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2:0 gegen Serbien : Vorne ein Traumtor, hinten Casemiro

Joga Bonito in Reinform: Brasiliens Richarlison trifft mit einem Seitfallzieher zum 2:0 gegen Serbien. Bild: dpa

Beim 2:0 gegen Serbien zeigen die Brasilianer schon mal, wie sie Weltmeister werden könnten: Richarlison zaubert und Türsteher Casemiro lässt hinten nichts anbrennen. Sorge könnte Brasilien nur Neymars Fußgelenk bereiten.

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          Am späten Donnerstagabend, als der Stadionsprecher die Namen der Nationalspieler aus Brasilien aufsagte, konnte man die Antwort hören. Und sie war selbst für die im Lusail Stadium, die nicht portugiesisch sprechen, unmissverständlich. Die Männer und Frauen in Gelb schrien so euphorisch, als hätten sie gerade das Gesicht eines Heiligen gesehen. Und so verkehrt ist dieser Vergleich aus ihrer Sicht vielleicht nicht. Auf den großen Bildschirmen im Stadion sahen sie für einen Moment immerhin den Fußballspieler mit der Nummer zehn: Neymar. Das euphorische Schreien war dann auch die Antwort auf die Frage, die vor dieser Weltmeisterschaft nicht nur in Brasilien verhandelt worden ist: Wie steht man jetzt, da er vor der Präsidentschaftswahl fleißig für den Amtsinhaber und Antidemokraten Jair Bolsonaro animierte, zu Neymar?

          Fußball-WM 2022
          Christopher Meltzer
          Sportkorrespondent in München.

          Am ersten brasilianischen Abend in Qatar gab es neben der Antwort aber auch neue Fragen: Wie viele von den mehr als 80.000 Fans im Stadion waren wirklich aus Brasilien, wo man an dem Abend, an dem Bolsonaro abgewählt wurde, Schmählieder über Neymar sang? Und wie viele waren aus Bangladesch, Indien, Nepal oder Pakistan – also aus den Ländern, wo Neymar noch für fast alle ein Held ist? Man musste diese sportpolitischen Punkte offen lassen – und konnte stattdessen eine sportliche Aussagen treffen: An solchen Diskussionen scheint sich Neymar nicht zu stören, denn er war es, der den 2:0-Sieg gegen Serbien einleitete. Auch wenn der Held ein anderer war.

          Es ist wirklich eine politische WM in Qatar, aber an diesem Abend ist eine der politischsten Figuren für wenigstens 90 Minuten entpolitisiert worden. Die Fans in Lusail feierten Neymar für seine Fußballkunst, auch wenn die Serben diese bis zur 63. Minute einigermaßen einschränken konnten. Doch dann dribbelte Neymar in den Strafraum. Dort flutschte ihm der Ball etwas vom Fuß weg, was aber ganz gut passte, weil Vinicius Junior schon wartete. Er schoss sofort aufs Tor. Den ersten Versuch konnte der serbische Torhüter Vanja Milinković-Savić abwehren. Den zweiten von Richarlison aber nicht mehr.

          Richarlison setzt den Höhepunkt per Seitfallzieher

          In der ersten Halbzeit hatten die Serben ihr eigenes Tor tapfer verteidigt (dafür aber auch das fremde in Frieden gelassen). In der zweiten Halbzeit merkte man, wie die brasilianischen Schläge fast Angriff für Angriff durch die Deckung gingen. Das fing in der 48. Minute damit an, dass der defensive Mittelfeldspieler Nemanja Gudelj in den sprintenden Neymar grätschte (und kurz danach wegen Gelb-Rot-Gefahr ausgewechselt werden musste). Das setzte sich mit dem Pfostenschuss des Linksverteidigers Alex Sandro und dem ersten Tor von Richarlison fort.

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          Und das fand in der 63. Minute mit dem zweiten Tor von Richarlison seinen Höhepunkt. Mit dem Außenrist flankte Vinicius Junior den Ball in die Mitte, wo Richarlison, der Stürmer von Tottenham Hotspur, ihn in der Luft stoppte, eine Pirouette machte und den Ball dann mit einem Seitfallzieher ins Tor knallte. Ein spektakuläres Tor. Man könnte auch sagen: ein brasilianisches.

          „Das ist schon verrückt, das träumst du als Kind, an so einer Stelle so ein Tor zu machen“, sagte der Doppeltorschütze später. „Wir haben es geschafft, in der zweiten Halbzeit den Spieß rumzudrehen und das Spiel zu entscheiden. Ich hatte Schiss, gar nicht hierherzukommen.“

          So schön spielten die Brasilianer dann nicht weiter, aber immer noch schön genug. Klar, der Nationaltrainer Tite konnte auch die Angreifer Fred (Manchester United), Rodrygo (Real Madrid), Gabriel Jesus (FC Arsenal) und Antony (Manchester United) einwechseln. Und sich den Luxus erlauben, Firmino (FC Liverpool) gar nicht erst zu nominieren.

          Man sollte erwähnen, dass es an diesem Abend aber nicht nur sehr sehenswert war, wie die Brasilianer angriffen, sondern auch, wie sie verteidigten. Meistens fing Casemiro, der Mann, der in Madrid früher schon den Künstlern Toni Kroos und Luka Modrić den Rücken freihielt, die Bälle ab, weswegen die Innenverteidiger Marquinhos und Thiago Silva gar nicht eingreifen mussten. Ja, es war nur Serbien und ja, es war nur das erste Spiel, aber: Mit so einem strengen Türsteher wie Casemiro in der Mitte kann man Weltmeister werden.

          Mit einem wie Neymar natürlich auch. Unter Applaus hatte Neymar das Spiel in der 79. Minute vorzeitig verlassen. Da hatten er und seine Mitspieler in Lusail aber schon längst schon angedeutet, zu was sie in den nächsten Wochen in der Lage sein könnten. Falls Neymar fit bleibt. Nach dem Spiel teilte der Mannschaftsarzt mit, dass sich Neymar am Fußgelenk verletzt habe. Eine Untersuchung am Freitag soll Aufschluss bringen. Trainer Tite blieb optimistisch: „Wir gehen davon aus, dass er weiterspielen kann.“

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