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Müller und Füllkrug beim DFB : Alte und neue Identifikationsfiguren

Müller und Füllkrug in Qatar: Zwei, die sich gut verstehen. Bild: AFP

Müller oder Füllkrug, oder Müller und Füllkrug? Vor dem entscheidenden Spiel des DFB-Teams wird über die Offensive gerätselt. Die Aussagen der Protagonisten lassen erste Tendenzen vermuten.

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          Eine Pressekonferenz mit Thomas Müller und Niclas Füllkrug ist in Sachen Storytelling eine Steilvorlage. Also kommt sie am Dienstag schon nach wenigen Minuten, die Frage an beide: „Füllkrug oder Müller – wer soll die Nummer neun sein gegen Costa Rica?“ Füllkrug: Rollt die Augen. Müller: „Machst du, Fülle?“ Füllkrug: „Doofe Frage. Können wir weitermachen?“ Es ging danach noch eine ganze Weile weiter, und zwar so, dass man am Ende des 40-minütigen Auftritts auf dem Pressepodium des Deutschen Fußball-Bundes in al-Ruwais den Eindruck haben konnte, dass hier etwas ganz anderes gescriptet werden sollte: Die Geschichte zweier, die sich vielleicht nicht gesucht, aber auf jeden Fall gefunden haben in Qatar. So gut gelaunt, humorvoll und trotzdem sehr ernsthaft geht es nicht oft zu, wenn in diesem Format über Fußball gesprochen wird. Am Ende verließen sie Arm in Arm das Podium.

          Fußball-WM 2022
          Christian Kamp
          Sportredakteur.

          Aber das mediale Spiel ist eben das eine, die Wahrheit auf dem Platz wohl eine andere. Tatsächlich deutet im deutschen Lager vieles darauf hin, dass es am Donnerstag, wenn es in al-Khor fürs Erste um alles oder nichts bei dieser Weltmeisterschaft geht (20.00 Uhr MEZ, im F.A.Z.-Liveticker zur Fußball-WM , in der ARD und bei MagentaTV), bei den bisherigen Rollen bleiben wird: Müller in der Startelf, Füllkrug auf der Bank. Das hatte schon am Vortag bei Danny Röhl und Marcus Sorg, dem Assistenten von Hansi Flick, so geklungen.

          Bei Müller nun fiel die Antwort auf die Frage, ob die Lösung nicht auch Füllkrug und Müller heißen könnte, eindeutig ausweichend aus: „Wenn wir nicht so viele gute Offensivspieler hätten, wäre es sicher eine einfache Schlussfolgerung: Lücke rein, ich dahinter.“ Funktionieren würde es, daran zweifelte Müller nicht, aber die allgemeine Annahme scheint zu sein, dass Füllkrug als Spezialagent noch wertvoller sein könnte und für die „Box-Besetzung“ (Müller), also die Präsenz im Strafraum, erst mal andere zuständig sind, insbesondere wenn die Gegner tiefer stehen.

          Zwei gut gelaunte Offensivkräfte des DFB-Teams: Niclas Füllkrug und Thomas Müller in al Shamal.
          Zwei gut gelaunte Offensivkräfte des DFB-Teams: Niclas Füllkrug und Thomas Müller in al Shamal. : Bild: dpa

          Dennoch: Füllkrug, 29 Jahre alt, hat gerade mal drei Länderspiele gemacht, aber seit dem Sonntag und seinem Treffer zum 1:1 gegen Spanien wird ihm eine geradezu heilsbringende Rolle zugeschrieben. Niemand anderes verkörpert die Hoffnung auf ein doch noch erfolgreiches WM-Turnier so wie der Angreifer von Werder Bremen und offenkundig auch niemand eine solche Anschlussfähigkeit für ein Publikum mit eigentlich skeptischer Grundhaltung zu Hause: Deutschland im Füllkrug-Fieber.

