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1:0 gegen Frankreich : Ein schaler Sieg für Tunesien

  • -Aktualisiert am

Tunesiens Ellyes Skhiri im Zweikampf mit dem Franzosen Eduardo Camavinga Bild: AFP

Die „Adler von Karthago“ schlagen den Weltmeister – und stehen letztlich doch mit leeren Händen da. Weil Australien im Parallelspiel gewinnt, zerplatzt der Traum vom Achtelfinale für die Tunesier.

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          Eine seltsame Mischung gegensätzlicher Gefühle erfüllte das Education City-Stadion am Stadtrand von Doha, als der Abpfiff ertönte und eine kleine Sensation geschehen war. Tunesien hatte tatsächlich mit 1:0 (0:0) gegen den Weltmeister Frankreich gewonnen, die Menschen auf den mehrheitlich mit Anhängern des Außenseiters besetzten Rängen jubelten, genau wie einige Spieler auf dem Platz. Andere jedoch sanken zu Boden, denn ausgeschieden ist Tunesien trotz dieses Erfolges gegen den Giganten aus Europa, der jedoch alles andere als gigantisch gespielt hatte.

          Fußball-WM 2022

          „Das ist ein historischer Sieg“, sagte Trainer Jalel Kadri und Torschütze Wahbi Khazri erklärte: „Ich bin sehr froh, wir haben sehr gut gespielt. Aber es gibt auch Enttäuschung, weil wir uns nicht für die nächste Runde qualifiziert haben.“

          Hätte Australien zeitgleich gegen die bei diesem Turnier insgesamt sehr enttäuschenden Dänen unentschieden gespielt, hätte den Nordafrikanern dieser Sieg tatsächlich für den Einzug in die K.o.-Phase des Turniers gereicht, aber diesen Gefallen taten ihnen die beiden anderen Nationen aus der Gruppe nicht. Und im Sinne eines fairen Wettbewerbs war das vielleicht auch gut so. Denn die Franzosen hatten Tunesien jede Menge Unterstützung zukommen lassen.

          Fast alle Topstars des Weltmeisters saßen auf der Bank, nur noch Raphaël Varane und Aurélien Tchouaméni waren aus der Startelf übrig, mit der Frankreich am vergangenen Samstag vorzeitig ins Achtelfinale eingezogen war, er habe seine wichtigsten Akteure „nach zwei intensiven Spielen“ schonen wollen, sagte Frankreichs Trainer Didier Deschamps und erklärte in Anspielung auf die langen Nachspielzeiten: „Wir sprechen hier ja nicht nicht über 90-Minuten-Spiele, wir sprechen über Spiele, die 105 Minuten lang dauern.“

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          Dennoch lag ein Hauch von Wettbewerbsverzerrung über dieser Partie, weil Tunesien gegen eine völlig andere französische Mannschaft spielten durfte, als die Dänen und die Australier in den Partien zuvor. „Sie waren nicht gewohnt, mit einander zu spielen“, räumte auch Deschamps ein, „wir waren zu zurückhaltend, da waren technische Fehler, aber die Tunesier waren auch sehr stark.“

          Das mag aus Deschamps Sicht sinnvoll erscheinen, weil die Spieler nach anstrengenden Wochen mit ihren Klubs nach Qatar gereist kamen, und vermutlich Erholung gebrauchen können. Zugleich birgt dieses Vorgehen aber auch ein Risiko. Es gibt dieses berühmte Beispiel der Niederländer von der Europameisterschaft 2008, die das Publikum zwei Partien lang verzaubert hatten, bevor Trainer Marco van Basten ebenfalls mit neun Wechseln im dritten Gruppenspiel und ähnlichen Argumenten wie Deschamps den zuvor entstandenen Flow seines Teams abwürgte, wofür er später hart kritisiert wurde. Deschamp erhofft sich von seiner radikalen Maßnahme jedoch auch einen Entwicklungsschub. „Es sollte eine Lehrstunde für diese Spieler sein, wir wollten ihnen Spielzeit geben. Außerdem wollten wir verhindern, dass sich jemand verletzt oder eine gelbe Karte bekommt.“

          Also spielte Frankreich mit einer B-Elf, beispielsweise gehörte Randal Kolo Muani von Eintracht Frankfurt zum ersten Mal in einem Länderspiel jener Mannschaft an, die beim Anpfiff auf den Rasen stand. Neben vielen anderen Leuten, die kaum auf weitere Startelfnominierungen hoffen können. Das trug viel dazu bei, dass die Tunesier nicht nur leidenschaftlicher, sondern auch fußballerisch fast ebenbürtig waren.

          Und so kam der Treffer des Tages nach knapp einer Stunde nicht ganz überraschend. Khazri hatte 25 Meter vor dem Tor zu viel Platz, konnte beinahe ungestört mit Ball in den Strafraum hineinlaufen und traf zum 1:0. Nun waren die Tunesier tatsächlich für einige süße Minuten Tabellenzweiter, bis kurz darauf im Parallelspiel Australien das Tor gegen Dänemark gelang, das den Tunesiern den Einzug ins Achtelfinale unmöglich machte.

          Am Ende wechselte Deschamps nach und nach doch seine Topspieler ein, Mbappé, Rabiot, etwas später noch Griezmann und Dembéle aber so richtig in Fahrt kam die Équipe Tricolore nie. Griezmann traf zwar noch tief in der Nachspielzeit (90.+8), aber der Treffer wurde aufgrund einer Abseitsstellung annulliert, so dass den Tunesiern nach dem WM-Aus zumindest der Trost des Sieges blieb.

          Artistisch: Ein Flitzer läuft während der WM-Partie zwischen Frankreich und Tunesien mit einer Palästina-Fahne aufs Feld.
          Artistisch: Ein Flitzer läuft während der WM-Partie zwischen Frankreich und Tunesien mit einer Palästina-Fahne aufs Feld. : Bild: AP

          Während des Spiels verschaffte sich zudem ein Flitzer Zutritt zum Spielfeld verschafft und die Sicherheitskräfte genarrt. Der Mann kam am Mittwoch in al-Rajjan mit einer Palästina-Flagge aufs Spielfeld und schlug noch einen Flickflack, bevor ihn die Sicherheitskräfte unsanft entfernten. Die tunesischen Fans riefen daraufhin lautstark „Palästina, Palästina“. 

          Erst vor zwei Tagen war beim Spiel Portugal gegen Uruguay ein Flitzer aufs Spielfeld gelangt. Der Mann, der in der zweiten Halbzeit des Gruppenspiels in Doha den Rasen stürmte, hatte eine Regenbogenfahne in der Hand gehalten. Auf der Vorderseite seines Superman-T-Shirts stand „Save Ukraine“, auf der Rückseite „Respect for Iranian Woman“. 

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