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Trainer von Saudi-Arabien : Hervé Renard ist der Spezialist für Außenseiter

  • -Aktualisiert am

„Fußball ist magisch“, sagt Hervé Renard. Er hat es selbst erlebt. Bild: AFP

Er war Gebäudereiniger und wurde als Trainer Sambias zum Helden einer ganzen Nation. Nun arbeitet Hervé Renard mit Saudi-Arabien an der Fortschreibung seines ganz persönlichen Märchens.

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          Etwas mehr als zehn Jahre ist es her, da formulierte Hervé Renard ein paar Sätze, die aus heutiger Sicht wie ein Ausblick auf eine großartige Zukunft erscheinen. Am Vorabend jenes Tages, an dem Renard zum Volkshelden Sambias wird, wirft der heutige Trainer der Nationalmannschaft Saudi-Arabiens den Blick noch einmal zurück. „Acht Jahre lang habe ich den Müll rausgetragen“, sagt er, weil in jenem Moment klar wird, dass sein Leben eine geradezu märchenhafte Wendung genommen hat: vom Gebäudereiniger zum Helden eines ganzen Landes.

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          „Nie werde ich diese Zeit vergessen, als ich jeden Morgen um drei aufstehen musste, um arbeiten zu gehen“, sagt Renard, bevor er 2012 mit dem krassen Außenseiter tatsächlich Afrika-Cup Sieger wird – „Fußball ist magisch“. Der Erfolg der Sambier ist seinerzeit ungefähr so wahrscheinlich wie ein deutscher Meistertitel für den FC Augsburg, aber Renard ist ein Glücksritter. Ein Mann, der irgendwie vom normalen Lebensweg abgekommen ist, um zum Protagonisten eines Märchens zu werden.

          Inzwischen ist der 54 Jahre alte Franzose Chefcoach des WM-Teilnehmers Saudi-Arabien, der am Samstag die unverhoffte Chance hat, schon nach dem zweiten Spiel gegen Polen (14.00 Uhr MEZ im F.A.Z.-Liveticker zur Fußball-WM, in der ARD und bei MagentaTV) ins Achtelfinale einzuziehen. Als Renard am vergangenen Dienstag durch den 2:1-Sieg seiner Saudis gegen Argentinien weite Teile der arabischen Welt glücklich macht, spricht er von „Sternen“, die auf der Seite seines Teams gestanden hätten.

          Unspektakulärer Beginn

          Er fühle sich ganz „leicht“, sagt er, und die Herrscherfamilie um den Kronprinzen Mohammad Bin Salman in Riad beschenkt das Volk mit einem Nationalfeiertag. Wieder einmal hat Renard seinen Ruf als Spezialist für filmreife Außenseitersiege untermauert.

          Dabei hat das Fußballerleben des 54 Jahre alten Franzosen, der gerne weiße Hemden mit weit geöffneter Knopfleiste trägt, eigentlich ziemlich unspektakulär begonnen. Als Spieler fehlt ihm Talent, in der Jugendakademie der AS Cannes wird schnell klar, dass andere begabter sind. Es reicht nur für eine Karriere auf bescheidenem Niveau bei der AS Cannes, bei Stade Vallauris und dem SC Draguignan.

          Nur ein einziges Spiel in Frankreichs höchster Spielklasse League 1 absolviert Renard. Am Karriereende ist er weder ein reicher Mann noch hatte er einen richtig guten Zukunftsplan und putzt erstmal mehrere Jahre als Gebäudereiniger Büros. Fußball ist nur noch ein Hobby, in seiner Freizeit coacht er den unterklassigen SD Draguignan, bis er 2004 dem Fußball-Weltenbummler Claude Le Roy begegnet, dessen Assistent er bei Cambridge United in der vierten englischen Liga wird.

          Die wilde Reise beginnt

          Damit beginnt die wilde Reise, die ihn nach China, Sambia, Angola, Marokko an die Elfenbeinküste und zwischendurch immer wieder zurück nach Frankreich führt, wo aber alle Versuche, auf hohem Niveau Erfolg zu haben, scheitern. Dafür vollbringt Renard außerhalb Europas ein Wunder nach dem anderen, weil es bei seinen Projekten fast immer um mehr geht als um Fußball.

          Sein Sieg beim Afrika-Cup mit Sambia ist nicht einfach nur eine Sensation, der Coup gelingt auch noch wenige Kilometer von jenem Ort entfernt, an dem sich die größte Tragödie des sambischen Fußballs ereignet hat – ein Flugzeugabsturz, bei dem 1993 fast die gesamte Nationalmannschaft ums Leben kommt.

          Fussball-WM 2022

          Als Renard beim Kontinentalturnier 2015 mit der Elfenbeinküste erfolgreich ist und damit zum bis heute einzigen Trainer wird, der diesen Wettbewerb mit zwei unterschiedlichen Nationen gewann, ist die Geschichte der goldenen ivorischen Fußballergeneration um Didier Drogba und der Brüder Kolo und Yaya Touré zu Ende erzählt. Drogba ist gerade aus dem Team zurückgetreten, was die inneren Machtkämpfe beendet, so dass endlich eine funktionierende Einheit entsteht, die Renard zum Triumph führt.

          „Moment geteilter Ekstase“

          Und nun als Trainer des Argentinien-Bezwingers Saudi-Arabien befindet er sich im Zentrum der größten Bühne, die der Fußball zu bieten hat, und verkündet, dass auch der saudische Kronprinz, der das Land faktisch regiert, viel zu diesem Sieg beigetragen habe, denn: „Als wir den Prinzen getroffen haben, hat er uns nicht unter Druck gesetzt, das ist wunderbar.“ Renard ist sich der politischen Bedeutung des Erfolges offensichtlich bewusst.

          Staatschefs aus der gesamten, in viele Konflikte verstrickten Region, gratulieren, „die arabische Welt erlebt einen seltenen Moment geteilter Ekstase“, schreibt die „Saudi Gazette“ nach dem Sieg gegen Argentinien und das Nachrichtenportal „Middle East Eye“ verkündet: „Von Marokko bis zum Irak vergessen Fans vermeintliche politische Spaltungen.“ Bei der Bewertung solcher Vorgänge ist grundsätzlich Vorsicht geboten, weil völlig unklar ist, wie haltbar dieses plötzliche Gefühl der Verbundenheit ist, die Interessenkonflikte sind weiterhin vorhanden.

          Dass Qatars Emir Tamim Bin Hamad Al Thani sich nach dem Coup der „Grünen Falken“ aus dem Nachbarland eine saudische Flagge um die Schultern legt, kann aber als große Geste der Versöhnung begriffen werden. 2017 war ein lange schwelender Konflikt mit den Nachbarstaaten eskaliert, was dazu führte, dass ein vom saudischen Kronprinzen Mohammad bin Salman angeführtes Quartett aus Saudi-Arabien, den Vereinigten Arabischen Emiraten, Bahrain und Ägypten eine Blockadekampagne gegen Qatar orchestrierte.

          Grenzen und Lufträume wurden gesperrt, um Qatar zu isolieren. 2021 wurde die Krise beigelegt, und diese WM befördert die versöhnliche Stimmung am Golf weiter. Mitten drinnen dabei: der frühere Gebäudereiniger Hervé Renard aus Aix-les-Bains.

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