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Fußball-WM in Brasilien : Präsidentin gegen Präsident

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Die Hoffnung, die Proteste der vergangen Monate seien eingeschlafen, bestätigen sich nicht Bild: REUTERS

Schleppende Bauarbeiten, kein Ende der Proteste: Gut fünf Monate vor der Fußball-WM knistert es in Brasilien an allen Ecken und Enden. Regierungs-chefin Rousseff und Fifa-Chef Blatter liefern sich ein Fernduell.

          Dekret Nummer 6521 soll das Eis brechen: Die brasilianische Präsidentin Dilma Rousseff sucht das Gespräch mit der Protestbewegung im Gastgeberland der Fußball-Weltmeisterschaft 2014. Künftig sollen sich zwei ranghohe Ansprechpartner aus dem direkt der Sozialdemokratin unterstellten Generalsekretariat des Präsidialamtes um einen „Dialog mit den sozialen Bewegungen und Organisationen“ mit Blick auf die WM 2014 kümmern. So steht es in einem am Donnerstag (Ortszeit) veröffentlichten Dokument der Präsidentin. Damit reagiert Rousseff auf die jüngste Ankündigung aus den Reihen der Protestbewegung, die für den 25. Januar zu landesweiten Demonstrationen gegen die WM 2014 aufgerufen hat.

          Seit Tagen kursieren entsprechende Aufrufe in den sozialen Netzwerken: „Nein zur WM“ steht dort zu lesen. Die Hoffnung, die Proteste der vergangenen Monate seien eingeschlafen, bestätigen sich offenbar nicht. Die Einführung der beiden Ansprechpartner ist auch bitter nötig, denn so richtig fühlte sich innerhalb der brasilianischen Politik niemand für das in breiten Bevölkerungsschichten verankerte Protestpotential zuständig. Mit ihren beiden Abfangjägern will Rousseff nun den Protesten die Spitze nehmen.

          Der Präsident des Weltfussballverbandes Fifa: Joseph Blatter Bilderstrecke

          Bereits beim Confed-Cup 2013 hatten landesweite Proteste die brasilianische Politik und den Internationalen Fußballverband (Fifa) erschüttert und böse Vorahnungen geweckt, die WM könne gar nicht zur erhofften großen Party werden. Antonio Costa, Sprecher der Menschenrechtsbewegung Rio de Paz, sagte im Gespräch mit dieser Zeitung: „Die Brasilianer werden die WM nutzen, um auf die großen Ungerechtigkeiten hinzuweisen. Es kann nicht sein, dass Milliarden für neue Stadien ausgegeben werden, aber Schulen, Krankenhäuser und Verkehrswege vergessen werden. Wir stehen erst am Anfang einer großen Protestwelle.“

          Absetzbewegungen zwischen Regierung und Fifa

          Gut fünf Monate vor Beginn des Turniers knistert es an allen Ecken und Enden: Zuletzt traf Rousseff der Zorn des Fifa-Präsident Joseph Blatter, der den Brasilianern nicht zu Unrecht vorwarf, einfach viel zu spät mit den Vorbereitungen begonnen zu haben. „Es ist das Land, das am weitesten zurückhängt, seit ich bei der Fifa bin, und darüber hinaus ist es das einzige, dass so viel Zeit – sieben Jahre – zur Vorbereitung hatte“, kritisierte der Schweizer die WM-Ausrichter angesichts der schleppenden Bauarbeiten. Noch immer sind nicht alle Stadien fertig, die Infrastrukturmaßnahmen hinken im Zeitplan hinterher. Rousseff konterte ihrerseits – ohne auf Blatter direkt einzugehen: „Wir lieben den Fußball. Deshalb blicken wir dieser Weltmeisterschaft mit Freude entgegen. In Brasilien ist die WM zu Hause.“

          Längst tobt zwischen der 66 Jahre alten Wirtschaftswissenschaftlerin und dem 77-jährigen Fifa-Präsidenten ein Fernduell darüber, wer am Ende für ein mögliches Chaos während der WM verantwortlich gemacht wird. Zwischen Regierung und Fifa sind deutliche Absetzbewegungen spürbar, der Vorwurf Blatters in Richtung des Gastgebers hat allerdings eine neue Qualität. Die schleppenden Bauarbeiten wirken dabei wie ein Verstärker, der den Unmut über die Zustände im Land forciert. Seit Tagen gibt es beispielsweise rund um das Maracana-Stadion Proteste, weil Anwohner einer benachbarten Favela gegen den Abriss von Wohnhäusern protestieren, die einem Einkaufskomplex und einem Park weichen sollen.

          Brasiliens Militärpolizei, die neuerdings gerne im Schutz der Nacht oder in den frühen Morgenstunden zuschlägt, wenn der überwiegende Teil der Bevölkerung schläft, ließ das Areal räumen. Die Demonstranten ließen sich allerdings nicht einschüchtern und blockierten die Metro. Die Blockade von Verkehrswegen, die zu den WM-Stadien führen, ist eines der Szenarien, das die WM-Organisatoren am meisten fürchten. Das Zusammentreffen von wütenden Fans, die für viel Geld Flug- und Stadiontickets gekauft haben und dann von Demonstranten am Zugang zur Arena gehindert werden, ist der Albtraum eines jeden Sicherheitsbeamten.

          Viel zu spät reagiert die brasilianische Regierung unterdessen auf die explodierenden Preise für Flugtickets und Hotels während der WM. „Wir werden alle Möglichkeiten ausloten, um dieses Problem in den Griff zu bekommen“, versprach Kabinettsmitglied Gleisi Hoffmann in der Tageszeitung „Folha de São Paulo“. Offenbar traut die brasilianische Politik der eigenen Wirtschaft dies nicht zu. Hoffmann will prüfen lassen, ob die Zulassung internationaler Fluglinien für innerbrasilianische Routen die Preise drücken könnten. Mehr Wettbewerb führt bekanntlich zu niedrigeren Preisen. Doch so einfach ist die Lösung der Probleme nicht: Erst einmal müssen die Ausbau- und Erweiterungsarbeiten an den Flughäfen pünktlich fertig werden, um die neuen Slots überhaupt anbieten zu können. Die Drohung zeigte allerdings erste Erfolge: Die Billigfluglinie Azul kündigte an, während der WM eine freiwillige Preisobergrenze einzuführen.

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