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WM-Aus für Brasilien : Neymar erst magisch, dann menschlich

Bittere Tränen: Superstar Neymar wird von Kollege Raphinha getröstet. Bild: Reuters

Superstar Neymar schenkt der Fußballwelt gegen Kroatien einen besonderen Moment, als er Brasilien in der Verlängerung in Führung schießt. Doch Kroatien gleicht aus und bezwingt die Seleção im Elfmeterschießen.

          3 Min.

          Er wollte den Ball – und wahrscheinlich wollte der Ball auch ihn. Und als er diesen dann auf der größten Fußballbühne mit seinem rechten Fuß führte, schenkte Neymar da Silva Santos Júnior der Sportwelt einen Moment, der daran erinnerte, warum vermutlich alle Menschen in diesem Stadion seinen Namen kennen, warum er einer der großen Spieler dieses großen Spiels ist.

          Christopher Meltzer
          Sportkorrespondent in München.

          In der 105. Minute dieses Spiels, das entweder für Brasilien oder für Kroatien mit dem Preis des Halbfinalplatzes der Weltmeisterschaft in Qatar enden würde, stellte sich Neymar so nah an seinen Mitspieler Marquinhos, dass der ihm den Ball passen musste. So fing sein Moment an.

          Er spielte vor dem Strafraum einen Doppelpass mit Rodrygo. Er spielte im Strafraum einen Doppelpass mit Lucas Paquetá. Und als da nur noch Dominik Livaković war, der Torhüter der Kroaten, der davor Ball keinen Ball vorbeigelassen hatte, presste Neymar den letzten Tropfen Magie aus seinem Körper, spielte Livaković aus und schoss den Ball ins Tor. So endete sein Moment.

          Fußball-WM 2022

          Später, das Spiel war da schon vorbei, spazierte Neymar Schritt für Schritt durch das Stadion. Und als die Kamera ihn in der Nahaufnahme filmte, sah man, dass wieder Tropfen aus seinem Körper kamen. Es war dieses Mal aber nichts Magisches, sondern Menschliches. Er weinte. Weil sein einer Moment, sein 1:0 nicht genug war. Weil seine Mannschaft nicht in der Verlängerung gewonnen, sondern im Elfmeterschießen verloren hatte. Weil er nichts mehr machen konnte.

          An diesem Freitagabend, an dem das Viertelfinale Brasilien gegen Kroatien mit dem nächsten Drama endete, fanden sich im Education City Stadium schon vor dem Anpfiff mehrere Ansätze, die dieses Duell interessant machten.

          Da waren die Stürmer aus Brasilien um Vinícius Júnior, Richarlison, Raphinha und natürlich Neymar, die den Ball im Achtelfinale gegen Südkorea viermal ins Tor tanzten. Da waren die Verteidiger aus Kroatien um Joško Gvardiol und Dejan Lovren, die in vier Spielen nur zweimal ausgetanzt worden sind – wenn man damit den Erhalt eines Gegentores meint. Und da war natürlich noch Luka Modrić.

          Mit 37 Jahren steuert Modrić das Spiel seiner Mannschaft. Er ist einer der sehr, sehr guten Spieler, die gute Spieler so in Szene setzen können, dass diese in manchen Momenten wie sehr gute Spieler aussehen. Und weil diese auch ohne Modric sehr gut verteidigen können, waren die Kroaten, wenn man ehrlich ist, der erste echte Gegner, der Brasilien in diesem WM-Wochen begegnete.

          Das merkte man dann daran, dass die sonst so stürmischen Brasilianer in der ersten Halbzeit nur dreimal aufs Tor schießen konnten. Und die Kroaten, diese Old-School-Mannschaft, was sicher kein Diss sein soll? In ihrer 45-Minuten-Statistik stand: 0 Schüsse aufs Tor. Man musste nur auf die Anzeigetafel mit der „1“ schauen, die der vierte Schiedsrichter später in der Halbzeit in die Höhe streckte. Und wer weiß, wie viele Extraminuten die Schiedsrichter eigentlich spendieren, wusste dass in diesem Spiel wirklich wenig passiert sein musste.

