun Meter groß. Alles ist erlaubt, nur Arme und Hände dürfen nicht eingesetzt werden. Nach maximal drei abwechselnden Berührungen der beiden Spieler einer Mannschaft muss der Ball in die gegnerische Hälfte gespielt werden.

          Akrobaten im Sand: Marcelo (links) und Leonardo

          Meist passiert das per Kopfball, kurzem Schulterlupfer und einem Kick mit dem Fuß. Gespielt wird meistens ein Satz nach Tiebreak-Zählweise bis 18 Punkte. Wer beginnt, schießt den Ball von einem kleinen, aufgehäuften Sandhügel übers Netz zum Gegner. Die hohe Kunst sind spektakuläre Fallrückzieher oder eben der Hai-Angriff. Wer ihn beherrscht, gehört zu den Besten. Es wird gekämpft, getrickst, aber auch vor Wut über eigene Fehler gebrüllt.

          Die Bühne der Sand-Akrobaten sind die beliebtesten Strände von Rio de Janeiro - Copacabana, Barra da Tijuca oder Ipanema. Der Komponist Antônio Carlos Jobim hat diesen Flecken der Stadt berühmt gemacht. Sein Bossa-Nova-Klassiker „Girl from Ipanema“ mit dem melancholischen Text des Dichters Vinícius de Moraes ist weltbekannt. Der Stadtteil gehört zu den vornehmsten in Rio de Janeiro. Am Strand tummeln sich brasilianische Telenovela-Stars, Bikini-Models, gestählte Fitness-Süchtige, Surfer, Sonnenhungrige, die gutsituierte Jeunesse dorée, aber auch die Jungs aus den ärmlichen Favelas an den Hängen der Granitfelsen zwischen Ipanema und Copacabana.

          Ehemalige Fußballstars wie Christian Vieri machten meist nicht die beste Figur

          „Hier bei uns herrscht Demokratie. Es zählt nicht, woher du kommst, sondern nur, ob du das Spiel beherrschst oder nicht“, sagt Marcelo. Er ist Rechtsanwalt. Sein Partner Leonardo hat viele Jahre in der zweiten brasilianischen Fußballliga gespielt und seinen Verdienst in drei Appartements der Wohntürme am Strandboulevard von Ipanema angelegt. Er muss nicht mehr arbeiten, sondern seine Einkünfte nur noch verwalten, was seiner Futevôlei-Leidenschaft entgegenkommt.

          Treffpunkt ist immer „Posto 9“. Es ist ungefähr die Mitte. Je höher die Nummer des Strandabschnitts, desto exklusiver wird das Publikum in Richtung des noch nobleren Stadtteils Leblon. Marcelo und Leonardo spielen gegen Manager, Richter, Polizisten, Taxifahrer, Straßenhändler, Verkäufer, Arbeitslose. Die brasilianische Strandkultur führt Menschen zusammen - und bei Sonnenuntergang auch wieder auseinander.

          Die Niederländer wohnten unweit vom Ipanema-Strand und schauten mal vorbei

          Der Sport entstand im Rio de Janeiro der fünfziger und sechziger Jahre. Weil die städtischen Behörden das Fußballspiel damals an den überfüllten Stränden untersagten, um die Menschen vor den umherfliegenden Lederbällen zu schützen, wichen die Spieler auf die Volleyballfelder am Strand aus und erfanden einen neuen Sport. Der frühere brasilianische Nationalspieler Octavio de Moraes galt als Pionier - genannt Tatá.

          Inzwischen gibt es Profis, eine internationale Tour über verschiedene Kontinente und Spieler, die sich medienwirksam „Monster“, „Black Mamba“ oder „The Rock“ nennen. Leonardo und Marcelo verdienen mit dem Sport kein Geld, aber sie sind Fanatiker. Jedes Spiel wird mit bitterem Ernst betrieben. Die Brasilianer mögen den Wettkampf, die Härte und dauernde Rivalität. Nicht selten wird am Strand nach umstrittenen Bällen mit deftigen Schimpfwörtern gestritten. Das trennende Netz bewahrt wenigstens vor bösen Fouls. „Nach dem Spiel vertragen wir uns wieder“, sagt Marcelo.

          Und schon geht es los: Benötigt wird nur ein Ball und ein Netz

          Futevôlei ist ein Sport für Machos. Schöne Spielzüge werden zelebriert, gefeiert. Die Duelle haben etwas von Hahnenkämpfen. Die Körper der Spieler sind austrainiert, muskulös, meist auch tätowiert. Hier gibt jeder dem anderen das Gefühl, dass er der Bessere und Stärkere ist. „Ein bisschen Posen gehört dazu“, sagt Leonardo und grinst. „So ist unser Leben hier am Strand.“

          Dann springt er in die Welle, wäscht den Sand ab und geht mit dem Ball unter dem Arm nach Hause. Die anderen stehen noch im Sand an einer der „Barracas“ und kaufen sich kalte Wasserflaschen. Das WM-Spiel, das über den Bildschirm an der Strandbude flimmert, interessiert die Futevôlei-Kicker von Ipanema nur am Rande.

          Wer nicht schwimmen oder sich sonnen will, ist beim Futevôlei gut aufgehoben

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