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Auftaktniederlage gegen Brasilien : Wütende Kroaten wähnen sich im Zirkus

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Elfmeter oder nicht? Brasiliens Fred geht im Zweikampf mit Kroatiens Dejan Lovren zu Boden. Bild: AP

Keine Rote Karte, kein Ausgleichstreffer und ein Elfmeter, der keiner war. Nach kroatischer Lesart war der 3:1-Auftaktsieg der Brasilianer der WM vom Schiedsrichter beeinflusst. Brasiliens Trainer Scolari beurteilt alles ganz anders.

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          Kroatiens Trainer sprach Klartext: „Wenn wir so weitermachen, dann haben wir einen Zirkus“, klagte Nico Kovac nach der bitteren 1:3-Niederlage im Eröffnungsspiel gegen Gastgeber Brasilien. Die Szene, um die sich alles drehte, erhitzte noch weit nach dem Schlusspfiff des japanischen Schiedsrichters Yuichi Nishimura die Gemüter. Fluminense-Stürmer Fred ließ sich Mitte des zweiten Durchgangs im Strafraum fallen, Nishimura pfiff und rettete so den Start der bis dato nicht wirklich überzeugenden Gastgeber.

          Neymars Elfmetertor (71.) kam zur rechten Zeit. Angesichts ungewöhnlicher Stockfehler und fehlender Ideen in der Kreativzentrale hatten die brasilianischen Fans schon begonnen, ihre Lieblinge mit den ersten Pfiffen zu bedenken. Brasiliens Spiel stockte, doch der umstrittene Elfmeter löste die Blockade.

          Überhaupt hatte der asiatische Schiedsrichter nur wenig Fortune mit seinen Entscheidungen, die am Ende stets die Hausherren im Vorteil sahen. Nach dem Doppeltorschütze Neymar im ersten Durchgang seinen Arm recht schmerzhaft ins Gesicht von Luka Modric stieß, forderten einige kroatische Spieler mehr als nur die Gelbe Karte für den Sünder. Doch Nishimura ließ den brasilianischen Hoffnungsträger weiter in der Partie. Dass ausgerechnet der Barca-Star dann mit zwei Treffern das Spiel entschied, sorgte noch am Abend im Lager der kroatischen Fans für erste Verschwörungstheorien.

          Auch der vermeintliche Ausgleichstreffer, den die Kroaten kurz vor Schluss (84.) erzielten, fiel in die Kategorie umstritten, meinten zumindest aufgebrachte kroatische Journalisten. Keine Rote Karte, kein Ausgleichstreffer und ein Elfmeter der keiner war. Nach kroatischer Lesart war es ein vom Schiedsrichter beeinflusstes Spiel oder wie die argentinische Sporttageszeitung in Richtung Erzrivalen bitterböse kommentierte: „Ein geraubter Auftakt.“

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          Kovac kritisierte den Unparteiischen scharf: „Wenn irgendjemand hier Elfmeter gesehen hat, dann soll er den Arm heben“, fragte Kovac ironisch und gab sich selbst eine süffisante Antwort: „Ich sehe niemanden.“ Der Elfmeter sei lächerlich, klagte Kovac. Sein brasilianischer Kollege Luiz Felipe Scolari sah das ganz anders: „Tausende haben keinen Elfmeter gesehen. Ich habe einen Elfmeter gesehen. Der Schiedsrichter hat einen Elfmeter gesehen. Der Schiedsrichter entscheidet.“ Ende der Diskussion.

          Scolari hat ohnehin andere Sorgen: Einige seiner hochgelobten Stars, allen voran Barca-Star Dani Alves, hatten so ihre Probleme, ins Spiel zu finden. Beim 0:1 (11.) nach dem Flankenlauf von Ivica Olica war die brasilianische Hintermannschaft völlig indisponiert. Scolari hatte das Unheil kommen sehen, versuchte Alves noch mit hektischen Gesten von Spielfeldrand auf seine Position zu beordern, doch da zappelte der Ball schon im Netz. Abwehrspieler Marcelo hatte die Kugel unglücklich ins eigene Tor gelenkt.

          Weil der starke Oscar wenig später im Mittelfeld den vielleicht spielentscheidenden Zweikampf gewann und sofort auf Neymar (29.) passte, konnte der Hoffnungsträger gleich zu Turnierbeginn das erhoffte Erfolgserlebnis sammeln. Nach Freds fragwürdigem Fall im Strafraum behielt Neymar (71.) mit ein bisschen Glück die Nerven: Das reichte, um anschließend mit der Trophäe als „Spieler des Spiels“ durch die Mixed-Zone zu marschieren.

          Der Torschütze des finalen Treffers zum 3:1 (90.) hätte diese Auszeichnung auch verdient gehabt, doch Oscar ist trotz seines preisverdächtigen Namens eben nicht Neymar. Den Fans in Sao Paulo war es egal. Sie veranstalteten nach jedem Treffer ihrer Lieblinge ein lautstarkes Feuerwerk in der Stadt, dass durch die offenen Stadiondächer nicht zu übersehen und zu überhören war.

          Angesichts der Bilder von umstrittenen Szenen hatte Brasiliens Pressesprecher Rodrigo Pavia seinen Kickern offenbar noch in der Kabine geraten, sich verbal zurückzuhalten. Dafür opferte sich Scolari, der sich bewusst vor seine Spieler stellte und so die Kritik auf sich zog.

          Das große Spektakel, dass die rund 62.103 Zuschauer erwartet hatten, war es zum Auftakt noch nicht. Gegen Gegner mit mehr Entschlossenheit im Angriff und bei einem Schiedsrichter, der sich nicht von einer solchen Atmosphäre beeindrucken lässt, könnte es sehr schnell knapp werden für den WM-Favoriten. Das dürfte die Konkurrenz erleichtert zur Kenntnis genommen haben.

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