          Man kann auf dem Podium in al-Ruwais deshalb noch etwas anderes erkennen: die alte Identifikationsfigur der goldenen deutschen Fußballjahre, daneben die aktuelle – und im Zwischenraum auch das, was in den vergangenen Jahren seit 2014 schiefgelaufen ist. Füllkrug berichtet davon, diese Distanz der Fußballnation zur Nationalmannschaft in Qatar zum ersten Mal leibhaftig zu spüren. Nach dem Japan-Spiel habe er das Gefühl gehabt, „ob sich nicht der eine oder andere online mehr darüber freut, dass wir Misserfolg haben“, sagt er. „Jetzt kommen viele um die Ecke, die doch ein bisschen WM-Stimmung spüren.“ So wie er selbst. Schon als Kind habe er WM-Turniere wegen dieser Stimmung „total geliebt“, das von 2002 auch mit einem Fokus auf Miroslav Klose, zu dem er emporgeblickt habe. Und deshalb freue er sich, wenn jetzt wieder „Aufbruchstimmung“ entstehe und der Fußball ins Zentrum rücke.

          Fussball-WM 2022

          So viel Projektion in seine Rolle aber scheint ihm nicht geheuer: „Mich selbst als WM-Hoffnung zu sehen – schwierig“, sagt Füllkrug. Er sei eben als Stürmer in einer Position, in der so etwas schnell und leicht zugeschrieben werde, während andere Beiträge, rettende Abwehrgrätschen oder Torwartparaden, weniger Beachtung fänden.

          Wenn Füllkrug über die Nationalmannschaft spricht, klingt er, als wäre er schon viel länger dabei. Sein „Wir“ bezieht sich auch auf die Zeit davor, etwa als er über die Resilienz im Spanien-Spiel sagt: „Wir haben Sachen angenommen, für die wir sonst nicht so bekannt sind.“ Und dann ist da noch etwas, das auffällt, vor allem im Kontrast zu seinem Nebenmann. Der spricht zwar von „Demut“, aber schon auch frisch entflammt vom Funken durch das Spanien-Spiel, dem zurückgewonnenen Gefühl, „auf höchstem Niveau gegen jeden Gegner bestehen zu können“, und der Hoffnung, jetzt noch lange im Turnier zu bleiben.

          Füllkrug hält den Ball dagegen flach. „Wir müssen die Situation realistisch einschätzen“, sagt er, ein 1:1 sei immer noch ein 1:1 und „kein Grund für irgendwelche Freudensprünge“. Als wäre er und nicht der Kollege Müller, vier Jahre älter, 117 Länderspiele und 42 Tore mehr, der alte Hase, der schon das eine oder andere erlebt hat. Müllers halbernste Theorie dazu lautete, dass man vielleicht „ein bisschen entspannter und sachlicher unterwegs ist“, wenn man aus Hannover kommt. Vielleicht war es aber auch ganz anders: Dass da einer saß, der (fast) nur das Gewinnen kennt – und ein anderer, der weiß, dass die nächste Niederlage immer lauert.

          Geldstrafe und Verwarnung für den DFB

          Der Deutsche Fußball-Bund (DFB) muss für die Pressekonferenz vor dem WM-Spiel der Nationalmannschaft gegen Spanien (1:1) 10.000 Schweizer Franken bezahlen. Die Strafe, die umgerechnet etwa 10.100 Euro entspricht, sprach der Weltverband FIFA am Dienstag aus. Zudem erteilte die FIFA-Disziplinarkommission dem DFB eine „Verwarnung“. Der Weltverband sah es als erwiesen an, dass der DFB gegen Artikel 44 der WM-Regularien, Artikel 2.7.2 der Medien- und Marketing-Regeln sowie Artikel 8.5.3 des Team-Handbuchs verstoßen hat. An der einen Tag vor WM-Spielen abzuhaltenden Medienrunde hatte am Samstag nur Bundestrainer Hansi Flick teilgenommen. Die FIFA schreibt jedoch vor, dass auch ein Spieler bei der Pressekonferenz auftritt. Dies hatte der DFB mit Blick auf die lange Fahrt aus dem Team-Quartier im Norden Qatars in das Medienzentrum in Doha abgelehnt. (sid)

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