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WM-Test gegen Deutschland : Wie Tite die Brasilianer wieder erfolgreich machte

  • -Aktualisiert am

Können mit Brasilien wieder jubeln: die Nationalspieler Philippe Coutinho (rechts) und Dani Alves. Bild: EPA

Nach dem Drama bei der WM 2014 im eigenen Land will Brasilien die Schmach gegen Deutschland tilgen. Erfolgsgarant ist der neue Trainer. Doch der hat noch eine viel wichtigere Aufgabe als ein gutes Ergebnis in Berlin.

          Die weiße Mauer mit den bunten Bildern am Ende der Copacabana zählt zum Pflichttermin für jeden deutschen Touristen in Rio de Janeiro. Der brasilianische Künstler Jambeiro hat dort vor knapp vier Jahren die größten Momente der WM 2014 aufgemalt. Ein cooler Miroslav Klose ist darauf zu sehen, eine jubelnde deutsche Fußball-Nationalmannschaft mit dem WM-Pokal. Und ein verzweifelter David Luiz. Die Mauer gleich gegenüber einem Luxushotel und den kleinen Fischerbooten am Südende des weltberühmten Strandes erinnert die Brasilianer jeden Tag daran, was im brasilianischen Winter 2014 geschah. Nur bei Olympia waren die Bilder nicht zu sehen, weil die Organisatoren die weiße Mauer überbaut hatten.

          Der Fluch von Belo Horizonte lastet schwer auf der brasilianischen Fußballseele. Das 1:7 im Halbfinale gegen Deutschland hat die Brasilianer tief in ihrem Selbstverständnis getroffen. Noch bis heute gilt der Fluch „Gol da Alemanha“ als geflügeltes Wort, wenn irgendwas schief- läuft im brasilianischen Alltag. Das Drama von damals ist aber auch der große Antrieb für die Mission zur Weltmeisterschaft 2018. Die vielleicht stolzeste Fußball-Nation der Welt hat etwas gutzumachen.

          Das Länderspiel in Berlin am Dienstag ist nur ein Zwischenschritt. Ein Sieg im Land des Weltmeisters wäre nett. Doch nur der Gewinn des sechsten Sterns in Russland im Sommer 2018 würde die Nation mit ihrer Seleção wieder versöhnen. Der Mann, der für ein besseres, erfolgreicheres Brasilien steht, heißt Adenor Leonardo Bachi, gerufen wird er Tite. Mit seinen grauen Haaren wirkt Tite älter als die 56 Jahre, die in seinem Pass stehen.

          Er ist keiner dieser ehemaligen Superfußballer, die das riesige Reich zuhauf emporgebracht hat, um anschließend eine mittelmäßige Trainerkarriere zu starten. Vielleicht hat es auch deshalb länger gedauert, bis Tite endlich auf der Bank der Seleção landete. Gehandelt wurde er schon in den Vorjahren immer wieder. Doch nach der WM-Pleite 2014 entschied sich der Verband zunächst einmal für die vermeintlich solide Variante mit dem ehemaligen Stuttgarter Bundesligaprofi Dunga, der zum zweiten Mal die Seleção betreuen sollte.

          Doch der Aufschwung blieb aus, auch weil dem WM-Kapitän von 1994 der Mut zu einem Umbruch fehlte und er zu viel Rücksicht auf die Olympia-Ambitionen des Verbandes nahm. Die schlechten Ergebnisse, als Brasilien im knüppelharten WM-Qualifikationsmarathon „Eliminatorias“ zwischenzeitlich um das WM-Ticket für Russland bangen musste, besiegelten das Schicksal Dungas. Statt einer tiefgreifenden Reform innerhalb des brasilianischen Systems entschied sich der Verband lieber für die komfortablere Lösung. Ein Trainerwechsel. Für eine Revolution ist auch später Zeit.

          Seitdem läuft es in der brasilianischen Nationalmannschaft. Das liegt vor allem daran, dass sich Tite für einen Generationswechsel entschied. Mit Spielern wie Gabriel Jesus (Manchester United) oder Marquinhos (Paris) statt in die Jahre gekommenen Routiniers wie Ricardo de Oliveira, der mit seinen 35 Jahren für alles andere als für einen Aufbruch in neue Zeiten stand. Die brasilianischen Medien, mit dem reservierten Dunga ohnehin auf Kriegsfuß, gaben Tite deutlich mehr Kredit. Und Tite hatte das Glück des Momentums. Mit ihm auf der Trainerbank eilte die neu formierte Seleção gleich von Sieg zu Sieg. Tite nutzte den Rückenwind der jungen brasilianischen Olympia-Auswahl, die 2016 im denkwürdigen Finale von Rio de Janeiro die deutschen Kicker bezwang und damit erstmals wieder ein Ausrufezeichen setzte. „Wir haben eine Generation, auf die wir vertrauen können“, sagte Tite nur wenige Tage nach seinem Amtsantritt.

          Dabei galt Tite lange als Wandervogel innerhalb der brasilianischen Liga. Gleich dreimal heuerte er bei den Corinthians an, mit denen er 2012 auch die Klub-Weltmeisterschaft gewann. Der letzte südamerikanische Erfolg, ehe auch hier die totale Dominanz der Europäer begann. Auch das trägt dazu bei, dass die Brasilianer Tite einen Vertrauensvorschuss gewähren. Einer, der es mit den Europäern aufnehmen kann.

          Seitdem scheint die brasilianische Fußballseele wieder mit sich im Reinen. Die Seleção ließ ihre südamerikanische Konkurrenz in der WM-Qualifikation weit hinter sich. Doch ein Rest Misstrauen bleibt. Seit der Fußverletzung von Superstar Neymar ist das Nervenkostüm der Brasilianer wieder angekratzt. Zu dünn ist die Spielerdecke, auf die sich Tite verlassen kann.

          Der Ausfall eines Leistungsträgers wie Neymar, Gabriel Jesus oder Philippe Coutinho würde die Seleção in Russland schwer treffen. Bislang musste Tite noch keine wirkliche Bewährungsprobe im Amt überstehen, das er seit dem vorzeitigen Aus der Brasilianer bei der Copa America 2016 in den Vereinigten Staaten innehat. Erst wenn die erste Krise erfolgreich gemeistert ist, wird sich zeigen, ob Tite auch dieser Aufgabe gewachsen ist. Denn aller Erfolge auf Vereinsebene zum Trotz: Auch in Russland zählt für Brasilien nur der Titelgewinn. Dann wären für die Brasilianer auch die Bilder der WM 2014 an der weißen Mauer der Copacabana endlich zu ertragen.

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