          Neymar jubelt über seinen Treffer zum 1:0 in der Nachspielzeit. Am Ende sollte es nicht reichen, weil sich Brasilien trotz Führung spät auskontern ließ.
          Neymar jubelt über seinen Treffer zum 1:0 in der Nachspielzeit. Am Ende sollte es nicht reichen, weil sich Brasilien trotz Führung spät auskontern ließ. : Bild: AP

          Als Tite, der Trainer der Brasilianer, in der 55. Minute an der Außenlinie schon seinen Stürmer Antony für einen Einsatz vorbereitete, passte Richarlison plötzlich den Ball in den Strafraum. Es war keine geniale Kombination, aber am Ende erreichte der Ball dort Neymar, der nur noch Livaković vor sich hatte. Er schoss den Ball mit dem linken Fuß – und Livaković wehrte ihn mit dem linken Bein ab. So eine gute Gelegenheit gab’s davor nicht.

          Dann wechselte Tite. Antony für Raphinha (56.). Und Rodrygo für Vinícius Júnior (64.). Er wechselte Stürmer von Manchester United und Real Madrid ein. Es war dann aber ein Mittelfeldspieler von West Ham United, der die nächste große Gelegenheit der Brasilianer hatte. In der 66. Minute wurschtelte sich Lucas Paquetá auf nicht-brasilianische Art durch den Strafraum. Aber auch er konnte den Ball nicht an Livaković vorbeibringen.

          Wieder der Held der Kroaten: Torwart Dominik Livaković hielt den ersten Elfmeter der Brasilianer, hatte dann Glück, dass Marquinhos nur den Pfosten traf.
          Wieder der Held der Kroaten: Torwart Dominik Livaković hielt den ersten Elfmeter der Brasilianer, hatte dann Glück, dass Marquinhos nur den Pfosten traf. : Bild: AFP

          Keiner konnte das. Als Richarlison in der 76. Minute wieder in den Strafraum passte und Neymar wieder schoss, wehrte der Torhüter den Ball wieder mit den Beinen ab. Als Rodrygo in der 80. Minute durch den Strafraum passte und Paquetá schoss, packte er mit den Händen zu. Und als Livaković in der 90. Minute mal wieder einen Ball festgehalten hatte, pfiff der Schiedsrichter ab. Die Aufs-Tor-Schüsse-Statistik: Brasilien 8, Kroatien 0. Verlängerung.

          In der 105. Minute hatte dann Neymar seinen Moment. Und in der 117. Minute hatten Mislav Oršić und Bruno Petković, Mittelfeldspieler und Mittelstürmer von Dinamo Zagreb, ihren. Oršić passte, Petković schoss – und weil Marquinhos den Ball noch abfälschte, flog der ins Tor. Weil zwei Spieler, deren Namen kaum einer in diesem Stadion kannte, an diesem Abend vielleicht schon der Pass und der Schuss ihres Lebens glückte, stand es 1:1. Das ist das Großartige an diesem Spiel.

          Entscheidung im Elfmeterschießen. Als Erstes schoss Rodrygo – und nun hatte auch der seinen Moment, der ihn sich verdient hatte: Livaković wehrte den Ball mit den Händen. Für die Kroaten trafen Nikola Vlašić, Lovro Majer, Modrić und Oršić. Für die Brasilianer Casemiro und Pedro. Dann war Marquinhos dran. Und schoss den Ball an den Pfosten. Game over.

          Auf dem Rasen rannten die Kroaten. Auf dem Rasen lagen die Brasilianer. Auch Neymar, der wahrscheinlich als fünfter Schütze angetreten wäre. Er wollte seinen nächsten Moment. Er wollte den Ball – doch der wollte ihn nicht mehr.

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