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Fußball-WM : Bananen auf der Windschutzscheibe

Plakative Forderung: Fans von Cruzeiro sprechen sich gegen Rassismus aus Bild: AP

Drei Monate vor der WM diskutiert Brasilien den Rassismus in den heimischen Stadien. Oder auch nicht: Nationaltrainer Scolari empfiehlt, das Thema zu ignorieren.

          Präsidentin Dilma Rousseff verspricht, in den Kampf zu ziehen. Nationaltrainer Felipe Scolari empfiehlt, die Sache zu ignorieren: Es geht um Rassismus im brasilianischen Fußball und darum, wie man dem Hass in den Stadien am besten begegnet. Anlass für die nationale Debatte drei Monate vor Beginn der Weltmeisterschaften in Brasilien sind mehrere Vorfälle der vergangenen Wochen. Zuerst hatte es den ehemaligen Dortmunder Profi Paulo César Tinga beim Spiel des brasilianischen Landesmeisters Cruzeiro Belo Horizonte in Huancayo in Peru getroffen.

          Matthias Rüb

          Politischer Korrespondent für Italien, den Vatikan, Albanien und Malta mit Sitz in Rom.

          Fans des peruanischen Klubs hatten bei jeder Ballberührung Tingas, der in der zweiten Halbzeit des Copa-Libertadores-Spiels vom 13. Februar eingewechselt wurde, Affenrufe nachgeahmt. Er sei sehr verärgert gewesen, auch wenn er versucht habe, sich auf das Spiel zu konzentrieren, sagte der Afrobrasilianer Tinga, der von 2006 bis 2010 bei der Borussia unter Vertrag stand. „In Deutschland wurde mir viel Respekt entgegengebracht, man hat nicht ständig Urteile über mich gefällt“, sagte der inzwischen 36 Jahre alte Paulo César Tinga dieser Tage im Rückblick auf seine Erfahrungen als Profi in Japan, Portugal und Dortmund: „In Deutschland war meine glücklichste Zeit, in jeder Hinsicht.“

          „Geh zurück in den Urwald“

          Dass es Rassismus nicht nur im benachbarten Ausland, sondern auch daheim in Brasilien gibt, erfuhr in der vergangenen Woche der Mittelfeldspieler Arouca vom Traditionsverein Santos beim Spiel gegen Mogi Mirim im Rahmen der Meisterschaft im Bundesstaat São Paulo. Arouca erzielte mit einem spektakulären Seitfallrückzieher ein Tor und wurde nach dem Auswärtsspiel von einem Fernsehteam befragt. Dabei beschimpften ihn Fans des unterlegenen Teams Mogi Mirim als „Makaken“ und ahmten ebenfalls Affenrufe nach. „Ich bin sehr stolz auf meine afrikanischen Wurzeln“, sagte Arouca später über den Vorfall und fügte hinzu: „Gerade schwarze Spieler wie Leônidas, Romário und Pelé haben die schönsten Kapitel in der Geschichte unserer Nationalmannschaft mitgeschrieben.“

          Schließlich wurde der Schiedsrichter Márcio Chagas da Silva Opfer wüster rassistischer Beleidigungen. Schon während des Spiels im Wettbewerb um die Meisterschaft im Bundesstaat Rio Grande do Sul wurde er von Fans des Klubs Esportivo aus Bento Gonçalves beschimpft; hernach fand er seinen Wagen auf dem Stadionparkplatz beschädigt, außerdem lagen zwei Bananen auf der Windschutzscheibe. In seinem Spielbericht an den Fußballverband des Bundesstaates im äußersten Süden Brasiliens notierte der Schiedsrichter unter anderem folgende Beleidigungen: „Geh zurück in den Urwald“, „Affen-Neger“, „dreckiger Dieb“, „Abschaum der Welt“, „euch Neger müssten wir alle umbringen“. Und so weiter.

          Harte Strafen bei rassistischen Vorfällen

          Als Staatsoberhaupt eines Landes, das sich der Überwindung des Rassismus rühmt, sah sich Präsidentin Rousseff veranlasst, zu den Vorfällen Stellung zu nehmen. „Als Land mit der größten schwarzen Bevölkerung außerhalb Afrikas können wir rassistische Äußerungen nicht dulden“, teilte sie im Kurznachrichtendienst Twitter mit. Gemeinsam mit den Vereinten Nationen und dem Weltfußballverband (Fifa) werde die brasilianische Regierung dafür Sorge tragen, dass die WM in Brasilien als „die WM für den Frieden und die WM gegen den Rassismus“ in Erinnerung bleiben werde. Nationalcoach Scolari dagegen empfahl, die rassistischen Vorfälle schlichtweg zu ignorieren und auf eine Bestrafung der betreffenden Vereine zu verzichten. „Schon diese Debatte zu führen ist Unsinn, weil sie einer Dummheit Bedeutung gibt“, sagte Scolari. Für Vorfälle wie diese gebe es keine Lösung, denn „diese Idioten lernen niemals“.

          Die brasilianischen Fußballverbände haben sich entgegen der Empfehlung Scolaris für harte Strafen entschieden. Der Verein Mogi Mirim aus São Paulo darf vorerst nicht mehr im eigenen Stadion spielen. Und Esportivo Bento Gonçalves droht ein Abzug von neun Punkten, was den Abstieg in die zweite Liga von Rio Grande do Sul besiegeln würde. Beim nationalen Pokalwettbewerb, der an diesem Mittwoch beginnt, werden die Schiedsrichter des Fußballverbands CBF zudem einen Aufnäher in der Farben Weiß und Schwarz mit der Aufschrift „Wir sind gleich“ tragen. Der Südamerika-Verband Conmebol hat über den Vorfall vom 13. Februar in Huancayo eine Untersuchung eingeleitet, bisher aber noch keine Entscheidung über eine mögliche Strafe gegen den peruanischen Klub Real Garcilaso getroffen.

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