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Fußball-WM-Tipprunden : Zu viel Fachwissen schadet nur

Fußball-WM in Brasilien: Wer gewinnt den Pokal? Bild: dpa

Kein großes Turnier ohne Tipprunden im Bekannten- und Kollegenkreis. Und oft die erstaunliche Erkenntnis, dass vermeintliche Laien gewinnen. Warum eigentlich?

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          Zur gewissenhaften WM-Vorbereitung selbsternannter und wirklicher Fußball-Experten gehört das konzentrierte Studieren der diversen Sonderhefte, die rechtzeitig vor Kick-Off auf den Markt geworfen werden, sowie das analytische Betrachten von Kader-Zusammensetzungen und Verletztenlisten aller Teams. Das gesammelte Faktenwissen wird dann in Relation gesetzt mit dem Saisonverlauf der Vereinsmannschaften der vermeintlichen Schlüsselspieler und und den Ergebnissen abschließender Testspiele unter Wettbewerbscharakter.

          Achim Dreis
          Sportredakteur.

          Zusätzliche im Hinterkopf abgelegte Statistiken über das Abschneiden bei vorangegangenen Turnieren sowie das angebliche Wissen über Angstgegner und mittlere Ortstemperaturen fließen ebenfalls ein - und dann, aber wirklich erst dann, wird der WM-Tipp im Freundes- und Kollegenkreis unter heftigem Stirnrunzeln und dem Murmeln gut abgehangener Fußball-Weisheiten eingetragen. Freilich mit der herausposaunten Gewissheit 90-prozentiger Treffsicherheit.

          Wenn dann aber am Ende des Turniers abgerechnet wird, schließt sich oft ungläubiges Staunen darüber an, was während der wochenlangen Vorrunde schon erahnt, aber nicht wahrgehabt werden wollte: Den Jackpot der Tipprunde hat wieder irgendein Unwissender gewonnen, der sich auch noch damit rühmt, eigentlich keine Ahnung zu haben - oder am besten noch seine Frau.

          Warum das so ist, haben nun Ökonomen der Privatbank Berenberg ermittelt, die sich dabei auf Erkenntnisse des Nobelpreisträgers für Wirtschaftswissenschaften, Daniel Kahnemann, stützen. Kahnemann, eigentlich Psychologe, unterscheidet zwischen „schnellem Denken“ und „langsamem Denken“.

          Experten neigen dazu, sich beweisen zu wollen

          Beim schnellen Denken werden Informationen nach einfachen, aber effizienten Heuristiken bewertet. Die Kunst dabei ist, mit begrenztem Wissen in kurzer Zeit zu guten Lösungen zu kommen. Der simple Gedanke, dass Brasilien eine große Fußballnation ist und sich Heimvorteil in der Regel positiv auswirkt, nutzen Laien somit bei Tippspielen zu einfachen, aber oft treffsicheren Vorhersagen.

          Experten wollen sich dagegen auch als solche beweisen, und neigen dazu, ihren tatsächlich vorhandenen Wissensvorsprung überzuinterpretieren. Sie glauben, das von ihnen erkannte schwache Abwehrverhalten des allgemein favorisierten Teams bei Kontersituationen über die rechte Seite oder die fehlende Strafraumbeherrschung des Ersatztorwarts könne zu von der Masse nicht vorhersehbaren Überraschungen führen. Sie tippen deshalb gewagte Außenseiter-Siege, auch um sich von den Unwissenden abzugrenzen - und müssen sich dann nicht wundern, dass der Jackpot wieder einmal an ihnen vorbei zieht.

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