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WM-Kolumne „Pfannenstiels Welt“ : Alles Liebe, oder was?

  • -Aktualisiert am

Gegen Spanien geht es für die deutsche Mannschaft um Kopf und Kragen! Bild: dpa

Werbung für Liebe? Also bitte! Auf dem Platz hat Liebe nichts zu suchen, sondern Wahrheit. Gegen Spanien geht es nicht mehr um Liebe – da geht es um Kopf und Kragen.

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          Liebe ist, wenn man trotzdem kickt. So oder so ähnlich muss sich Manuel Neuer vorkommen, wenn er in Qatar ohne seine „One Love“-Binde im Tor steht. Die Belgier wollten gar in ihrem Trikotkragen mit diesem einem Wort auflaufen: „Love“ – zu deutsch „Liebe“. Unverschämt. Die FIFA hat es verboten. War die Botschaft zu politisch? Oder gar unsportlich? Sanktionen waren angedroht worden im Falle von „Liebe“.

          Ich war vor Kurzem bei meinem Hausarzt, und der erzählte mir, dass man tatsächlich mit bildgebenden Verfahren wie der Kernspintomographie im Falle von wahrer Liebe einen Ausnahmezustand im Gehirn beobachten kann. Verliebte wiesen demnach erhöhte Aktivitäten im Belohnungssystem des Hirns auf – ähnlich wie Drogenabhängige. Da endlich dämmerte es mir: Doping! Die Dopingkontrolleure der FIFA haben zugeschlagen, müssen verbotene Substanzen gewittert haben. Zwar streiten Wissenschaftler noch, ob Menschen von Liebe suchtabhängig werden können. Aber: Wehret den Anfängen!

          Lutz Pfannenstiel
          Lutz Pfannenstiel : Bild: privat

          Die FIFA beugt vor. Für so etwas dürfen Spieler doch keine Werbung machen! Da lobe ich mir unverfänglichere Namen wie Adidas oder Puma. Da weiß man wenigstens, dass die ihre Produkte nicht mit Liebe, sondern mit Geschäftssinn herstellen. Ganz im Sinne des Fußballweltverbands.

          Und der DFB? Hatte man nicht vor der WM angekündigt, Haltung zu zeigen und sich für Menschenrechte einzusetzen? Dazu ein kleines Gedankenexperiment: Mal angenommen, sowohl die spanische als auch die deutsche Mannschaft würden bei ihrer Begegnung an diesem Sonntag die „One Love“-Binde tragen. Und zwar nicht nur die Kapitäne, sondern die gesamten Mannschaften. Neuer und Busquets hätten noch eine zweite Binde.

          Fußball-WM 2022

          Wie würde die FIFA reagieren? 22 mal die Gelbe Karte ziehen? Oder gar Gelb-Rot? Das Spiel ausfallen lassen? Oder verschieben? Nachdem das Stadion ausverkauft und die Gelder für die Fernsehrechte bereits geflossen sind? All das wegen einer Binde und einem Slogan, der jeden willkommen heißt? Wegen der Liebe für alle? Die „One Love“-Binde als Zeichen der Stärke! Als stiller Protest gegen Homophobie und als Mutmacher für alle Kinder, die von einer Weltmeisterschaft träumen.

          Diese Binde ist innerhalb weniger Tage zu dem Symbol dieser Weltmeisterschaft geworden. „One Love“ ist um die Welt gegangen, dabei wollte die FIFA genau das verhindern. Wenn das kein Erfolg war, dann verstehe ich die Welt nicht mehr. Was für ein Eigentor der FIFA! „One Love“ kennt inzwischen jeder – aber wer weiß schon wie das Maskottchen von Qatar 2022 heißt? „La’eeb“ hat in seiner Weisheit etwas Gespenstisches. Die FIFA behauptet: „La’eeb ist abenteuerlustig, fröhlich und neugierig und ruft alle dazu auf, an sich zu glauben.“ Nur wer an Liebe glaubt, auf den trifft das wohl nicht zu. Den trifft der Bann der Weltherrscher des Fußballs. Irgendwie alles andere als la’eebevoll, was so ein bisschen nach Liebe klingt . . .

          Fussball-WM 2022

          Auf dem Platz hat Liebe nichts zu suchen, sondern vielmehr Wahrheit, um es mit dem alten Trainer-Haudegen Adi Preisler zu sagen. Und die Wahrheit ist: Fußball ist ein Milliardengeschäft. Wahr ist auch, dass Jamal Musiala erst sieben Jahre alt war, als diese WM an Qatar vergeben wurde. Der rannte noch mit der Trompete um den Tannenbaum. Was also kann Musiala für die Entscheidung der FIFA, 2022 die WM in Qatar stattfinden zu lassen?

          Er, der sich nun im Alter von 19 Jahren den Traum der Weltmeisterschaft erfüllt. Der sich mit sieben Jahren höchstens um eine Liebe Gedanken gemacht hat: seine Liebe zum Fußball. Auch ein Christian Günter, auf dem Hoch seiner Karriere, erfüllt sich nun denselben Traum, den jeder Fußballer träumt: die WM. Für Thomas Müller ist es wahrscheinlich die letzte Weltmeisterschaft. Und auch für Manuel Neuer, der die berüchtigte Binde bei dieser WM getragen hätte, ist es das letzte Mal, dass die ganze Welt ihm auf dieser Bühne zusehen darf.

          Den Spielern ist kein Vorwurf zu machen, predigen wir in der Gesellschaft doch immer vom Verwirklichen unserer Träume. Die fahren nach Qatar, um Fußball zu spielen. Nicht, um politische Statements zu setzen. Wieso eigentlich sollten unsere Spieler mutiger sein als unsere Politiker? Wie sehr diese Diskussion das deutsche Team verunsichert hat, das war beim Auftakt gegen Japan zu sehen.

          Man lasse sich nicht den Mund verbieten – das war die Message auf dem Foto vor dem Spiel. Auf dem Platz war in der letzten halben Stunde von dieser selbstbewussten Haltung nichts mehr übrig. Der Defensivverbund geriet so ins Schwimmen wie die Verbandsführung in der Binden-Diskussion. Die Folge: Gegen Spanien geht es nicht mehr um „One Love“, sondern fußballerisch um Kopf und Kragen.

          Aufgezeichnet von Michael Wittershagen

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