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WM-Aus von Iran : Die Mannschaft, die nichts richtig machen konnte

Irans Spieler nach der Niederlage gegen die USA, die das Vorrunden-Aus bei der WM in Qatar bedeutet. Bild: Reuters

Das Aus der iranischen Nationalelf wird in der Heimat bejubelt. In Doha greift das Regime durch. Abermals zeigt sich, wie die Sportler zum Spielball der politischen Auseinandersetzung geworden sind.

          3 Min.

          Das Spiel ist vorbei. Und wenn man an diesem späten Dienstagabend verstehen will, was das für ein Spiel war, das die iranische Fußballnationalmannschaft in dieser Weltmeisterschaft spielen musste, muss man in dem Moment, in dem ihr Aus sicher ist, in zwei Städte schauen, die mehr als 1000 Kilometer auseinanderliegen.

          Fußball-WM 2022
          Christopher Meltzer
          Sportkorrespondent in München.
          Christoph Becker
          Sportredakteur.

          Doha, Qatar: Auf dem Rasen des al-Thumama-Stadions sitzen Spieler. Sie tragen das Trikot der Islamischen Republik Iran und haben sich kraftlos fallen lassen, als der Schiedsrichter ihr drittes Spiel in der Gruppe B nach neun Minuten Nachspielzeit abgepfiffen hat. Sie sind enttäuscht, weil sie dieses Spiel, das aus sportlicher Sicht das wohl wichtigste in der WM-Geschichte ihres Landes war, 0:1 gegen die USA verloren haben. Weil sie an diesem Abend nur ein Tor hätten schießen müssen, um ins Achtelfinale einzuziehen. Weil sie hätten schaffen können, was in iranischen Trikots noch nie geschafft worden ist.

          Teheran, Iran: Auf den Straßen der Hauptstadt, so sieht man das in vielen Videos, die schnell im Internet verbreitet werden, stehen Autos. Sie kommen kaum voran, weil die Straßen so voll sind. Man hört Hupen. Die Menschen, die in den Autos sind, freuen sich offenbar, dass die Nationalmannschaft der USA, des Staates also, der für so viele Verbrechen in ihrer Heimat verantwortlich ist, gewonnen hat. Und sie freuen sich, dass die Nationalmannschaft des Iran verloren hat. Auf anderen Videos ist zu hören, wie Menschen von den Balkons ihrer Wohnblocks „Amrika, Amrika!“ rufen, den Namen des Landes, das die Propaganda der Islamischen Republik verteufelt. Den Namen des Gegners im Spiel um das Achtelfinale.

          Spielball politischer Auseinandersetzungen

          Wenn man die Bilder aus Doha und die Bilder aus Teheran gegenschneidet, sieht man, wie die iranischen Spieler in diesen Wochen der WM, wo sie wie so viele Sportler die Spiele ihres Lebens machen sollten, selbst zum Spielball der politischen Auseinandersetzung in ihrer Heimat geworden sind. Auf der einen Seite stehen die Machthaber der Islamischen Republik. Auf der anderen Seite die Anhänger der Freiheitsbewegung. Und die Nationalspieler? Sie brachten die, die ein neues Iran wollen, gegen sich auf, als sie vor der Abreise beim Pflichttermin mit Staatspräsident Ebrahim Raisi ehrerbietig auftraten. Sie brachten dann das System gegen sich auf, als sie vor dem ersten Spiel die Nationalhymne nicht mitsangen. Und machten das vor dem zweiten und dritten Spiel – mutmaßlich unter Druck – dann doch.

          Fussball-WM 2022

          Am Dienstagabend, als das Spiel noch nicht angefangen hat, sieht man so Sardar Azmoun, Stürmer aus Leverkusen und Sympathisant der Freiheitsbewegung. Er murmelt die Hymne mit. Es sieht so aus, als würde er leiden. Wahrscheinlich leidet er. Spätestens in diesem Moment konnte man sehen: Da spielen Spieler, die alles richtig machen wollen, aber wahrscheinlich nichts richtig machen können. Später, als das Spiel vorbei ist, sagt Carlos Queiroz, von 2011 bis 2019 schon iranischer Nationaltrainer und seit September 2022 wieder, in der Pressekonferenz: „Ich habe noch nie in meinem Leben Spieler gesehen, die so viel gegeben und so wenig zurückbekommen haben.“ Er meint die fehlende Unterstützung der Menschen in Iran.

          2018, nach dem Turnier in Russland, hatte er Ähnliches gesagt – und es auf mangelnde Unterstützung durch den vom Regime geführten Verband bezogen. In Doha reagiert er gereizt, als ein Reporter ihn auf den neuesten CNN-Bericht anspricht, wonach den Familien der iranischen Spieler Folter und Haft angedroht worden sein soll, falls sich die Spieler nicht „benehmen“ sollten. Er bezeichnet den Bericht, der auf den Aussagen einer anonymen Quelle beruht, als „Desinformation“. Und merkt noch an, dass seine Spieler „dem Trikot ihres Landes Prestige gebracht“ hätten.

          Das Spiel ist vorbei – der Aufstand geht weiter

          Es sind an diesem Dienstag die Trikots im Stadion, auf denen sich der Protest der Fans, der seit dem ersten Spiel gegen England weniger sichtbar geworden ist, noch ablesen lässt. Man sieht die Namen von Ali Daei, Ali Karimi und Mehdi Mahdavikia, früheren Fußballgrößen, die sich gegen das Regime positionierten. Und vor dem Stadion sieht man, was das Tragen von Trikots für Folgen haben kann. An den Eingängen stehen qatarische Sicherheitskräfte. Sie stellen einen Vater und seinen Sohn, weil der Vater ein „Women Life Freedom“-Shirt trägt. Später setzten sie kurz einen dänischen Journalisten fest, der, schreibt er, filmte, wie regimekritische Iraner von regimetreuen Iranern bedrängt worden sind. Schon rund um das Spiel gegen Wales hatten Iraner in sozialen Netzwerken Mitarbeiter Teheraner Ministerien identifiziert, die sich in Doha als Fans gerierten und zum Teil Interviews gaben, in denen sie vom Leben daheim schwärmten.

          Eine Aktivistin der Gruppe Open Stadiums sagte der F.A.Z., sie habe unter den iranischen Zuschauern in und um das Stadion sehr viele gesehen, die offensichtlich vom Regime angeheuert waren. „Wir wissen, wie das funktioniert. Sie bekommen Geld vom Regime und tun, was ihnen gesagt wird. Und das Stadion war – für uns eindeutig zu erkennen – voller Undercover-Agenten. Unter den Fans und den Journalisten. Es war offensichtlich, dass sie Teil des Regimes sind.“ Die qatarische Polizei sei von diesen Iranern geradezu dirigiert worden. Open Stadiums hatte in einem Brief an die FIFA Ende September vor eben dieser Situation gewarnt – und keine Antwort erhalten. „Ich bin wahnsinnig enttäuscht von der FIFA“, sagt die Aktivistin. „Es wirkt, als sei ihnen egal, was hier passiert. Leute geraten in gefährliche Situationen, werden wegen eines T-Shirts belästigt – bei einer internationalen Veranstaltung!“

          Die iranischen Nationalspieler werden nun in ihre Heimat zurückkehren. Wer weiß, was sie dort erwartet? Das Spiel ist vorbei. Der Aufstand gegen die Islamische Republik geht weiter.

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