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Fußball-WM in Qatar : Schauen oder wegschauen?

  • -Aktualisiert am

Hier soll irgendwann einmal WM-Stimmung entstehen: der Vorplatz des Lusail-Stadions in Doha, Qatar Bild: Reuters

Drehen wir den Qatarern während ihrer WM unsere Fernseher ab? Und warum nicht dann eigentlich auch gleich den eigenen Gashahn? Die Antwort ist ganz einfach. Eine Glosse.

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          Leute, es wird ernst! An diesem Sonntag beginnt in Qatar die Fußballweltmeisterschaft. Die Infantino-Show. Das große Reinwaschen. Hört sich noch immer an wie ein Witz, ist aber keiner. Höchste Zeit also, die Frage zu beantworten: Wollen wir uns das an­tun? Wollen wir uns das anschauen?

          Bei uns im Ort gibt es ein paar Skrupel, dieses dreiste FIFA-Spiel mitzuspielen, beispielsweise an der Uni um die Ecke. Kein Public Viewing dieses Jahr im Audimax. Da kann man sich das leisten. Da weiß man, was sich gehört, sportmoralisch und überhaupt. Unweit unserer Uni gibt es aber auch eine Fußballkneipe, eine echte Bierschenke, und da hat der Wirt längst entschieden: Klar lassen wir den Fernseher laufen, wenn sie in Qatar kicken, wir sind ja schließlich eine Sportkneipe und nicht die Ta­gesthemen, außerdem übertragen wir auch die Spiele der Münchner Qatar-Connection, sprich des FC Bay­ern, und das stört ja auch keinen, wo ist also das Problem?

          Die Moral steht hintenan

          Nun ja, das Problem ist, dass wir, wenn wir vor dem Fernseher hocken, genau das goutieren und im Kleinen unterstützen, was wir im Großen, in moralischer Hinsicht, so rundherum ablehnen, wie sich das gehört: Großereignisse in Ländern, die mit dem Sport Menschenrechtsverletzungen übertünchen wollen. Sportswashing. Drehen wir den Qatarern während ihrer WM also unsere Fernseher ab? Dummerweise fragen sie uns dann, warum wir bei so viel Haltung dann eigentlich einen Diener machen, wenn es um Gaslieferungen aus ih­rem Land geht, warum wir denn da nicht auch ganz schnell den eigenen Gashahn zudrehen, wegen der Mo­ral, der Menschenrechte und überhaupt.

          Die Antwort ist: Weil wir dann doch lieber die Moral statt des Gases ein Stück weit herunterregeln. Weil wir am Ende doch in der gut geheizten Sportkneipe, wahlweise im wohltemperierten Wohnzimmer die­se Fußball-WM klammheimlich verfolgen werden, und wenn Füllkrug uns zum Titel schießt, auch einem kleinen Autokorso nicht völlig abgeneigt wären.

          Man kann es drehen und wenden, wie man will, es bleibt kompliziert. Ein Dilemma. Sollen wir die qatarische Fußball-WM im Kalten schauen? Oder im Warmen? Oder sollen wir sie im Warmen boykottieren? Oder ihr gar im Kalten die kalte Schulter zeigen, moralisch doppelt einwandfrei? Schwere Entscheidung.

          Schlagen wir bei Brecht nach, so steht geschrieben: „Erst kommt das Fressen, dann kommt die Mo­ral.“ Aber damit ist Brecht nicht mehr ganz auf der Höhe der Zeit. Vor der Moral kommt nicht mehr nur das Fressen, sondern eine lange Liste von enormen Wichtigkeiten. Das Heizen steht auf ihr, der Sport, der Fußball. Für die Moral bleibt da nur ein Platz auf der Ersatzbank. Nur noch bei Sonntagsreden wird sie gern mal eingewechselt.

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